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Arbeiten auf Abruf : Großbritanniens moderne Tagelöhner

Sogar der Buckingham Palace heuert Tagelöhner an, die Touristen herumführen. Bild: Reuters

Jobs ohne gesichertes Einkommen werden im Vereinigten Königreich zum Politikum. Mc Donalds, Universitäten und sogar die Queen heuern moderne Tagelöhner an.

          Sie arbeiten im Schnellrestaurant, in Universitäten und sogar im Buckingham Palace: Ein Heer von modernen Tagelöhnern hat in Großbritannien zwar einen festen Arbeitsplatz, aber weder eine garantierten Mindeststundenzahl noch ein festes Einkommen. Jetzt kocht auf der Insel die Debatte um die sogenannten „zero hour contracts“ (Null-Stunden-Arbeitsverträge) hoch. Denn eine brisante Untersuchung des britischen Statistikamts hat ergeben: Die Nische der Tagelöhner im Arbeitsmarkt ist weit größer als bisher angenommen. Rund 1,4 Millionen solcher Arbeitsverträge gebe es im Land, schätzten die Statistiker, die dafür 5000 britische Arbeitgeber befragt haben.

          Marcus Theurer

          Redakteur in der Wirtschaft der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Die Regeln für Großbritanniens Tagelöhner klingen nach Manchester-Kapitalimus im 21. Jahrhundert: Wie einst an den Werkstoren der Fabriken stehen die Beschäftigten auf Abruf bereit, um zur Arbeit zur erscheinen, wenn sie gebraucht werden. Wenn nicht, gibt es auch kein Geld.

          In vielen Fällen erfahren die Arbeitnehmer offenbar erst am selben Tag, ob sie benötigt werden oder nicht. Der amtlichen Umfrage zufolge nutzen in Großbritannien rund die Hälfte aller Unternehmen im Tourismus, in der Gastronomie und der Lebensmittelwirtschaft solche Arbeitsverträge. Die amerikanische Hamburger-Kette McDonald´s hat sogar für rund 90 Prozent ihrer gesamten britischen Belegschaft Null-Stunden-Verträge.

          Überraschend große Zahl

          Und selbst die britische Königin Elizabeth II heuert während der Sommermonate auf dieser Basis hunderte von Aushilfskräften an. Die Tagelöhner werden für die Betreuung von Touristen bei der Besichtigung der königlichen Paläste eingesetzt. Betroffen sind nicht nur Geringqualifizierte, sondern auch Akademiker. So beschäftigt die Mehrzahl der britischen Universitäten Dozenten mit Null-Stunden-Verträgen.

          In Deutschland und vielen anderen Industrieländern wären die Tagelöhner-Jobs undenkbar – zumindest im legalen Arbeitsmarkt. In Großbritannien sind sie dagegen völlig normal. Viele Studenten, Mütter und Rentner, die einen Zusatzverdienst suchen, sind Umfragen zufolge mit den flexiblen Arbeitsverträgen offenbar auch durchaus zufrieden.

          Aber die überraschend hohe Zahl solcher Beschäftigungsverhältnisse rückt diese in ein neues Licht. „Unsichere Jobs ohne garantiertes Mindesteinkommen sind kein Randphänomen des Arbeitsmarkts mehr“, warnt Frances O’Grady, die Generalsekretärin des britischen Gewerkschaftsbundes. Viele Beschäftigte, die eigentliche eine reguläre Vollzeitstelle suchten, würden in den Tagelöhner-Arbeitsmarkt abgedrängt.

          Nun wächst auch der Druck auf Wirtschaftsminister Vince Cable. Er hat bereits vergangenes Jahr angekündigt, zumindest Exklusivitäts-Klauseln in den Verträgen der Tagelöhner zu untersagen: Bisher verlangen manche Arbeitgeber von den Beschäftigten, dass sie trotz fehlender Einkommensgarantie keinen anderen Job annehmen, um stets verfügbar zu sein.

          Ein komplettes Verbot der Null-Stunden-Verträge schließt Cable dagegen aus, denn sie böten eine „willkommene Flexibilität im Arbeitsmarkt“. Die oppositionelle Labour-Partei bezeichnete die hohe Zahl der Tagelöhner-Jobs zwar als „schockierend“, will diese aber ebenfalls nicht rundweg verbieten, falls sie bei den Parlamentswahlen im kommenden Jahr an die Regierung kommen sollte. Arbeitslose, die sich weigern, eine solche Beschäftigung anzunehmen, könne die Arbeitslosenhilfe gekürzt werden, stellte die Regierung klar.

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