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Angela Merkel : Die Kanzlerin und der Kapitalismus

Im Jahr 2006 scherzte die Kanzlerin noch mit Deutsche-Bank-Chef Josef Ackermann. Hinterher war ihr das ein bisschen peinlich. Bild: AP

In der DDR hat Angela Merkel gelernt, dass ein Land untergeht, wenn seine Wirtschaft versagt - und wurde zur Freundin des freien Marktes. Heute sagt sie das alles nicht mehr laut.

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          Das Bekenntnis zum Westen mochte nicht erstaunen bei der Aktivistin einer ostdeutschen Partei, die fünf Tage zuvor ein Wahlbündnis mit der CDU geschlossen hatte. Aber die Art, wie sie diesen Entschluss mit rein ökonomischen Argumenten begründete, verwunderte doch - wenn man bedenkt, welche Verachtung viele Bürgerbewegte in der DDR gegenüber dem schnöden Mammon hegten.

          Ralph Bollmann

          Korrespondent für Wirtschaftspolitik und stellvertretender Leiter Wirtschaft und „Geld & Mehr“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung in Berlin.

          „Dreh- und Angelpunkt unserer weiteren Entwicklung ist die Konsolidierung der wirtschaftlichen Lage“, schrieb die Vertreterin des „Demokratischen Aufbruchs“ am 10. Februar 1990 in der „Berliner Zeitung“. „Wenn es uns nicht gelingt, im Rahmen einer neuen Wirtschaftsordnung Werte zu erwirtschaften, können wir im sozialen und ökologischen Bereich auch nichts verteilen.“

          Zum Beweis, dass sie sich wirklich eingearbeitet hatte, griff sie tief in die westdeutsche Geschichte zurück: „In dieser Hoffnungslosigkeit entwarfen Ludwig Erhard (CDU) u. a. (W. Eucken, F. Böhm und A. Müller-Armack) das phantastisch anmutende Konzept, die Wirtschaft nur noch über den Wettbewerb und über den Markt zu steuern.“

          Die Autorin hieß Angela Merkel. Sie war damals 35 Jahre alt - zu jung, um wie die meisten Bürgerrechtler in idealistischer Distanz zum Kapitalismus zu verharren, aber älter als das Gros der jungen Leute, die im Jahr zuvor mit ihrer massenhaften Flucht nach Westen das DDR-System zum Einsturz gebracht hatten.

          Sie hatten in der grauen DDR für sich keine Perspektive mehr gesehen und ganz ohne Erhard-Lektüre auf ihrer Konsumlust beharrt. Dass sie in ihrem Hedonismus den westdeutschen Altersgenossen ähnelten und gerade dadurch den politischen Umsturz bewirkten, nahm man in der Bundesrepublik seinerzeit kaum wahr. Dafür waren sie der West-Jugend äußerlich zu unähnlich.

          Kommunismus verlor Wettlauf vor allem ökonomisch

          Im Westen machte man sich über diesen Habitus gern lustig, das Titelbild einer Satirezeitschrift zeigte die 17-jährige „Zonen-Gaby“ mit Dauerwelle und geschälter Gemüsegurke: „Meine erste Banane.“ Über derlei Bedürfnisbefriedigung wähnten sich die Westdeutschen erhaben, erst recht in intellektuellen Kreisen. Sie hielten sich für postmodern, postheroisch - und postmaterialistisch.

          Sie konnten ihr politisches und ökonomisches System nur deshalb so hart kritisieren, weil sie es im Grunde als alternativlos ansahen. Bei den meisten Ostdeutschen war es umgekehrt: Sie wollten den Wohlstand des Westens, mehrheitlich wohl auch dessen Regierungssystem als politisches Mittel zum ökonomischen Zweck. Aber sie machten gerade die elementare Erfahrung, dass kein System eine Ewigkeitsgarantie besaß.

          Diese Erkenntnis nahm auch Merkel aus der Umbruchzeit mit. Die Schlussfolgerung, dass ein ökonomisch ineffizientes System zum Untergang verurteilt ist, zieht sich durch Merkels Äußerungen von 1990 bis heute. Vom Menschenrechtspathos ostdeutscher Bürgerrechtler oder westdeutscher Antikommunisten ist das weit entfernt. „Die Liebe zur Freiheit wäre auch in der alten Bundesrepublik ohne stabile D-Mark nicht so groß gewesen“, sagte sie einmal.

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