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Arbeitslos - na und? : Im Schatten der Halde

Wenn das Gespräch auf dieses Thema kommt, kneift Hawel die Augen noch ein wenig mehr zusammen, als er das im Sonnenlicht auf der Parkbank ohnehin schon macht. Hawel zeigt zwar Verständnis dafür, dass Sangerhausen als Rosenstadt für sich wirbt, allerdings ist ihm anzumerken, dass diese Strategie bei ihm nur bedingt auf Gegenliebe stößt. „Für die Rosen ist das nicht gerade ideal, wenn hier an einem Tag mehrere tausend Menschen durchlaufen“, formuliert er vorsichtig. Auch die regelmäßigen Konzerte - besonders beliebt: die Wildecker Herzbuben - strapazieren die Leidensfähigkeit von Hawel und seinen Rosen.

„Das wird die Region nicht retten“

Wirtschaftsförderin Franke ist überzeugt, dass beides geht, Tourismus und Wirtschaft, Rosarium und Gewerbegebiete. Ganz anders Nora George, die Leiterin der örtlichen Arbeitsagentur. Wer mit ihr spricht, wird das Gefühl nicht los, dass sie weder an das eine noch an das andere glaubt. Die 56 Jahre alte Juristin mit den kurzen braunen Haaren ist eine nüchterne Frau, sie gehört nicht zu den trotzig-stolzen „Na und“-Sagern, so viel steht schnell fest. Der allgemeinen „Wir lassen uns nicht unterkriegen“-Stimmung ist sie entrückt, zwischen ihr und den Sangerhäusern liegt eine spürbare Distanz. Vielleicht hat das auch damit zu tun, dass sie nie richtig in der Stadt angekommen ist, obwohl sie die Arbeitsagentur seit zehn Jahren leitet. Jeden Morgen pendelt George 60 Kilometer aus der Nähe von Halle nach Sangerhausen und jeden Abend wieder zurück.

Zum Thema Tourismus sagt sie: „Das wird die Region nicht retten.“ Wenn sie ihrem Sohn vorschlage, doch mal ins Rosarium zu gehen, lache er sie aus. Zum Thema Wirtschaft sagt sie: „Es ist leider so, dass ein nennenswerter Teil der Menschen Arbeit gar nicht mehr anstrebt, sondern sich mit der Lage arrangiert hat.“ Die guten Leute seien nach der Wende schnell wieder untergekommen, entweder in der Region oder woanders, erzählt George, während ihre Augen wie so oft im Gespräch einen Punkt in der Ferne fixieren. „Mit dem Rest müssen wir leben.“ Sie sagt das nicht abschätzig, eher enttäuscht. Es gebe bestimmt noch Reserven, Vermittlungs-, Fortbildungs- und Umzugswillige, für die sich noch keine passende Stelle gefunden habe, aber viele seien es nicht mehr, meint die Verwalterin der 16,6 Prozent.

Die Arbeitsagentur ist in einem modernen dreistöckigen Zweckbau am Stadtrand untergebracht, mit vielen langen Gängen und vielen matten Glastüren. Alles wirkt seltsam groß für eine kleine Stadt wie Sangerhausen. George arbeitet im dritten Stock. Sie muss von ihrem Schreibtisch aus nur einmal nach rechts schauen, um die Halde in voller Größe zu sehen. Was, wenn sie einen Wunsch frei hätte? Würde sie sich mehr Geld für die Arbeitsagentur wünschen? „Nein, Geld ist genug da“, sagt George nach einer Weile. „Ich würde mir bessere Löhne wünschen. Dass Menschen mit einer Vollbeschäftigung von ihrer Arbeit leben können. Das wäre auch für die Kinder in den Familien ein wichtiges Signal. Sie sollen nicht in ständiger Existenzangst aufwachsen.“ Nach einer weiteren Denkpause schiebt sie noch hinterher: „Jetzt rede ich schon wie ein Gewerkschafter.“

Es ist eine Ironie der Geschichte, dass die Branche, in der so viele Arbeitsplätze verlorengegangen sind, der Bergbau, jungen Menschen in Sangerhausen jetzt wieder eine Zukunft bietet. Weil es in dem Schaubergwerk nahe der Hohen Linde jemanden geben muss, der den Touristen bei den Führungen erklärt, wie das damals so war mit dem Kupferschieferbergbau, werden neuerdings im Sangerhäuser Revier wieder Bergleute ausgebildet. Drei Azubis sind es derzeit, immerhin. Die Halde lebt.

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