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Arbeitskämpfe : Deutsche streiken deutlich mehr

Der IG Metall-Vorsitzende Berthold Huber bei einer Maidemonstration in Stuttgart Bild: dpa

Die Deutschen werden streiklustiger. Schon im vergangenen Jahr haben doppelt so viele Deutsche die Arbeit niedergelegt wie im Vorjahr.

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          Die Streikneigung in Deutschland nimmt deutlich zu. Was die Gewerkschaften Verdi und IG Metall in diesen Wochen tatkräftig demonstrieren, wird nun durch neue statistische Daten der Bundesagentur für Arbeit (BA) belegt. Danach hat sich die Zahl der insgesamt an Streiks beteiligten Arbeitnehmer schon im vergangenen Jahr im Vergleich zum Vorjahr mehr als verdoppelt. Während sich die Häufigkeit und das Ausmaß großer Arbeitskämpfe noch auf niedrigem Niveau bewegte, stieg die Zahl der Warn- und Kurzstreiks kräftig an.

          Dietrich Creutzburg
          Wirtschaftskorrespondent in Berlin.

          Insgesamt zählte die BA für das vergangene Jahr 35.702 Arbeitnehmer, die an Ausständen beteiligt waren. 2011 waren es erst 14.259 gewesen. Eine zunehmende Bedeutung gewinnen dabei Aktionen, die statistisch als „Bagatellstreiks“ gelten. Das sind insbesondere Streiks für weniger als einen Tag - was für fast alle Warnstreiks gilt wie auch für die folgenreichen Aktionen von Flug- und Vorfeldlotsen vor einem Jahr. Die Zahl der an solchen Kurzstreiks beteiligten Arbeitnehmer erhöhte sich binnen Jahresfrist um mehr als das Vierfache auf 13.500.

          Arbeitgeber: Berufsgewerkschaften müssen eingeschränkt werden

          Die Arbeitgeberverbände sehen in den Daten einen Beleg dafür, dass der Gesetzgeber den Aktionsradius von Berufsgewerkschaften begrenzen müsse. Ursache für die steigenden Streikzahlen sei zu einem „wesentlichen Teil der Wegfall der Tarifeinheit und dadurch möglich gewordene tarifeinheitswidrige Streiks“, sagte Arbeitgeberpräsident Dieter Hundt dieser Zeitung. Am Frankfurter Flughafen hätten gerade einmal 160 Vorfeldlotsen den Betrieb mit 20.000 Mitarbeitern zum Erliegen gebracht. „Diese Entwicklung gefährdet die Tarifautonomie“, warnte er.

          Zum „Tag der Arbeit“ am Mittwoch gaben sich die Großgewerkschaften kämpferisch. IG-Metall-Chef Berthold Huber kündigte auf einer Kundgebung in Stuttgart an, es werde im Zuge der aktuellen Tarifrunde in den kommenden Tagen zahlreiche Warnstreiks geben. In einigen Betrieben hatten Metaller schon am Mittwoch gestreikt. Verdi rief in der Versicherungswirtschaft für Donnerstag zu Warnstreiks auf. Doch sandte die Gewerkschaft zusammen mit der Lufthansa auch ein Friedenszeichen aus: Nach einem phasenweise hitzigen Tarifstreit verkündeten sie am Mittwoch eine Einigung für das Bodenpersonal.

          Ein Drittel mehr Arbeitstage ausgefallen

          Im Jahr 2012 fielen laut BA-Zählung 94.197 Arbeitstage durch Streiks aus, knapp ein Drittel mehr als 2011. Indirekte Arbeitsausfälle etwa durch gestrichene Flüge sind darin nicht enthalten. Einen hohen Anteil an der Zunahme hatte die IG Metall mit ihren Warnstreiks in der Tarifrunde 2012. Mehr als die Hälfte der „Bagatellstreik“-Teilnehmer ist der Metall- und Elektroindustrie mit 3,7 Millionen Beschäftigten zugeordnet. Die Daten der Bundesagentur basieren auf den Meldungen der Betriebe. Die Zahlen der Gewerkschaften sind höher.

          Unabhängig von der Datenbasis sind die aktuellen Zahlen im Langfristvergleich noch niedrig. Das liegt daran, dass unbefristete Massenstreiks selten geworden sind. 2006 waren allein durch einen mehrwöchigen Arbeitskampf im öffentlichen Dienst mehr als 250.000 Arbeitstage ausgefallen. 1984 fielen im Arbeitskampf um die 35-Stunden-Woche sogar mehr als 6 Millionen Arbeitstage aus. Viel deutet jedoch darauf hin, dass die Streikzahlen 2013 abermals kräftig steigen. Zum einen werden in diesem Jahr Tarifverträge für fast 13 Millionen Beschäftigte neu verhandelt, deutlich mehr als üblich. Zum anderen sehen Forscher die Tendenz, dass Branchengewerkschaften wegen der Konkurrenz durch Berufsgewerkschaften aggressiver agieren.

          Arbeitgeber und Branchengewerkschaften werben dafür, den vom Bundesarbeitsgericht seit 2010 nicht mehr vertretenen Grundsatz „Ein Betrieb, ein Tarifvertrag“ per Gesetz wieder zu fixieren. Es sei nicht akzeptabel, wenn Minderheiten in Unternehmen trotz gültiger Tarifverträge den Betrieb lahmlegen könnten, warnte Hundt. „Solche Arbeitskämpfe bringen die Tarifpartnerschaft in Verruf.“

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