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Anton Hofreiter : Ein Blumenfreund für die Führung der Grünen

  • -Aktualisiert am

Ein neues Pflänzchen Hoffnung für die Grünen Bild: dpa

Der Verkehrspolitiker Anton Hofreiter will Fraktionsvorsitzender der Grünen werden. Um den Platz an seiner Seite kämpft Kerstin Andreae, die auch in der Wirtschaft gut ankommt. Ein Porträt.

          3 Min.

          Mit seinen langen blonden Haaren und dem Vollbart sieht Anton „Toni“ Hofreiter aus wie ein Grüner der ersten Stunde. Dabei war der gebürtige Oberbayer aus Sauerlach, der sich jetzt um die eine Hälfte des Grünen-Fraktionsvorsitzes im Bundestag bewirbt, noch ein Schuljunge, als die Grünen groß wurden – er selbst ist Jahrgang 1970. Grüne Themen jedoch prägten schon früh seinen Werdegang: Er studierte Biologie in München, in seiner Doktorarbeit beschäftigte er sich mit Liliengewächsen im südamerikanischen Regenwald. Inzwischen beschränkt sich seine Beschäftigung mit Blumen allerdings darauf, als Kavalier alter Schule seiner Freundin von Zeit zu Zeit einen Strauß mitzubringen.

          Kerstin Schwenn

          Wirtschaftskorrespondentin in Berlin.

          Im CSU-Land Bayern wurden ihm die Grünen schon Mitte der achtziger Jahre zur politischen Heimat. Seit dem Jahr 2005 sitzt Hofreiter im Bundestag, unüberhörbar ein Mann des linken Parteiflügels, aber als Fachpolitiker für Verkehr und Umwelt in der gesamten Fraktion anerkannt. Hofreiter, katholisch und individualistisch, hat in den vergangenen Jahren die Treffen und Positionen des linken Flügels koordiniert – stets mit Rücksicht auf das Alphatier Jürgen Trittin. Seit einigen Monaten aber läuft sich Hofreiter, dessen Führungsanspruch womöglich unterschätzt wurde, als Kandidat für den Fraktionsvorsitz warm. Schon lange vor der für die Grünen enttäuschenden Wahl kommunizierte er seine Absicht, Trittin abzulösen.

          Das dürfte ihm gelingen, denn noch hat sich kein anderer Linker gemeldet. Anders sieht das beim zweiten Platz an der Fraktionsspitze aus, der entsprechend der grünen Gewaltenteilung den „Realos“ gehört. Katrin Göring-Eckardt, bislang Bundestagsvizepräsidentin und im Wahlkampf neben Trittin Spitzenkandidatin der Grünen, hat schnell angekündigt, sich zu bewerben. Nun wirft aber auch eine zweite Kandidatin ihren Hut in den Ring: Kerstin Andreae.

          Karrieresprung: Anton Hofreiter

          Die vierundvierzig Jahre alte Andreae ist bislang stellvertretende Fraktionsvorsitzende und zuständig für Wirtschaftspolitik. Geboren ist sie im Schwarzwald, später studierte sie Politik und Volkswirtschaft in Freiburg. Im Jahr 1990 bei den Grünen eingetreten, verlief ihre Karriere klassisch: Kreis- und Landesvorstand, 2002 dann Bundestag. Die Mutter dreier Kinder, die mit dem Berliner Grünen-Politiker Volker Ratzmann verheiratet ist, bekam dieses Jahr einen Mittelstandspreis. Und wer sich in Wirtschaftsverbänden umhört, hört Gutes über sie. Ergänzt aber wird das Lob der Wirtschaft stets um den Zusatz, dass sie sich bislang leider nicht durchsetzen konnte mit ihrem Kurs.

          Der große Verhinderer Trittin hat nun an Macht verloren. Sein möglicher Nachfolger Hofreiter ist vielleicht nicht ganz so eloquent, aber dennoch sprachgewandt – nur in Sachen gut sitzender Anzüge kann er Trittin noch nicht das Wasser reichen. Wer Hofreiter in Parlamentsdebatten oder Podiums-Runden über die Zukunft der Verkehrsinfrastruktur reden hört, der weiß, dass es seinen Beiträgen nicht an Schärfe und Polemik fehlt. In der Deutschen Bahn etwa ist er als „Bahn-Basher“ gefürchtet: Er ist einer von denen, deren Liebe zur Schiene in einer besonders kritischen Haltung mündet. Seit Jahren fordert er mehr Geld für das Netz statt für Aquisitionen.

          Als verkehrspolitischer Sprecher seiner Fraktion lebte er diese Kritik intensiv aus. Präsidialer gab er sich, nachdem er im Jahr 2011 den Vorsitz im Verkehrsausschuss übernommen hatte. Stets warnt Hofreiter vor einem künstlichen Hochrechnen der Verkehrsnachfrage und plädiert für „Schnellstraße statt Autobahn“. Auch von der Pkw-Maut hält er nicht viel: Die Verkehrsinvestitionen müssten erst effizient werden, „bevor wir mehr Geld von den Bürgern verlangen“.

          Hofreiter will keinen Mindestlohn

          Dem großen Publikum ist er nicht bekannt, auch weil er sich bislang fern hielt von den Themen Finanzen und Soziales. Nachdem die Grünen mit ihren Steuerplänen bei der Wahl baden gingen, könnte sich das allerdings als Vorteil entpuppen – auch mit Blick auf mögliche Koalitionsgespräche mit der Union. Seiner Natur nach möchte Hofreiter die rot-rot-grüne Machtoption ausbauen, doch er knallt keine Tür voreilig zu. Der „taz“ aber sagte er trotzdem, angesichts der inhaltlichen Unterschiede könne er sich „keine Regierungsbildung mit dieser Union vorstellen“. Auch zur Linken zieht er einen Graben: Deren Ankündigung, bald einen flächendeckenden Mindestlohn im Bundestag zur Abstimmung zu bringen, lehnt er als Effekthascherei ab.

          Auch Andreae dürfte das so sehen. Sie warnt zudem vor einer steuerlichen Überforderung von Mittelschicht und Mittelstand; das grüne Wahlprogramm sah sie daher kritisch. Auf die Barrikaden stieg sie allerdings nicht. Nun bekommt sie womöglich eine zweite Chance, hat der linke Flügel am Wahltag doch erlebt, wohin er die Partei geführt hat.

          Dass Andreae sich ein Herz gefasst hat zur Kampfkandidatur, ist ein erster Schritt, den wirtschaftsnahen Grünen mehr Gewicht zu verleihen. Die Frage aber ist, ob sie es schaffen kann gegen die prominente Göring-Eckardt – die sich offenbar unschuldig genug wähnt am Ergebnis der Grünen, um abermals ein Spitzenamt anzustreben.

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