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Arbeitsmarkt : Der Arbeitskräftemangel bremst das Wachstum

Bild: F.A.Z.-Kai

Wie leergefegt sei der Markt für gute Mitarbeiter, berichten Unternehmer. Für viele Betriebe ist inzwischen der Mangel an Arbeitskräften sogar zu einem der größten Wachstumshemmnisse geworden. Fachkräfte fehlen vor allem in technischen Berufen.

          Die Messe Nürnberg, den Internetportalgestalter Bassier, Bergmann & Kindler (BB & K) aus Oberhausen und den Frankfurter Solaranlagenanbieter Consolar vereint eines: Sie alle suchen händeringend Mitarbeiter. „Wir könnten noch mehr Aufträge annehmen, wenn wir mehr Mitarbeiter bekämen“, sagt Michael Bassier, Mitinhaber der Kommunikationsagentur BB & K. Aber der Markt für gute Mitarbeiter sei wie leergefegt.

          Georg Giersberg

          Redakteur in der Wirtschaft, zuständig für „Der Betriebswirt“.

          Umfragen im Mittelstand wie zuletzt die von Creditreform und DZ Bank belegen, dass für viele Unternehmen inzwischen der Mangel an Mitarbeitern eines der größten Wachstumshemmnisse ist. In der Elektrotechnik haben bei einer Umfrage unter den Mitgliedern des ZVEI Zentralverbandes Elektrotechnik- und Elektronikindustrie Unternehmen angegeben, dass ihnen wegen Fachkräftemangels ein bis zu drei Prozentpunkte Umsatzzuwachs entgehen.

          Kampf um junge Mitarbeiter wird schärfer

          Aber nicht nur die direkt betroffenen Unternehmen leiden unter einer nicht besetzten Stelle. „Jede nicht besetzte Ingenieurstelle zieht insgesamt 2,3 nicht realisierte Arbeitsplätze in Forschung (1,8 Stellen) und Handel (0,5 Stellen) nach sich. Demnach entgehen uns bei gut 20 000 nicht besetzten Ingenieurstellen insgesamt mehr als 70 000 Stellen und deren Wertschöpfung. Allein die aufgrund der entgangenen Einkommen verlorene Wertschöpfung summiert sich auf 3,7 Milliarden Euro“, vermutet Eike Lehmann, Präsident des VDI Verbands Deutscher Ingenieure.

          Der Ingenieurmangel führt schon heute „insbesondere in den Forschungs- und Entwicklungsabteilungen zu späterer Marktreife neuer Produkte und damit zu Marktanteilsverlusten und weniger Umsatz bei vielen Unternehmen“, beklagt ZVEI-Präsident Friedhelm Loh. Er ruft die Firmen daher dringend dazu auf, mehr Geld in die Ausbildung junger Menschen wie auch in die Weiterbildung älterer Mitarbeiter zu investieren. Der Kampf um junge Mitarbeiter werde angesichts der kommenden geburtenschwachen Jahrgänge noch an Schärfe zunehmen. Man müsse sich nicht nur überlegen, wie man neue Mitarbeiter bekomme, sondern auch, wie man Mitarbeiter langfristig an das Unternehmen binde und ihr Abwandern verhindere.

          In fast allen Branchen wird wieder eingestellt

          Dass inzwischen in der ganzen Breite der Wirtschaft nach Mitarbeitern gesucht wird, bestätigt die kontinuierliche Erfassung von Unternehmensankündigungen, Stellen streichen oder schaffen zu wollen, durch die F.A.Z. Während sich im ersten Quartal 2007 die Ankündigungen deutscher Unternehmen, mehr als 100 Stellen neu besetzen zu wollen, auf knapp 41.000 zusätzliche Arbeitsplätze addiert, summieren sich die Stellenabbauankündigungen der ersten drei Monate auf lediglich gut 16.000 Stellen.

          In fast allen Branchen wird wieder eingestellt. Ausnahmen bilden einige Automobilzulieferer, Problembranchen wie die Porzellanindustrie oder Unternehmen mit hausgemachten Schwierigkeiten wie Airbus oder Märklin. Die überwiegende Zahl der deutschen Unternehmen sucht dagegen wieder neue Mitarbeiter - den guten Verkäufer ebenso wie gute Techniker.

          Mangel vor allem in den technischen Berufen

          Immer größere Lücken zwischen Nachfrage und Angebot öffnen sich in den technischen Berufen. Technik sei in Deutschland zu lange als negativ (Kernkraft, Umweltzerstörung) verteufelt worden, beklagen viele Personalchefs. Der seit Jahren anhaltende Ingenieur- und Fachkräftemangel, sinkende Absolventenzahlen und das nachlassende Interesse von Studenten und Schülern an technischen Berufen würden für den Technologie- und Innovationsstandort Deutschland immer mehr zum Problem.

          Der Aufschwung am Arbeitsmarkt hat die gesamte Wirtschaft erreicht. Allein für die Elektroindustrie wurden sich die neuen Stellen in diesem Jahr auf 7000 bis 8000 belaufen, schätzt ZVEI-Präsident Loh. „Es können sogar noch mehr werden, weil bisher ein großer Teil der Mehrarbeit über Überstunden und Leiharbeit gelaufen ist, die jetzt in neue Stellen mit Festanstellung übergehen“, sagt er.

          Inwieweit die Großindustrie und darunter vor allem die im Börsenindex Dax 30 vereinten Konzerne am Stellenaufbau teilnehmen, ist nicht leicht zu erkennen. Einerseits beruhen Veränderungen in der Mitarbeiterzahl oft auf dem Verkauf oder dem Zukauf von Beteiligungen. So hat die Postbank die Zahl ihrer Mitarbeiter im vergangenen Jahr mehr als verdoppelt - durch die Übernahme der Bankgruppe BHW und zahlreicher Filialen von der Deutschen Post. Zudem wird häufig nicht differenziert, ob Personalveränderungen im In- oder im Ausland stattfinden. Aber auch bei den Großunternehmen ist im ersten Quartal 2007 der Trend eindeutig weg von Stellenstreichungen hin zu mehr Einstellungen. Zu den größten Arbeitsplatzschaffern gehörten in den vergangenen Wochen die Deutsche Lufthansa, der Salzgitter-Konzern oder Merck KGaA.

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