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Arbeitsmarktintegration : Schwedens Flüchtlingspolitik ist teuer und erfolglos

Schon schnell nach Ankunft nicht mehr arbeitslos? Für viele Flüchtlinge in Schweden hat sich dieser Traum nicht erfüllt. Bild: dpa

Die Skandinavier geben Milliarden für die Integration von Flüchtlingen in den Arbeitsmarkt aus. Eine neue Studie fördert aber Ernüchterndes zu Tage.

          Schweden galt lange als Vorreiter für die Integration von Flüchtlingen. Die Skandinavier nehmen im Verhältnis mehr Asylbewerber auf als andere europäische Länder und investieren viel Geld in deren Integration. Eine Untersuchung der Industrieländerorganisation OECD, die am Freitag in Stockholm vorgestellt wurde, fällt ernüchternd aus: Zwar habe das Land eine gute Ausgangslage, um seine Schwierigkeiten zu lösen. Die teuren Instrumente für die Arbeitsmarktintegration erwiesen sich jedoch als wenig effizient. Das System müsse reformiert werden. Außerdem müsse Schweden die Probleme am Wohnungsmarkt angehen. Der Mangel an Wohnraum für Flüchtlinge habe häufig Integrationsbemühungen verzögert.

          Sven Astheimer

          Verantwortlicher Redakteur für Unternehmen.

          Die Not in Schweden wurde spätestens im November augenfällig, als die Grünenpolitikerin und Vize-Regierungschefin Åsa Romson unter Tränen eine strengere Asylpolitik ankündigte. Der Anteil von Flüchtlingen und ihren Kindern an der schwedischen Bevölkerung stieg nach OECD-Schätzungen 2015 um einen Punkt auf 8 Prozent – soviel wie in keinem anderen europäischen Land. Der Pro-Kopf-Zugang von Schutzsuchenden sei damit der höchste gewesen, der je in einem Mitgliedstaat gemessen wurde. Insgesamt kamen rund 163000 Menschen.

          In Schweden gibt es zur Integration der Flüchtlinge ein zweijähriges „Einführungsprogramm in Bildung und Arbeitsmarkt“. Es besteht aus Sprachkursen, Bewerbungstrainings und Praktika. Die Teilnahme ist nicht verpflichtend, aber weil sie mit Zuschüssen zur Sozialhilfe belohnt wird, sind die Beteiligungsquoten hoch. Zuletzt befanden sich rund 55.000 Personen im Programm. Der Staat stellt umgerechnet 1,7 Milliarden Euro in diesem Jahr dafür bereit. Angesichts dieser hohen Summe sind die Ergebnisse vor allem für die geringqualifizierten Teilnehmer bescheiden, wie der Blick der OECD auf deren Werdegang zeigt: Ein Jahr nach Ende des Programms waren nur noch 28 Prozent der geringqualifizierten Männer und ganze 19 Prozent der Frauen beschäftigt.

          „Programm ist zu starr“

          „Das Programm ist sinnvoll, aber in seiner jetzigen Form zu starr“, fasste OECD-Fachmann Thomas Liebig das Ergebnis im Gespräch mit der F.A.Z. zusammen. Während zwei Jahre für Hochqualifizierte oft zu lange seien, dauere die Integration Geringqualifizierter zumeist deutlich länger. In Deutschland gehen Fachleute von bis zu fünf Jahren aus, um die Sprache zu lernen und eine berufliche Qualifikation zu erwerben. Schweden sammelt laut Liebig derzeit Erfahrungen mit der Turbo-Integration von Migranten mit begehrten Qualifikationen. Er nannte das Beispiel von Lehrern, die nach Sprachkurs und Einweisung in die schwedische Pädagogik zügig als Hilfslehrer an die Schulen kommen. Am schwedischen Arbeitsmarkt sind wohl noch stärker als in Deutschland qualifizierte Arbeitnehmer gefragt. Schätzungen zufolge sind bei den Nordeuropäern nur noch 5Prozent der Tätigkeiten für Geringqualifizierte überhaupt erreichbar.

          Es gibt aber auch positive Nachrichten der OECD für Schweden: Zwar schneiden auch dort die Kinder von Flüchtlingen schlechter ab als die Kinder von Einheimischen – die Unterschiede sind aber geringer als in allen anderen Ländern. „Den Eltern fällt zwar die Integration oft schwer, die Investitionen zahlen sich aber bei ihren Kindern aus“, sagt Liebig.

          Wie in Deutschland kommen auch nach Schweden viele unbegleitete jugendliche Flüchtlinge. Im vergangenen Jahr waren es 71000. In deren Integration investiert der Staat besonders kräftig, schließlich sind die Kosten für Therapien oder Plätze in speziellen Wohnheimen für diese Jugendlichen bis zu sechs mal höher als für einen erwachsenen Flüchtling. Angesichts der hohen Kosten sei derzeit „Differenzierung das Gebot der Stunde“, sagt Liebig. Es werde geprüft, welcher Jugendliche welche Maßnahme braucht. Auch debattiert das Land derzeit über eine Aussetzung des Familiennachzugs für die Gruppe.

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