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Arbeitsmarkt : Was Menschen beschäftigt

Kommen die „Working poor” bald auch nach Deutschland? Bild: picture-alliance/ dpa/dpaweb

Ist eine Arbeit, von der man nicht leben kann, immer noch besser als gar keine Arbeit? In der Arbeitsmarktpolitik stehen sich zwei Konzepte unversöhnlich gegenüber. Klar ist aber: Besitzstandswahrung beraubt jene ihrer Perspektiven, die nichts besitzen. Ein Kommentar von Sven Astheimer.

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          Zum politischen Handwerk gehört es, vermeintliche Erfolge gebührend zu betonen. Doch in Sachen Arbeitsmarktpolitik sind mittlerweile selbst begabte Strategen der Berliner Regierungsparteien still geworden. Denn die verschiedenen Konzepte stehen sich unversöhnlich gegenüber. Beide Lager trennt ein ideologischer Graben, den zu überbrücken kaum möglich scheint.

          Auf dessen einer Seite stehen die Bewahrer. Sie wollen den deutschen Arbeitsmarkt klassischer Prägung erhalten, der seinen Teilnehmern möglichst hohe Standards garantiert. „Gute Arbeit“, nennt das Bundesarbeitsminister Franz Müntefering bei jeder sich bietenden Gelegenheit. Gut bedeutet für den Sozialdemokraten, dass jeder Erwerbstätige von seinem Einkommen auch leben kann. Deshalb setzt er sich im Schulterschluss mit den Gewerkschaften für einen möglichst flächendeckenden gesetzlichen Mindestlohn ein. Sollte dies in der derzeitigen Konstellation nicht erreichbar sein, dann will Müntefering diese Regulierung wenigstens für so viele Branchen wie möglich festschreiben. Müntefering will den Arbeitsmarkt nach unten abriegeln, wie er sagt. Warnungen, dass dadurch eine große Zahl an Arbeitsplätzen vor allem im Niedriglohnsektor verlorengingen, schlägt der Minister in den Wind.

          Gleicher Lohn für gleiche Arbeit?

          Müntefering und die Gewerkschaften ziehen hier an einem Strang, die Arbeitnehmervertreter wollen aber noch mehr. Sie machen Stimmung gegen „prekäre“ Beschäftigungsformen, zu denen sie auch die Zeitarbeit rechnen. Ihr Slogan lautet: „Gleiches Geld für gleiche Arbeit.“ Er zielt freilich stets nur auf eine Angleichung nach oben. Wenn etwa die Telekom mit ihren Mitarbeitern über eine Anpassung der Vergütung nach unten verhandeln will, um die Lohnstruktur aus Monopolzeiten dem heutigen Wettbewerbsumfeld anzupassen, ist vom „gleichen Lohn für gleiche Arbeit“ nicht mehr die Rede.

          Diese Interpretation von „guter Arbeit“ bedeutet in ihrer praktischen Konsequenz nichts anderes als den Ausschluss vieler, vor allem geringqualifizierter Menschen vom Arbeitsmarkt. Wer drinnen ist im Arbeitsmarkt, genießt den weitreichenden Kündigungsschutz und oft tarifvertraglich geschützte Leistungen. Wer jedoch draußen vor der Tür steht, hat schlechte Karten.

          Droht Deutschland eine Klasse der „Working poor“?

          Auf der anderen Seite stehen die Modernisierer, von denen manche in der Union zu finden sind. Sie plädieren für mehr Flexibilität der Beschäftigungsformen und wollen die Eintrittsbarrieren des Arbeitsmarktes möglichst niedrig halten. Dafür nehmen sie in Kauf, dass sich im unteren Marktsegment auch Beschäftigungsvarianten herausbilden, die das Existenzminimum selbst bei voller Arbeitszeit nicht sichern. Diesen Menschen, derzeit sind es mehr als 600.000, einen Zuschuss zum Einkommen aus Steuergeldern zu gewähren ist für die Modernisierer das kleinere Übel gegenüber dauerhafter Finanzierung von Arbeitslosigkeit. Wenn sie von „guter Arbeit“ reden, meinen sie: Es ist gut, überhaupt Arbeit zu haben. Denn wer einem Beruf nachgeht, ganz gleich, ob in Vollzeit, Teilzeit oder als Minijob, der übt bestimmte Verhaltensweisen ein und trainiert sich quasi selbst, der knüpft Kontakte und stärkt sein Selbstwertgefühl.

          Damit verbindet sich die Hoffnung, dass - ähnlich der Landwirtschaft in den Vereinigten Staaten - auch hierzulande der Niedriglohnsektor ein echtes Sprungbrett in den Arbeitsmarkt bildet. Voraussetzung dafür ist allerdings ein Mindestmaß an Aufstiegschancen für den Einzelnen. Überbordender Formalismus etwa oder fehlende Weiterbildungsoptionen können dazu führen, dass Marktteilnehmer mangels Qualifikation dauerhaft im Niedriglohnsektor verharren. Dann droht Deutschland das, was im Angloamerikanischen „Working poor“ genannt wird: Menschen, die trotz einer Beschäftigung dauerhaft auf staatliche Transfers angewiesen sind.

          Kein Patentrezept

          Was also ist letztlich gut für Arbeit? Der Bedarf nach mehr Flexibilität am Arbeitsmarkt ist in den vergangenen Jahren deutlich zutage getreten, bei Arbeitgebern wie Arbeitnehmern. Weil aber das tradierte „Normalarbeitsverhältnis“ allen Reformversuchen der vergangenen Jahre beharrlich getrotzt hat, reüssierten vor allem die durch die Hartz-Gesetze erleichterten Alternativen: Sechs Millionen Minijobber, vier Millionen Teilzeitkräfte und je eine halbe Million Zeitarbeiter und geförderte Selbständige (Ich-AG) sprechen eine klare Sprache. Dabei handelt es sich keinesfalls nur um mit Hungerlöhnen abgespeiste Friseurinnen aus Ostdeutschland, sondern auch um die Akademikerin, die nach der Erziehungszeit auf Halbtagsbasis zurückkehrt, oder um den Anlagenbauer, der sich seine Projekte über einen Personaldienstleister beschafft. Wer diesen Bedarf an Gestaltungsspielraum negiert, der verkennt schlicht die Wirklichkeit.

          Ein Patentrezept gibt es für die Arbeitsmarktpolitik nicht. Wägt man aber die Vorteile und Risiken beider Konzepte gegeneinander ab, so kann die Antwort nicht in der Beschäftigungschancen zerstörenden Barrikade des Mindestlohns liegen, sondern nur in einer stärkeren Öffnung. In Dänemark etwa konnte der Kündigungsschutz nur deshalb ohne größere Proteste abgeschafft werden, weil die Bevölkerung fest darauf vertraut, dass Arbeitslosigkeit kein schicksalhafter Dauerzustand, sondern im Regelfall eine kurze Episode in der Erwerbsbiographie ist; da Arbeitgeber nicht vor neuen Festanstellungen zurückschrecken, weil sie fürchten, dass ihnen in schlechten Zeiten die Personalkosten die Luft zum Atmen nehmen. Wer vor allem auf Besitzstandswahrung aus ist, der beraubt gerade jene ihrer Perspektiven, die nichts besitzen. Das sind in Deutschland immer noch fast vier Millionen Arbeitslose. Für diese Menschen muss an erster Stelle der Zugang zum Arbeitsmarkt erleichtert werden. Denn gut ist zunächst einmal das, was Menschen beschäftigt.

          Sven Astheimer

          Verantwortlicher Redakteur für die Unternehmensberichterstattung.

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