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Antwerpen : Ein belgisches Dorf muss dem Hafen weichen

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Touristen gehen durch den verlassenen Ort. Bild: dpa

Antwerpens Hafen wächst. Das Dorf Doel muss deshalb weg, nur noch wenige Bewohner harren aus. Sie leben mit der Gewissheit: Es ist bald vorbei.

          Es ist still auf den Straßen von Doel. Über den Deich dringen nur die Schreie der Möwen und das ferne Dröhnen der Hafenkräne. Fenster und Türen der meisten Backsteinhäuser sind mit Holzbrettern vernagelt, die Wände über und über mit Graffitis bedeckt. Keine Autos, keine Menschen.

          Plötzlich donnern zwei Reisebusse in das belgische Dorf, vorbei an der Schranke, die Doel abends abriegelt. Schüler strömen aus den Bussen, ziehen lachend und lärmend durch die Straßen des verlassenen Ortes. „Die Schüler sollen nachdenken, über den Konflikt zwischen Bewohnern und Industrie“, sagt Lehrer Filip Verscheuren.

          Doel muss weg. Das ist schon lange beschlossen. Am pannengeplagten Atomkraftwerk, das den Namen Doel zuletzt immer wieder in die Medien gebracht hat, liegt das nicht. Es ist Antwerpens Hafen, flächenmäßig bereits der größte Europas, der sich immer weiter ins Land frisst. Eine gigantische neue Schleuse ist fast fertig, ein neues Dock für die Container-Riesen geplant. Die Hafenbehörde verspricht auf ihrer Homepage: Das bringt Arbeitsplätze.

          Verlassene Häuser in Doel: Im Hintergrund steigt Dampf aus dem Kühlturm des Kernkraftwerks Doel. Bilderstrecke

          Doel ist bereits ringsum von Hafenkränen umzingelt. Das Schicksal des Dorfes am linken Ufer des Schelde-Flusses scheint besiegelt. Rund 1000 Bewohner zählte der 400 Jahre alte Ort einmal, inzwischen ist davon nur noch ein gutes Dutzend übrig. Auch die Windmühle hinter dem Deich, eine der ältesten in Flandern, wird wohl nicht bleiben.

          „Wo die Wirtschaft Platz braucht, ist kein Raum für Menschen“, sagt Ronny Aelbrecht. Der 60-Jährige sitzt am Tresen der Kneipe „Doel 5“, einem der wenigen belebten Orte des Dorfes, und trinkt einen Tee. Aelbrecht trägt ausgewaschene Jeans, vor seiner Brust baumelt eine Lesebrille mit halbmondförmigen Gläsern. „Das geht hier schon seit 30 Jahren so - 95 Prozent der Häuser gehören inzwischen der Hafengesellschaft.“ Aelbrecht spricht ruhig, ohne Verbitterung in der Stimme. „Sie treiben sie raus, sie kaufen ihre Häuser, sie bieten ihnen bessere Jobs.“ Sie, das ist die Gesellschaft Linkes Scheldeufer, die den Ausbau des Hafens vorantreibt. „Sie bringen die Leute gegeneinander auf.“ Fast alle sind inzwischen gegangen.

          Doel muss weg. Auch wenn die Protestbewegung „Doel 2020“ noch nicht aufgegeben hat - Aelbrecht spricht von einem „toten Dorf“. Er selbst hat eine Farm, etwas außerhalb von Doel. Hier lagern Kulissen und Requisiten seines Wandertheaters. Auch sein Haus ist bereits verkauft. „Eines Tages werden sie kommen.“ Vielleicht morgen, vielleicht in einem Monat. „Dann sagen sie: „In drei Monaten musst du raus, dann ist Schluss.“ Ob er Angst vor dem hat, was kommt? Aelbrecht zuckt mit den Schultern. „Ich verhandle schon mit der Stadt. Mein Theater ist bekannt, da wird sich schon was finden.“

          Es gibt Momente, da könnte man Doel für ein ganz normales Dorf halten. Gepflegte Kieswege auf dem Friedhof neben der Kirche. Um zwölf Uhr mittags schallt das Läuten der Glocken durchs Dorf. Selbst die Straßenlaternen leuchten noch - am helllichten Tag.

          Doel muss weg. Vier ganz in schwarz gekleidete Jugendliche ziehen durch die Straßen. Der eine mit der Videokamera im Anschlag, der nächste mit Smartphone und Selfie-Stick. „Wir haben im Internet von dem verlassenen Dorf gelesen, da mussten wir sofort hin“, erzählt einer. Jetzt sind sie ein bisschen enttäuscht. Doel ist gar nicht so richtig verlassen, zumindest bei gutem Wetter nicht. Ein Dorf, das dem Untergang geweiht ist - die Besucher kommen in Scharen.

          Das Schicksal des Dorfes lockt Untergangs-Touristen und Vandalen

          Manche der Graffitis sind kunstvoll gemacht. Andere sind schlicht Schmierereien. Gelbe Schilder stehen an fast jeder Kreuzung. „Doel = bewohntes Dorf“ und „Respektiert die Bewohner“ steht darauf. Es klingt wie eine Mahnung.

          Denn das Schicksal des Dorfes lockt nicht nur Untergangs-Touristen, sondern auch Vandalen, Plünderer. Sie versuchen, nachts in die verlassenen Häuser einzusteigen, werfen Fensterscheiben ein. Wo noch keine Bretter die Öffnungen verdecken, ist das Glas zersplittert. Die Behörden täten nichts dagegen, schimpft Benjamin Vergauwen. „Mit all den zerstörten Häusern ist es viel einfacher, das Dorf abreißen zu lassen.“

          Der hagere 36-Jährige mit schulterlangen Haaren hat etwas außerhalb des Dorfes ein kleines Museum aufgebaut, hat Gegenstände aus Doel gesammelt, die daran erinnern sollen, wie es war, als hier noch Leben herrschte. Steinkrüge, Gläser, Stühle, Lampen, Bücher und Landkarten, ein alter Nachttopf. Vergauwens Schuppen ist voll davon. „Kleine Dinge erzählen große Geschichten“, sagt er.

          Doel muss weg. Auch Vergauwens Museum ist davon betroffen. „In einem Jahr wird hier alles plattgemacht.“ Wenn Doel dem Platzhunger des Hafens weichen muss, müsse der Hafenbetreiber anderswo Naturland schaffen, sagt Vergauwen. Auf diesem Gebiet stehe sein Museum. Ein neues Haus, ein Dorf weiter, hat er schon. Bleiben will er aber bis ganz zum Schluss. „Wir kämpfen nicht gegen den Hafen, weil wir nicht gewinnen werden. Aber wir bleiben positiv und tun kleine Dinge.“

          Wenn Dörfer weichen müssen

          Auch in Deutschland sind schon viele Orte aufgegeben und deren Bewohner umgesiedelt worden. Die Dörfer mussten dem Braunkohletagebau weichen, einige versanken in Stauseen oder standen Hafen- und Flughafenerweiterungen im Weg. Beispiele:

          Hamburger Hafen: Etwa 2500 Menschen lebten einst in dem Elbdorf Altenwerder. Heute steht nur noch die Kirche - inmitten eines Containerterminals. Der 1973 endgültig beschlossene Abriss zog sich lange hin, 1998 verließen die letzten Bewohner ihr Zuhause.

          Flughafen München: Für den Bau des neuen Flughafens im Erdinger Moos in den 1980er Jahren musste Franzheim weichen. Einige Hundert Menschen wurden umgesiedelt.

          Lausitz: Mehr als 130 Orte wurden seit den 1920er Jahren ganz oder teilweise für den Braunkohlebergbau aufgegeben, mehr als 25 000 Menschen mussten umziehen.

          Garzweiler: Auch dem Braunkohletagebau am Niederrhein mussten und müssen Ortschaften weichen. Wegen des 2006 in Betrieb genommenen Tagebaus Garzweiler II müssen in den nächsten Jahrzehnten voraussichtlich mehrere Tausend Menschen aus ihren Dörfern wegziehen.

          Edersee: Schon vor mehr als 100 Jahren versanken drei Dörfer bei der Flutung des nordhessischen Stausees, 700 Menschen verloren ihre Heimat. Die Ruinen kommen bei Niedrigwasser wieder zum Vorschein. Ein Förderverein kümmert sich darum, dass Berich, der am besten erhaltene Ort, in Ansätzen wieder entsteht - als Touristenattraktion.

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