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Angst vor Inflation : Fünf Prozent können's schon werden

Bild: F.A.Z.

Im Kampf gegen die Krise drucken die Notenbanken Geld wie nie. Die Staaten verschulden sich immens. Das schürt die Furcht vor der großen Geldentwertung. Noch ist beim Einkauf nichts zu spüren. Die Preise sinken sogar. Das könnte sich schnell ändern.

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          Große Zahlen sind die Europäer ja inzwischen gewohnt, aber das war noch einmal gewaltig: 440 Milliarden Euro reichte die Europäische Zentralbank (EZB) vor wenigen Tagen an die Banken weiter, und zwar innerhalb weniger Stunden. Das waren 1300 Euro pro Bürger in der Euro-Zone, die die EZB auf die Wirtschaft regnen ließ - zusätzlich zu dem Geld, das sie vorher schon bereitgestellt hatte, und zusätzlich zur neuen Freigiebigkeit der Staaten, die sich ebenfalls mit Rekordsummen verschulden.

          Patrick Bernau

          Verantwortlicher Redakteur für Wirtschaft und „Geld & Mehr“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Darum wächst die Angst der Europäer davor, dass die Inflation zurückkehrt, und zwar just in dem Moment, in dem die Preise zum ersten Mal in der Geschichte der Europäischen Union im Vorjahresvergleich gesunken sind. 0,1 Prozent Rückgang erwartet das europäische Statistikamt für den Juni.

          Mit Deflation rechnet kaum noch jemand

          Bis vor wenigen Wochen wäre die Angst vor einer Deflation groß gewesen, also vor einer Phase sinkender Preise. Doch damit rechnet jetzt kaum noch jemand, denn die Preise sind zwar niedriger als im vergangenen Jahr, doch der erneute Anstieg hat schon wieder begonnen. Das gilt vor allem für den Ölpreis. Selbst die amerikanische Notenbank spricht erstmals seit Monaten nicht mehr von einer Deflationsgefahr.

          Das bedeutet noch lange nicht, dass die Inflation bald zurückkommt, sagt Jürgen Stark, der Chefvolkswirt der Europäischen Zentralbank. "Auf die geldpolitisch relevante Sicht von 18 bis 24 Monaten bestehen derzeit keine Risiken für die Preisstabilität", findet er. Aber er betont auch: "Die Preisentwicklung über einen längerfristigen Zeithorizont hängt auch davon ab, dass der richtige Zeitpunkt getroffen wird, die sehr expansive Geld- und Finanzpolitik zurückzufahren."

          In beiden Punkten stimmt ihm Thomas Straubhaar zu, der Chef des Hamburgischen Weltwirtschafts-Institutes. Doch Straubhaar fürchtet: Wenn die Wirtschaft in einigen Jahren wieder anzieht, dann steigen die Preise rasant. Diese Gefahr bestehe in den nächsten fünf bis zehn Jahren. Straubhaar selbst wettet darauf, dass die Teuerungsrate über fünf Prozent steigt - ein Wert, der zuletzt vor 20 Jahren auftrat, aber in den 70er Jahren noch weit übertroffen wurde. Der Grund für Straubhaars Sorge: Die Geldpolitik der EZB entscheiden die Chefs der 16 Notenbanken. Die werden unterschiedlich stark politisch unter Druck gesetzt.

          „Wir erleben keinen normalen Abschwung“

          Solche Sorgen hält der Wirtschaftsweise Peter Bofinger allerdings für unbegründet. "Die EZB war in der Vergangenheit stets auf der vorsichtigen Seite", findet er. Er sieht eher die Gefahr, dass die Wirtschaft auf Jahre hinaus kaum noch wächst. Ohne Wachstum gibt es aber keine Nachfrage, ohne Nachfrage keine Preiserhöhungen und ohne Preiserhöhungen keine Inflation. In dieser Einschätzung der Lage ist er sich einig mit dem EZB-Chefvolkswirt Stark, der von einer längeren Wirtschaftsflaute spricht: "Wir erleben keinen normalen Abschwung. Wir haben es mit einer Banken- und Vertrauenskrise zu tun. Die historische Erfahrung zeigt, dass es da nicht mit wenigen Quartalen abgetan ist."

          Doch vielleicht zieht die Inflation auch ohne großes Wachstum wieder an, befürchtet Joachim Fels, Chefvolkswirt bei Morgan Stanley: Preise können steigen, auch wenn einige Branchen noch schrumpfen. Das geht so: Vielleicht entlässt in Amerika die Bauindustrie noch Menschen, in Deutschland vielleicht die Autoindustrie - doch gleichzeitig arbeiten Wachstumsbranchen wie die Solarindustrie schon wieder am Rand ihrer Kapazität. Die können dann trotzdem Preiserhöhungen durchdrücken.

          Auch aus Amerika droht Gefahr, denn so viel ist klar: Die Chefs der amerikanischen Notenbank Fed nehmen eher als die Europäer die Inflation in Kauf, wenn sie mit billigem Geld die Wirtschaft stützen können. Schließlich gehört es in Amerika - anders als in Europa - ganz offiziell zum Auftrag der Notenbank, Arbeitsplätze zu sichern. Wenn aber in den Vereinigten Staaten die Preise viel schneller steigen als in Europa, wird vermutlich der Euro gegenüber dem Dollar teurer, glaubt Fels. Die Erfahrung zeige: Der Euro und damit europäische Produkte werden für Amerikaner schneller teurer als heimische Waren. Darunter leiden europäische Firmen, die exportabhängig sind.

          Der bequemste Weg zur Entschuldung

          So kann der Kampf der EZB gegen die Inflation die europäische Wirtschaft hart treffen, noch bevor sie sich richtig aus der Krise berappelt hat. Thomas Straubhaar glaubt nicht, dass die so eine Schädigung in Kauf nimmt. Schließlich nütze eine höhere Inflation nicht nur der Wirtschaft, sondern auch den extrem verschuldeten Staaten, betont Straubhaar. "Eine schleichende Inflation ist der bequemste Weg zur Entschuldung. Sie ist intransparent, braucht keine parlamentarischen Entscheidungen und trifft viele Leute gleichmäßig." Das gelte zumindest, solange die Preiserhöhungen nicht aus dem Ruder laufen. "Wenn die Inflationsrate auf zehn Prozent hochschnellt, ändert sich die Situation. Dann sind Rentner unzufrieden und alle Besitzer von Staatsanleihen und Bundesschatzbriefen." Das sind übrigens auch die Kunden von Lebensversicherern, deren Gewinne stark von Staatsanleihen abhängen.

          Dass die Staatsschulden noch wichtig werden, da sind sich Straubhaar und EZB-Chefvolkswirt Stark einig: "Schon 2010 ist mit einer Konsolidierung der öffentlichen Haushalte zu beginnen", fordert Stark. "Das muss 2011 verstärkt werden. Sonst droht eine Schuldenexplosion, die für die wirtschaftliche Entwicklung gefährlich wäre."

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