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Arbeitsmarkt in Deutschland : Drücken die Flüchtlinge unsere Löhne?

  • -Aktualisiert am

Flüchtlinge an der serbisch-ungarischen Grenze Bild: AP

Hunderttausende Flüchtlinge werden bald in Deutschland Arbeit suchen. Sind damit auch niedrigere Löhne und mehr Ungleichheit zu erwarten?

          Was passiert, wenn Hunderttausende neue Arbeitskräfte auf einen Schlag auf einen bestehenden Arbeitsmarkt drängen, zum Beispiel durch Masseneinwanderung? Die ökonomische Theorie hat darauf eine einfache Antwort. Die Einwanderer erhöhen das Angebot an Arbeitskräften und damit die Nachfrage nach Arbeitsplätzen. Arbeitgeber müssen weniger Geld bieten, um offene Stellen zu besetzen; die Löhne sinken. Kann das nicht geschehen, weil es wie in Deutschland einen Mindestlohn gibt, konkurrieren zunächst mehr Menschen um eine gleichbleibende Anzahl von Arbeitsplätzen; die Arbeitslosigkeit steigt.

          Wird es also wegen der vielen Flüchtlinge, die im Moment nach Deutschland kommen, schon bald niedrigere Löhne oder weniger Arbeitsplätze für Einheimische geben – oder gar beides? Die Antwort für die Praxis ist – glücklicherweise – komplexer als die ökonomische Theorie. Kurz- und mittelfristig wird die große Anzahl der Flüchtlinge wohl tatsächlich zu mehr Arbeitslosigkeit führen, wie Frank-Jürgen Weise, der Chef der Bundesagentur für Arbeit, vergangene Woche der F.A.Z. sagte. Allerdings nicht, weil die Neuankömmlinge einheimische Arbeitskräfte verdrängen werden. Sondern weil viele der Flüchtlinge eine Weile brauchen werden, um auf dem Arbeitsmarkt Fuß zu fassen, etwa weil sie noch nicht ausreichend Deutsch können oder ihre Ausbildung hierzulande nicht anerkannt wird. „Die zusätzlichen Arbeitslosen in der Statistik werden überwiegend Flüchtlinge sein“, sagt der Arbeitsökonom Klaus Zimmermann, Leiter des Instituts zur Zukunft der Arbeit (IZA). Allerdings sind die Chancen gut, dass über kurz oder lang ein Großteil von ihnen eine Arbeit findet, insbesondere weil die allermeisten noch sehr jung sind und deswegen etwa eine fehlende Ausbildung zügig nachholen können, wenn man ihnen die Gelegenheit gibt.

          Einwanderung verbessert die Situation am Arbeitsmarkt

          Aber wird nicht zumindest die Beschäftigung derjenigen Flüchtlinge, die Arbeit finden, die Arbeitsmarktchancen und die Löhne der Einheimischen beeinträchtigen, wie sie es nach der eingangs erwähnten Theorie tun müsste? Bisherige Erfahrungen mit großen Migrationsbewegungen deuten nicht darauf hin. Die Wirklichkeit hält sich offenbar nicht an die ökonomische Theorie. „Es gibt in der Literatur keine empirischen Belege dafür, dass Masseneinwanderung die Löhne drückt oder einheimische Arbeitnehmer dadurch verdrängt werden“, sagt Ökonom Zimmermann. Im Gegenteil kommt ein Großteil der Studien in der Arbeitsmarktökonomie zu dem Ergebnis, dass Einwanderung die Situation am Arbeitsmarkt sogar verbessert.

          Das liegt daran, dass Einwanderer in der Regel andere Qualifikationen haben als Einheimische und deshalb zunächst kaum mit ihnen um die gleichen Stellen wetteifern. Oft übernehmen sie zunächst Arbeiten weit unter ihrem Qualifikationsniveau, die kein Einheimischer machen will. So arbeiten Einwanderer aus Lateinamerika in den Vereinigten Staaten in Aushilfsjobs in der Gastronomie. Rumänische Saisonarbeiter zerteilen auf niedersächsischen Schlachthöfen Schweinehälften. Und in Großbritannien machen Osteuropäer einen Großteil der Knochenarbeit in der Bauindustrie. Doch auch wenn Einwanderer einer höherqualifizierten Arbeit nachgehen, verdrängen sie die Einheimischen in der Regel nicht, sondern ergänzen deren Arbeit.

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