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Arbeitsmarktzahlen richtig interpretieren : Die Crux mit der Altersarbeitslosigkeit

Ältere arbeiten mehr - nicht weniger Bild: dpa

Die Zahl der älteren Arbeitslosen steigt, doch das heißt noch lange nicht, dass Ältere schlechtere Arbeitsmarktchancen haben, denn es gibt einfach mehr Ältere - auch mehr arbeitende. Beim Interpretieren der Arbeitsmarktstatistik ist Vorsicht geboten.

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          Auf kaum einem anderen Feld gehen die Interpretationen so auseinander wie bei der Arbeitsmarktsituation von älteren Menschen. Am Freitag machten aktuelle Daten der Bundesagentur für Arbeit die Runde, wonach die Zahl der arbeitslosen Menschen die älter als 55 Jahre sind im Durchschnitt des Jahres 2012 auf knapp 545.000 gestiegen ist. Das waren „gut 27 Prozent“ mehr als noch 2008. Im selben Zeitraum sank die Arbeitslosigkeit insgesamt jedoch um 11 Prozent. Also schlussfolgerte eine Regionalzeitung: „Ältere Arbeitslose haben kaum noch Job-Chancen“.

          Sven Astheimer

          Verantwortlicher Redakteur für die Unternehmensberichterstattung.

          Ein klassischer Fehlschluss, sagt Axel Börsch-Supan, Direktor des Max-Planck-Instituts für Sozialrecht und Sozialpolitik in München und einer führenden Altersforscher der Republik. Es werde häufig derselbe Fehler bei der Auslegung absoluter Zahlen gemacht, warnt der Wissenschaftler: „Es fehlt die Bezugsgröße.“ Im aktuellen Beispiel weist Börsch-Supan darauf hin, dass im selben Zeitraum die Beschäftigung von der Über-55-Jährigen um 36 Prozent gestiegen ist. „Das heißt, die Älteren haben heute bessere, nicht schlechtere Chancen am Arbeitsmarkt als 2008.“

          Die Babyboomer werden alt

          Ein häufiger Denkfehler in diesem Zusammenhang ist, anzunehmen, dass die Bilanzen von Erwerbstätigen und Arbeitslosen ein Nullsummenspiel sind. Das heißt, stiege die Zahl der arbeitenden Älteren, müsste die Arbeitslosigkeit zurückgehen und umgekehrt. Das stimmt jedoch nicht. Denn es gibt auch eine Stille Reserve. Das sind Personen, die unter bestimmten Umständen arbeiten würden, sich jedoch gerade aus welchen Gründen auch immer vom Arbeitsmarkt zurückgezogen haben. Diese Stille Reserve ist in den vergangen Jahren aufgrund der guten Arbeitsmarktentwicklung insgesamt deutlich geschrumpft. Zwar gibt es keine gesicherten Daten für Ältere, aber Arbeitsmarktforscher gehen auch in dieser Gruppe von einem deutlichen Rückgang aus.

          Denn die Zahl der sozialversichert Beschäftigten zwischen 55 und 65 Jahren ist zwischen 2008 und 2012 um rund eine Million auf 4,4 Millionen gestiegen. Die Arbeitsagentur liefert dafür zwei Erklärungsansätze. Zum einen die demographischen Veränderungen, das heißt, die starke Babyboomergeneration wächst in diese Bevölkerungsgruppe hinein. Der selbe Effekt tritt übrigens auch bei den Arbeitslosen auf - es gibt einfach mehr Ältere. Deshalb ist wichtig, wie groß der Anteil an der entsprechenden Gesamtbevölkerung in dieser Altersgruppe ist. Der Blick zeigt, dass die Quote zwischen 2008 und 2012 um 5 Punkte auf rund 52 Prozent gestiegen ist. Zuletzt hat sie sich sogar günstiger entwickelt als der Durchschnitt für alle Altersklassen.

          Schließlich fällt in diese Zeitspanne auch das Auslaufen der staatlich geförderten Frühverrentung. Während 2008 noch rund 600.000 Personen aufgrund dieser Arbeitsmarktpolitik in der Statistik nicht auftauchten, waren es zuletzt rund eine halbe Million weniger.

          Einen strukturellen Nachteil am Arbeitsmarkt haben die Älteren allerdings trotz aller gestiegenen Beschäftigungschancen: Werden sie erst einmal arbeitslos, haben sie es deutlich schwerer als die Jüngeren, wieder eine neue Stelle zu finden. Deshalb könnte die derzeitige Stagnation am Arbeitsmarkt die Entwicklung bei den Älteren auch stärker abbremsen. Eine Trendwende sehe man jedoch nicht, sagte eine Sprecherin.

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