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Arbeitsmarkt : Asylbewerber sollen früher arbeiten

Für Flüchtlinge soll der Zugang zum Arbeitsmarkt erleichtert werden. Bild: dpa

Die Zahl der Asylanträge wächst in Deutschland rasant. Ein neues Programm soll Flüchtlinge künftig während der monatelangen Wartezeit auf den Arbeitsmarkt vorbereiten.

          Deutschland arbeitet an einem Programm, mit dem Asylbewerber schon während der vorgeschriebenen Wartezeit von derzeit neun Monaten auf den Arbeitsmarkt vorbereitet werden sollen. Derzeit läuft ein Modellversuch in den sechs Städten Augsburg, Bremen, Dresden, Freiburg, Hamburg und Köln. Nach Informationen der Frankfurter Allgemeinen Zeitung sind dort rund 170 Bewerber auf Sprachkenntnisse und Qualifikation getestet worden. Sie können nun sofort in das normale Vermittlungsverfahren für Arbeitslose aufgenommen werden, sobald sie den offiziellen „Arbeitsmarktzugang“ erhalten. Die Bundesagentur für Arbeit erhofft sich durch diesen Arbeitsmarkt-Check, Tausende Fachkräfte schneller für die deutsche Wirtschaft gewinnen zu können.

          Sven Astheimer

          Verantwortlicher Redakteur für die Unternehmensberichterstattung.

          „Es ist eine ökonomische Notwendigkeit, Flüchtlingen den Zugang zum Arbeitsmarkt zu ermöglichen, wenn sie qualifiziert sind und die Wirtschaft sie braucht“, sagte Heinrich Alt, Vorstandsmitglied der Arbeitsagentur, der Zeitung. Insbesondere junge Menschen wolle man bei entsprechender Eignung möglichst sofort in Ausbildung integrieren.

          Breite Palette an Qualifikationen

          „Die Teilnahme an dem Modellprojekt hat aber keinen Einfluss auf den Ausgang des Asylverfahrens “, stellt Behördenvorstand Alt klar. Weil also das Risiko besteht, dass der Antrag abgelehnt wird und damit die Mühen der Arbeitsvermittler umsonst waren, hat man sich bei dem Modellprojekt auf Bewerber aus Ländern konzentriert, für die eine Zusage relativ wahrscheinlich ist: Rund ein Drittel stammt aus Syrien, jeweils etwa 10 Prozent kommen aus Iran, Afghanistan und Pakistan. Dabei haben die Arbeitsvermittler eine breite Palette an Qualifikationen festgestellt: Von handwerklichen Berufen wie Maler, Maurer oder Goldschmied über Kaufleute und soziale Berufe bis zu Akademikern wie Ärzten und Lehrern sei alles dabei gewesen. Diese Kandidaten seien nun erfasst, und die ersten von ihnen könnten Anfang 2015 auf offene Stellen vermittelt werden.

          In diesem Herbst wollen die beteiligten Behörden, neben der Arbeitsagentur vor allem das Arbeitsministerium und das Bundesamt für Migration und Flüchtlinge (BAMF), erste Erkenntnisse auswerten. Im weiteren Verlauf wird entschieden, ob das Projekt auf das gesamte Bundesgebiet ausgerollt wird. Hintergrund der Debatte ist die stark steigende Zahl von Asylbewerbern in Deutschland. Betrug die Zahl der Erstanträge im Jahr 2010 noch rund 41.000, waren es zwei Jahre später schon 64.000 und im vergangenen Jahr fast 110.000. Für dieses Jahr wird ein weiterer Sprung auf 175.000 erwartet. Viele Kommunen stoßen bei der Unterbringung an ihre Grenzen. In München sorgten zuletzt Pläne für Wirbel, Asylbewerber in Zelten unterzubringen.

          Asylbewerber sind Menschen, die angeblich oder tatsächlich wegen politischer Verfolgung aus ihren Heimatländern geflohen sind und beim BAMF in Nürnberg einen Antrag auf Asyl gestellt haben. Bis zur Entscheidung über den Antrag müssen sie ihre Zeit in speziellen Unterkünften verbringen und dürfen nicht arbeiten, bis sie den offiziellen „Arbeitsmarktzugang“ erhalten. Im September vergangenen Jahres hatte die alte Bundesregierung die Frist für diesen Status von zwölf auf neun Monate verkürzt. Die große Koalition hat in ihrem Koalitionsvertrag eine weitere Senkung auf drei Monate vereinbart.

          Die Arbeitsagentur geht davon aus, dass ungefähr jeder zweite Flüchtling im für den Arbeitsmarkt interessanten Alter zwischen 25 und 64 Jahren ist. Das wären also allein im vergangenen Jahr rund 55.000 Personen. Darunter können wiederum etwas mehr als 40 Prozent eine Ausbildung vorweisen, was für das Jahr 2013 ein Fachkräftepotential von rund 23.000 ergibt. Aus der Gruppe der Jugendlichen zwischen 18 und 25 Jahren kommen weitere 22.000 Personen hinzu, von denen gut 90 Prozent eine Schule besucht haben, zwei Drittel davon sind zwischen neun und zwölf Jahren. Allerdings kann nur jeder Vierte ein Zeugnis vorweisen.

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