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Arbeitsmarkt in Deutschland : Drücken die Flüchtlinge unsere Löhne?

  • -Aktualisiert am

Flüchtlinge an der serbisch-ungarischen Grenze Bild: AP

Hunderttausende Flüchtlinge werden bald in Deutschland Arbeit suchen. Sind damit auch niedrigere Löhne und mehr Ungleichheit zu erwarten?

          4 Min.

          Was passiert, wenn Hunderttausende neue Arbeitskräfte auf einen Schlag auf einen bestehenden Arbeitsmarkt drängen, zum Beispiel durch Masseneinwanderung? Die ökonomische Theorie hat darauf eine einfache Antwort. Die Einwanderer erhöhen das Angebot an Arbeitskräften und damit die Nachfrage nach Arbeitsplätzen. Arbeitgeber müssen weniger Geld bieten, um offene Stellen zu besetzen; die Löhne sinken. Kann das nicht geschehen, weil es wie in Deutschland einen Mindestlohn gibt, konkurrieren zunächst mehr Menschen um eine gleichbleibende Anzahl von Arbeitsplätzen; die Arbeitslosigkeit steigt.

          Wird es also wegen der vielen Flüchtlinge, die im Moment nach Deutschland kommen, schon bald niedrigere Löhne oder weniger Arbeitsplätze für Einheimische geben – oder gar beides? Die Antwort für die Praxis ist – glücklicherweise – komplexer als die ökonomische Theorie. Kurz- und mittelfristig wird die große Anzahl der Flüchtlinge wohl tatsächlich zu mehr Arbeitslosigkeit führen, wie Frank-Jürgen Weise, der Chef der Bundesagentur für Arbeit, vergangene Woche der F.A.Z. sagte. Allerdings nicht, weil die Neuankömmlinge einheimische Arbeitskräfte verdrängen werden. Sondern weil viele der Flüchtlinge eine Weile brauchen werden, um auf dem Arbeitsmarkt Fuß zu fassen, etwa weil sie noch nicht ausreichend Deutsch können oder ihre Ausbildung hierzulande nicht anerkannt wird. „Die zusätzlichen Arbeitslosen in der Statistik werden überwiegend Flüchtlinge sein“, sagt der Arbeitsökonom Klaus Zimmermann, Leiter des Instituts zur Zukunft der Arbeit (IZA). Allerdings sind die Chancen gut, dass über kurz oder lang ein Großteil von ihnen eine Arbeit findet, insbesondere weil die allermeisten noch sehr jung sind und deswegen etwa eine fehlende Ausbildung zügig nachholen können, wenn man ihnen die Gelegenheit gibt.

          Einwanderung verbessert die Situation am Arbeitsmarkt

          Aber wird nicht zumindest die Beschäftigung derjenigen Flüchtlinge, die Arbeit finden, die Arbeitsmarktchancen und die Löhne der Einheimischen beeinträchtigen, wie sie es nach der eingangs erwähnten Theorie tun müsste? Bisherige Erfahrungen mit großen Migrationsbewegungen deuten nicht darauf hin. Die Wirklichkeit hält sich offenbar nicht an die ökonomische Theorie. „Es gibt in der Literatur keine empirischen Belege dafür, dass Masseneinwanderung die Löhne drückt oder einheimische Arbeitnehmer dadurch verdrängt werden“, sagt Ökonom Zimmermann. Im Gegenteil kommt ein Großteil der Studien in der Arbeitsmarktökonomie zu dem Ergebnis, dass Einwanderung die Situation am Arbeitsmarkt sogar verbessert.

          Das liegt daran, dass Einwanderer in der Regel andere Qualifikationen haben als Einheimische und deshalb zunächst kaum mit ihnen um die gleichen Stellen wetteifern. Oft übernehmen sie zunächst Arbeiten weit unter ihrem Qualifikationsniveau, die kein Einheimischer machen will. So arbeiten Einwanderer aus Lateinamerika in den Vereinigten Staaten in Aushilfsjobs in der Gastronomie. Rumänische Saisonarbeiter zerteilen auf niedersächsischen Schlachthöfen Schweinehälften. Und in Großbritannien machen Osteuropäer einen Großteil der Knochenarbeit in der Bauindustrie. Doch auch wenn Einwanderer einer höherqualifizierten Arbeit nachgehen, verdrängen sie die Einheimischen in der Regel nicht, sondern ergänzen deren Arbeit.

          Das Thema ist gut erforscht, weil es in der Vergangenheit schon häufiger Migrationsbewegungen gegeben hat, die der aktuellen ähnlich waren. So kamen von Beginn der neunziger Jahre bis zum Jahr 2008 Zehntausende Flüchtlinge aus Somalia und Afghanistan nach Dänemark, wo nur 5,6 Millionen Menschen leben. Ähnlich wie die Syrer, die heute nach Deutschland kommen, hatten nur wenige von ihnen Kenntnisse der Landessprache oder brachten relevante Berufsqualifikationen mit. Die Ökonomen Mette Foged und Giovanni Peri untersuchten die Auswirkungen dieser Massenmigration auf den dänischen Arbeitsmarkt und fanden heraus, dass Einheimische als Folge der Einwanderung anspruchsvollere und besser bezahlte Tätigkeiten ausübten als vorher.

          Führt mehr Einwanderung zu mehr Ungleichheit?

          Anderswo sieht es ähnlich aus: Die massenhafte Einwanderung osteuropäischer Staatsbürger nach Großbritannien nach der EU-Osterweiterung wirkte sich nach Studien von Forschern des University College London insgesamt positiv auf die Löhne britischer Arbeitnehmer aus. Und auch die Millionen Mexikaner, die in den Vereinigten Staaten einer Arbeit nachgehen, ob legal oder illegal, haben einer Reihe von Studien zufolge weder die Löhne einheimischer Amerikaner gedrückt noch ihre Jobchancen verringert.

          Allerdings sagen solche gesamtwirtschaftlichen Berechnungen noch nicht unbedingt etwas darüber aus, wie die Einwanderung sich auf die Situation einzelner Gruppen am Arbeitsmarkt auswirkt. Selbst wenn Einwanderung insgesamt einen zu vernachlässigenden oder sogar positiven Effekt auf die Löhne hat, heißt das nicht, dass alle gleichmäßig davon profitieren. Zum Beispiel könnten die Löhne von Gutverdienern enorm steigen – weil die Einwanderung es etwa hochqualifizierten Frauen leichter macht, eine günstige Kinderbetreuung zu finden und anspruchsvollere, besser bezahlte Stellen anzunehmen –, während Geringverdiener Einbußen in Kauf nehmen müssten.

          Führt mehr Einwanderung also zu mehr Ungleichheit? Auch dafür gibt es kaum belastbare Belege aus der Praxis. Zwar kommen einige Studien, etwa aus Großbritannien und den Vereinigten Staaten, zu dem Ergebnis, dass Masseneinwanderung zu geringen Gehaltseinbußen bei einheimischen Arbeitnehmern führen kann, die keine Berufsausbildung haben. „In diesen Fällen sind die Effekte aber derartig klein, dass man sie eigentlich nicht guten Gewissens zitieren sollte“, sagt IZA-Chef Zimmermann. Für relevanter hält er dagegen die zusätzliche Inanspruchnahme öffentlicher Dienstleistungen wie des sozialen Wohnungsbaus, von denen hauptsächlich Geringverdiener profitieren. Wenn Wohnraum wegen der Einwanderung knapp wird, litten darunter überproportional arme Einheimische. „Wenn das passiert, muss der Staat mit zusätzlichen Investitionen helfen“, fordert Zimmermann.

          Deutschland: Ein Forschungsfeld für Arbeitsökonomen

          Allerdings kann Einwanderung die Ungleichheit auch reduzieren. In Dänemark konnte von sinkenden Löhnen und ruinösem Wettbewerb wegen der Einwanderung aus Somalia und Afghanistan keine Rede sein: Die Flüchtlinge übernahmen anfangs zunächst Arbeiten, die kaum Qualifikationen erforderten. Sie konkurrierten also hauptsächlich mit Einheimischen, die keine oder nur eine sehr begrenzte Berufsausbildung hatte. Trotzdem mussten insbesondere geringqualifizierte Einheimische weder Lohneinbußen noch höhere Arbeitslosigkeit hinnehmen. Im Gegenteil stiegen deren Löhne sogar mit der Zeit, weil sie durch den Wettbewerb nicht in Arbeitslosigkeit gerieten, sondern mehrheitlich in besser bezahlte Jobs aufstiegen.

          Der Blick zurück erlaubt also eine vorsichtig optimistische Prognose für die Auswirkungen der Massenflucht auf den Arbeitsmarkt. Eins ist jetzt schon klar: Deutschland wird in den nächsten Jahren ein dankbares Forschungsfeld für Arbeitsökonomen abgeben.

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