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Arbeitslos - na und? : Im Schatten der Halde

Malerische Altstadt - mit Halde im Hintergrund Bild: Daniel Pilar / F.A.Z.

Sangerhausen in Sachsen-Anhalt hat die höchste Arbeitslosenquote in Deutschland. Geht es nach einer vielzitierten Ostdeutschland-Studie, gibt es für die Menschen in Städten wie Sangerhausen keinen Grund zur Hoffnung. Wie sehen das die Leute vor Ort? Julia Löhr ist zu ihnen gefahren. Eine Reportage.

          8 Min.

          Die Hohe Linde ist überall. Es gibt kaum eine Stelle in Sangerhausen, von wo aus sie nicht zu sehen ist. Wie ein Denkmal thront sie über der 30.000-Einwohner-Stadt in Sachsen-Anhalt, ein Denkmal aus einer Zeit, als die Menschen in Sangerhausen noch Arbeit hatten. Harte Arbeit. Kupferschieferbergbau. Nach der deutschen Wiedervereinigung war damit Schluss, die Schachtanlagen wurden geflutet, für Tausende Arbeiter gab es nichts mehr zu tun. Die Hohe Linde, gerne auch einfach nur „die Halde“ genannt, ist das, was aus dieser Zeit übrig geblieben ist: ein 150 Meter hoher Gesteinsberg, ein riesiger Haufen Sondermüll. Was auch geblieben ist: die höchste Arbeitslosenquote in ganz Deutschland. In der Spitze waren es einmal knapp 30 Prozent, aktuell sind es 16,6 Prozent, doppelt so hoch wie der Bundesdurchschnitt. Sangerhausen, die Hauptstadt der Arbeitslosen, jeden Monat, jedes Jahr aufs Neue.

          Julia Löhr
          Wirtschaftskorrespondentin in Berlin.

          Im historischen Stadtkern ist davon wenig zu spüren. In der Fußgängerzone herrscht reges Treiben, die Plätze in der Pizzeria und beim Griechen sind alle besetzt. Den Häusern sieht man an, dass in ihre Sanierung reichlich Geld aus dem Solidarpakt geflossen ist. An den Wänden ranken sich Rosen. Idyllisch ist wohl der richtige Ausdruck. Ihre Probleme kaschiert die Stadt sehr geschickt. Erst bei näherem Hinsehen fällt auf, dass sich hinter den mit Wohnungsanzeigen zugehängten Schaufenstern keine Maklerbüros verbergen, sondern leerstehende Ladenlokale. Einmal war ein belgisches Fernsehteam zu Besuch. Stunden hätten die Kameraleute im Rathaus verbracht, um auf Regen zu warten, auf die erhofften trostlosen Bilder, erzählt man sich in der Stadt. Unter den Menschen in Sangerhausen hat sich längst eine „Na und“-Stimmung breitgemacht, eine Mischung aus Trotz und Stolz. Wen auch immer man auf die hohe Arbeitslosigkeit anspricht, die Antwort beginnt mit einem „Na und“, gefolgt von einer glühenden Verteidigungsrede.

          Fahrräder statt Trübsal

          So auch Peter Wicht, Chef der Mitteldeutschen Fahrradwerke, kurz Mifa. Seit es den Bergbau nicht mehr gibt, ist die Mifa der größte Arbeitgeber in Sangerhausen. Rund 400 Mitarbeiter hat das Unternehmen. Im Vergleich zur Zahl derer, die einst im Bergbau arbeiteten, ist das mickrig. Im Vergleich zu den anderen Unternehmen vor Ort mutet die Mifa fast schon wie ein Großunternehmen an. „Na und“, erwidert Wicht also auf die obligatorische Frage. „Ja, wir haben viele Arbeitslose. Aber es bringt doch nichts, den ganzen Tag zu jammern. Wir müssen Gas geben.“ Wicht, 53 Jahre alt, ist ein bulliger Typ, stets ein wenig in Abwehrhaltung, die Arme vor dem Körper verschränkt. Und er ist ein akribischer Kaufmann. Ständig sucht er nach Möglichkeiten, um die Abläufe effizienter zu gestalten, überzeugt davon, dass sich auch in Deutschland günstige Fahrräder bauen lassen, wenn nur die Stückzahl hoch genug ist. Als er 1996 zusammen mit einem Freund die bankrotte Mifa übernahm, bauten sie 36.000 Fahrräder im Jahr. „Heute schaffen wir das in zwei Wochen.“

          Die Vergangenheit ist hier stets präsent
          Die Vergangenheit ist hier stets präsent : Bild: Daniel Pilar / F.A.Z.

          In der Produktionshalle riecht es nach Schweiß. An langen Bändern montieren die Mitarbeiter für einen Stundenlohn von 7,50 Euro Schaltungen, Rahmen und Felgen, an langen Deckenschienen gleiten die Räder zum Verpacken. Viele der Roboter haben die Mifa-Techniker selbst entwickelt, auf einen sind sie besonders stolz: Er zieht in einem Arbeitsschritt alle 36 Speichen eines Rades an. „Das können die Chinesen nicht“, sagt Wicht. Im Hochregallager freut er sich wie ein kleiner Junge: „So etwas kostet normalerweise 7 Millionen Euro. Ich hab's für 330.000 Euro aus einer Konkursmasse bekommen.“ Selbst die Wirtschaftskrise kann Wichts Laune nicht trüben. Zwar beliefert die Mifa vor allem Handelsketten, und deren Einkäufer bestellten angesichts der düsteren Prognosen deutlich weniger Ware als sonst. Der Umsatz brach im ersten Halbjahr um 20 Prozent auf 52 Millionen Euro ein, Wicht musste Mitarbeiter entlassen. „Aber die stelle ich wieder ein, sobald sich die Lage bessert“, sagt er mit einem Nachdruck, als ob dies nicht mehr lange dauern könne.

          Forscher sehen keinen Grund zur Hoffnung

          Geht es dagegen nach den Forschern vom Berlin-Institut für Bevölkerung und Entwicklung, gibt es für die Menschen in Städten wie Sangerhausen keinen Grund zur Hoffnung. Als das Institut im Frühsommer ein Gutachten präsentierte, das sich mit den Folgen des demographischen Wandels beschäftigte, gehörte Sangerhausen auf den Landkarten in allen Kategorien zu den am tiefsten eingefärbten Regionen: besonders hoher Bevölkerungsschwund, besonders dramatischer Frauenmangel, besonders wenige junge Menschen. „Das Wegbrechen von ganzen Branchen und fehlende Perspektiven auf dem regionalen Arbeitsmarkt fördern die Abwanderungsbereitschaft der Bevölkerung“, schrieben die Studienautoren und rieten der Politik - vor allem dem Auftraggeber Bundesverkehrsministerium -, dass sich in manchen Regionen in den neuen Bundesländern öffentliche Förderung nicht lohne.

          Im Mansfelder Land können sie nicht fassen, was sich da einige Forscher im fernen Berlin zusammengereimt haben, das Gutachten provoziert, mal wieder, „Na und“-Sätze. Diesmal von Brigitte Franke, die sich innerhalb der Stadtverwaltung um die Wirtschaftsförderung kümmert, eine resolute 52 Jahre alte Frau voller Tatendrang. „Na und? Die können von mir aus schreiben, was sie wollen. Wir lassen uns nicht abschreiben.“ Überhaupt, die ersten abgewanderten Jungen kämen schon wieder aus dem Westen zurück. Dort sei auch nicht alles toll.

          Bei allem Lokalpatriotismus ist Franke aber auch klar, dass Sangerhausen eine Perspektive braucht, eine, die darüber hinausgeht, ob Mifa-Chef Peter Wicht ein paar Entlassene wieder einstellt. Sangerhausen braucht neue Arbeitsplätze, viele neue Arbeitsplätze. Ohne Jobs keine Menschen. Nur wie, da ist die Stadt zwiegespalten. Auf der einen Seite will sie Touristen anlocken, auf der anderen Seite Unternehmen. Beides kann Stellen schaffen, doch beides will auch nicht so recht zusammenpassen. Besonders gut sind die zwei Welten im mittelalterlichen Rathaus zu sehen, dort hängt, im Großformat, der Flächennutzungsplan von Sangerhausen an der Wand. Die Felder innen, in Rosa, sind die Wohngebiete, die Felder drumherum, in Grau, die Gewerbegebiete. Es gibt viele Gewerbegebiete in Sangerhausen. Wer den Plan sieht und Franke zuhört, fragt sich unwillkürlich, was wohl die Touristen dazu sagen, wenn sie auf dem Weg in die schmucke Innenstadt erst mal kilometerweit durch wenig einladende Gewerbegebiete fahren müssen.

          Eine der grauen Flächen ist besonders groß, sie erstreckt sich vom südlichen Ortsrand von Sangerhausen bis zur Autobahn A 38. Sie haben lange gewartet auf diese Autobahn, die Ost-West-Verbindung zwischen Halle und Kassel, nun ist sie da und soll Unternehmen dazu bewegen, sich entlang der Strecke niederzulassen. Etwa in Sangerhausen. Deshalb plant die Stadt dort, wo heute noch Wiesen und Felder sind, auf 260 Hektar den Industriepark Südharz. Im nächsten Jahr soll die Erschließung beginnen. „Wer sich heute hier ansiedeln will, fragt große Flächen nach, das konnten wir bislang nicht bieten“, sagt Franke. Welche Unternehmen das sein sollen, vermag sie nicht zu sagen, die Anfragen bündelt die Marketingagentur des Landes Sachsen-Anhalt, aber Franke ist optimistisch, dass sich Nutzer finden. Hunderte von Fördermaßnahmen sollen Interessenten die strukturschwache Gegend, wie sie im Bürokratendeutsch genannt wird, schmackhaft machen. Nach den Richtlinien der Europäischen Union zählt Sangerhausen noch bis zum Jahr 2013 zum Fördergebiet A - die höchstmögliche Stufe.

          Hoffen auf den Rosenpark

          Die andere Zukunftsperspektive Sangerhausens misst nicht 260 Hektar, sondern lediglich 12,5. Es ist die Perspektive Tourismus, und diese konzentriert sich auf das Rosarium, einen Rosenpark im Süden der Stadt, die größte Rosensammlung der Welt, wie der Leiter Thomas Hawel betont. Er ist einer, den es nicht lange am Schreibtisch hält, Gespräche führt er am liebsten auf einer Parkbank in seinem „lebenden Museum“. Auch anfällige Sorten, die andere Parks schnell aussortieren, züchten Hawel und seine 30 Mitarbeiter. Alle politischen Umwälzungen hat das 1903 gegründete Rosarium weitgehend unbeschadet überstanden. Mittlerweile zählt die Sammlung 8300 Sorten. Hawels Liebling ist die „Leda“, eine der ganz alten Rosensorten.

          Hawel ist ein blonder Hüne, 37 Jahre alt, recht wortkarg. Er ist kein Erzähler, kein Vermarkter. Wer ihn zum ersten Mal trifft, vermutet nicht unbedingt, dass Hawel einer der Hoffnungsträger der Stadt ist. Der Rosenliebhaber ist in der Lausitz aufgewachsen, zwischen Dresden und Cottbus. Ins Rosarium in Sangerhausen ist er schon als Kind mit seinen Eltern gefahren. „Jeder DDR-Bürger kannte jeden Flecken DDR.“ Später hat er in Dresden Gartenbau studiert und über „Rosen im städtischen Grün“ promoviert. Hawel ist einer, wie die Stadt ihn braucht: jung, heimatverbunden und engagiert, das ständige Gerede über die Arbeitslosigkeit nervt ihn sichtlich. Raus in die Welt zog es ihn nie. „Wozu? Hier ist es wunderbar.“

          120.000 Besucher kommen jährlich in sein Rosarium, vor allem in den Sommermonaten, wenn Hauptblütezeit ist. Wobei es genau genommen gar nicht Hawels Rosarium ist - es gehört der Stadt, Hawel ist ihr Angestellter. Sangerhausen hat Großes vor mit dem Rosarium, es soll die Stadt bekannt machen, über den Kreis der Rosenzüchter hinaus. Von überall her sollen Touristen der Blütenpracht wegen nach Sangerhausen kommen, der weitläufige Busparkplatz wartet schon auf den Rosenmassentourismus. Um ihrem Ziel näher zu kommen, bewirbt sich die Stadt gerade darum, 2018 den Weltrosenkongress auszurichten.

          Wenn das Gespräch auf dieses Thema kommt, kneift Hawel die Augen noch ein wenig mehr zusammen, als er das im Sonnenlicht auf der Parkbank ohnehin schon macht. Hawel zeigt zwar Verständnis dafür, dass Sangerhausen als Rosenstadt für sich wirbt, allerdings ist ihm anzumerken, dass diese Strategie bei ihm nur bedingt auf Gegenliebe stößt. „Für die Rosen ist das nicht gerade ideal, wenn hier an einem Tag mehrere tausend Menschen durchlaufen“, formuliert er vorsichtig. Auch die regelmäßigen Konzerte - besonders beliebt: die Wildecker Herzbuben - strapazieren die Leidensfähigkeit von Hawel und seinen Rosen.

          „Das wird die Region nicht retten“

          Wirtschaftsförderin Franke ist überzeugt, dass beides geht, Tourismus und Wirtschaft, Rosarium und Gewerbegebiete. Ganz anders Nora George, die Leiterin der örtlichen Arbeitsagentur. Wer mit ihr spricht, wird das Gefühl nicht los, dass sie weder an das eine noch an das andere glaubt. Die 56 Jahre alte Juristin mit den kurzen braunen Haaren ist eine nüchterne Frau, sie gehört nicht zu den trotzig-stolzen „Na und“-Sagern, so viel steht schnell fest. Der allgemeinen „Wir lassen uns nicht unterkriegen“-Stimmung ist sie entrückt, zwischen ihr und den Sangerhäusern liegt eine spürbare Distanz. Vielleicht hat das auch damit zu tun, dass sie nie richtig in der Stadt angekommen ist, obwohl sie die Arbeitsagentur seit zehn Jahren leitet. Jeden Morgen pendelt George 60 Kilometer aus der Nähe von Halle nach Sangerhausen und jeden Abend wieder zurück.

          Zum Thema Tourismus sagt sie: „Das wird die Region nicht retten.“ Wenn sie ihrem Sohn vorschlage, doch mal ins Rosarium zu gehen, lache er sie aus. Zum Thema Wirtschaft sagt sie: „Es ist leider so, dass ein nennenswerter Teil der Menschen Arbeit gar nicht mehr anstrebt, sondern sich mit der Lage arrangiert hat.“ Die guten Leute seien nach der Wende schnell wieder untergekommen, entweder in der Region oder woanders, erzählt George, während ihre Augen wie so oft im Gespräch einen Punkt in der Ferne fixieren. „Mit dem Rest müssen wir leben.“ Sie sagt das nicht abschätzig, eher enttäuscht. Es gebe bestimmt noch Reserven, Vermittlungs-, Fortbildungs- und Umzugswillige, für die sich noch keine passende Stelle gefunden habe, aber viele seien es nicht mehr, meint die Verwalterin der 16,6 Prozent.

          Die Arbeitsagentur ist in einem modernen dreistöckigen Zweckbau am Stadtrand untergebracht, mit vielen langen Gängen und vielen matten Glastüren. Alles wirkt seltsam groß für eine kleine Stadt wie Sangerhausen. George arbeitet im dritten Stock. Sie muss von ihrem Schreibtisch aus nur einmal nach rechts schauen, um die Halde in voller Größe zu sehen. Was, wenn sie einen Wunsch frei hätte? Würde sie sich mehr Geld für die Arbeitsagentur wünschen? „Nein, Geld ist genug da“, sagt George nach einer Weile. „Ich würde mir bessere Löhne wünschen. Dass Menschen mit einer Vollbeschäftigung von ihrer Arbeit leben können. Das wäre auch für die Kinder in den Familien ein wichtiges Signal. Sie sollen nicht in ständiger Existenzangst aufwachsen.“ Nach einer weiteren Denkpause schiebt sie noch hinterher: „Jetzt rede ich schon wie ein Gewerkschafter.“

          Es ist eine Ironie der Geschichte, dass die Branche, in der so viele Arbeitsplätze verlorengegangen sind, der Bergbau, jungen Menschen in Sangerhausen jetzt wieder eine Zukunft bietet. Weil es in dem Schaubergwerk nahe der Hohen Linde jemanden geben muss, der den Touristen bei den Führungen erklärt, wie das damals so war mit dem Kupferschieferbergbau, werden neuerdings im Sangerhäuser Revier wieder Bergleute ausgebildet. Drei Azubis sind es derzeit, immerhin. Die Halde lebt.

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