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Arbeitszeit : Mit der Arbeitszeitdebatte in Europa nicht allein

  • Aktualisiert am

Kürzer im Kaffeehaus sitzen, länger arbeiten? Bild: dpa

Auch in den Niederlanden und Österreich wird über die 40-Stunden-Woche diskutiert. Die Schweiz hält den internationalen Rekord der statistisch längsten Arbeitszeit. Alle sorgen sich um die Wettbewerbsfähigkeit.

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          Die Diskussion um längere Arbeitszeiten hat begonnen. Deutschland steht damit in Europa nicht allein. Auch in den Niederlanden und in Österreich drängen die Unternehmen zur Mehrarbeit, um ihre Wettbewerbsfähigkeit zu sichern. Die Schweiz ist dagegen schon dort, wo andere Länder noch hinwollen.

          Niederlande

          In den Niederlanden spitzt sich die seit Monaten geführte Debatte über eine Lockerung der Arbeitszeitregeln zu. Anfang des Jahres hatte Arbeitsminister Aart de Geus angeregt, die gesetzliche Obergrenze der wöchentlichen Arbeitszeit von 48 auf 60 Stunden heraufzusetzen. Der christlich-demokratische Politiker hatte aber klargestellt, daß es um flexible Regeln zur Stärkung der Wettbewerbsfähigkeit gehe, die in die Zuständigkeit der Tarifparteien fielen.

          Für Wirbel sorgte in der vergangenen Woche Wirtschaftsminister Laurens Jan Brinkhorst mit einem in den Medien als "Brandbrief" bezeichneten Vermerk für das Haager Kabinett. Der noch unveröffentlichte Entwurf mit dem Titel "Entscheiden zugunsten von Wachstum" sorgte vor allem für Aufsehen, weil der 67 Jahre alte linksliberale Politiker neben einer Anhebung der derzeitigen Altersgrenze von 65 Jahren für Berufstätige eine Lockerung des Kündigungsschutzes sowie eine Verlängerung der Wochenarbeitszeit verlangt. Vor allem die Anregung, die wöchentliche Arbeitszeit im öffentlichen Dienst von derzeit 36 auf 40 Stunden zu erhöhen, stiftete bei Gewerkschaften und Oppositionspolitikern Unmut.

          Der in der Regierung aus Christlichen Demokraten, Rechts- sowie Linksliberalen federführend für Strukturreformen zuständige Brinkhorst fühlte sich zu Unrecht angegriffen, weil nur einzelne Punkte aus seinem Plan herausgegriffen worden waren. Für die Regierung steht außer Frage, daß der im vergangenen Jahr mit Arbeitgebern und Gewerkschaften für zwei Jahre vereinbarten Lohnstopp nicht ausreicht, die Wettbewerbsposition im gewünschten Maß zu stärken.

          Daher setzt Brinkhorst auf eine Vielzahl von Instrumenten, zu denen Senkungen der Körperschaftsteuer, mehr Anstrengungen in Aus- und Weiterbildung, eine Durchforstung des Vorschriftendschungels sowie eine erleichterte Zuwanderung für hochqualifizierte ausländische Arbeitnehmer zählen. Die Lockerung der Arbeitszeitregelung sei nur ein Element des Brinkhorst-Projekts, heißt es in Den Haag. Erstmals hat das Kabinett am Freitag über die Vorschläge beraten. Diese sollen in Abstimmung mit Regierungschef Jan Peter Balkenende innerhalb der kommenden drei Wochen publik gemacht werden.

          Österreich

          Nach dem Vorstoß von Siemens in Deutschland ist nun auch in Österreich eine Debatte über längere Arbeitszeiten ausgebrochen. Der neubestellte Präsident der Österreichischen Industriellenvereinigung, Veit Sorger, hat zur Stärkung der Wettbewerbsfähigkeit eine Erhöhung der Arbeitszeit ohne Lohnausgleich angeregt. Das hat innerhalb der Mitte-rechts-Regierung von ÖVP und FPÖ unterschiedliche Standpunkte zutage gefördert und den Widerstand von Opposition und Gewerkschaft hervorgerufen.

          In Österreich ist die Normalarbeitszeit gesetzlich mit 40 Stunden wöchentlich und acht Stunden täglich nach oben begrenzt. In der Praxis vereinbaren die Tarifpartner nach Berufsgruppen unterschiedliche Arbeitszeiten, die zumeist zwischen 38 und 40 Stunden liegen. Die österreichischen Beschäftigten weisen dabei nach Einschätzung des Instituts der deutschen Wirtschaft (IW) eine deutlich höhere Jahresarbeitszeit als deutsche Arbeitnehmer aus. So verbrachte ein österreichischer Industriearbeiter im Jahr 2002 rund 1720 Stunden an seinem Arbeitsplatz, sein deutscher Kollege 1557 Stunden. Die längere Jahresarbeitszeit hängt auch mit dem kürzeren Jahresurlaub von 25 Arbeitstagen in Österreich zusammen.

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