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Arbeitsmarkt : „Das Kapital hat viel Macht“

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Glaubt nicht an die „unsichtbare Hand” - Ökonom Richard Freeman Bild: F.A.Z.-Christoph Bangert

Für Harvard-Ökonom Richard Freeman wird die Debatte über den deutschen Arbeitsmarkt zu sehr von den Konservativen beherrscht: Verringerung der Unternehmensteuern und niedrigere Löhne würden als Allheilmittel dargestellt. So einfach ist es nicht.

          5 Min.

          Richard Freeman ist Hutträger und gilt als einer der führenden Arbeitsmarktökonomen in den Vereinigten Staaten. An die „unsichtbare Hand“, die nach Ansicht klassischer Ökonomen Angebot und Nachfrage auf den Märkten zum Ausgleich bringt, glaubt der Professor an der renomierten Havard-Universität nicht. Im Interview mit der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung äußert er sich über schwache Gewerkschaften, bezahlbare Haushaltshilfen und einen Besuch im Berliner Arbeitsamt.

          Herr Professor Freeman, sind die Gewerkschaften noch zu retten?

          An einer wichtigen Einsicht führt kein Weg vorbei: Die Möglichkeiten zum Abschluß von Tarifverträgen sind im Zeitalter der Globalisierung äußerst begrenzt. Das Kapital hat viel Macht. Die Unternehmen können die Arbeitsplätze jederzeit an einen anderen Ort verlagern. Damit können die Gewerkschaften vieles von dem, was sie einst taten, heute nicht mehr tun.

          Das hört sich so an, als sei die Globalisierung allein für deren Niedergang verantwortlich.

          Nein, ganz so ist es nicht. Der Einfluß der Gewerkschaften ist auch in vielen Wirtschaftszweigen geschwunden, die von der Globalisierung überhaupt nicht betroffen sind. Nehmen Sie die einst so einflußreichen Fernfahrer hier in Amerika. Ihnen haben Deregulierung und schärferer Wettbewerb die Macht entzogen.

          Wie das?

          Die Strategie der Gewerkschaften gründete sich traditionell auf die Vorstellung, daß die Arbeitgeber eine Form von Monopolmacht besäßen, die gebrochen werden könne und müsse, um zusätzliches Geld für die Arbeiter herauszuschlagen. Das war lange richtig. Die Globalisierung und eben auch die Deregulierung haben dazu geführt, daß die Gewinne der Unternehmer geringer geworden sind. Darum ist auch weniger Geld vorhanden, das unter den Arbeitern verteilt werden kann.

          Das klingt aus Sicht der Gewerkschaften nicht sonderlich ermutigend.

          Die Gewerkschaften können es sich einfach nicht mehr leisten, hohe Löhne zu vereinbaren und darauf zu vertrauen, daß das Unternehmen es schon verkraften wird.

          Welches Angebot müssen sie denn machen, um künftig noch eine Chance zu haben?

          Sie müssen einen Mehrwert für die Arbeitnehmer schaffen. Sie müssen einen Beitrag leisten zum Produktivitätsfortschritt, der dem Unternehmen Gewinne einbringt und es in die Lage versetzt, ein guter Arbeitgeber zu sein und neue Stellen zu schaffen.

          Glauben Sie, daß sich die Arbeiter dann für Gewerkschaften begeistern?

          Die Erwartungen an die Gewerkschaften sind von Land zu Land höchst unterschiedlich. Hier in Amerika geht es beispielsweise darum, eine Krankenversicherung oder eine Betriebsrente zu bekommen. Auf der einen Seite sind die Erwartungen hoch, weil der Staat in geringerem Maße für die Menschen da ist, auf der anderen Seite werden die Gewerkschaften kaum noch wahrgenommen. Nicht einmal acht Prozent der Beschäftigten in der Privatwirtschaft in Amerika sind gewerkschaftlich organisiert.

          Halten Sie es für klug, multinationale Konzerne wie Wal-Mart ins Visier zu nehmen?

          Wal-Mart hat eine Reihe von billigen Waschmaschinen, Trocknern, Herden und Backöfen. Davon profitieren natürlich die Geringverdiener besonders. Wal-Mart könnte aber zweifellos ein besserer Arbeitgeber sein. Die Löhne könnten ein wenig höher, die Krankenversicherung für die Mitarbeiter großzügiger sein, ohne daß gleich die Preise für das Warenangebot in die Höhe schießen müßten. Es ist recht und billig, daß die Gewerkschaften Wal-Mart in diese Richtung drängen.

          Und in Europa?

          Dort sollten sich die Gewerkschaften auch für einen Bürokratieabbau einsetzen. Es muß einfacher werden, Unternehmen zu gründen und Arbeitsplätze zu schaffen. Ich glaube im übrigen, daß die Europäer im Zuge der fortschreitenden Globalisierung einen wichtigen Vorteil besitzen: Ein staatliches, aus Steuermitteln finanziertes und in Maßen reguliertes Gesundheitswesen ist auf Dauer im Interesse von Arbeitgebern und Arbeitnehmern gleichermaßen.

          Warum das?

          Hier in Amerika schnellen die Kosten der Unternehmen für Krankenversicherungen ihrer Beschäftigten in die Höhe. Das wird sich auf lange Sicht auch in der Zahl neu geschaffener Stellen niederschlagen. Es ist aber sicher richtig, daß die Gewerkschaften, aber auch die Regierung in Deutschland in der Vergangenheit eine Reihe von schweren Fehlern begangen haben.

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