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Angela Merkel : Die Kanzlerin der großen Krise

In der ersten Phase wirkte sie orientierungslos, sie fand keine Sprache für die Lage Bild: dapd

Seit fast vier Jahren regiert Angela Merkel im Ausnahmezustand. Lange suchte sie nach einer Sprache für die Krise. Jetzt hat sie ihre Erzählung gefunden: Retten und Sparen.

          7 Min.

          Es ist fast schon beruhigend, dass auch die Krisenkanzlerin mal aus der Haut fahren kann. Zwölf Stunden verbrachte sie diese Nacht im Flugzeug, jetzt ist es neun Uhr morgens mexikanischer Zeit, der Blick aus der kleinen Hotel-Lobby geht unter Palmen hinaus auf die Meeresbucht. Am Vorabend haben die ewig nervenden Griechen gewählt, jetzt gleich auf dem G-20-Gipfel werden die Amerikaner wieder nörgeln, dass die deutsche Regierung zu wenig gegen die Krise tue. Und dann kommt auch noch dieses Insekt angeschwirrt, just als Angela Merkel ihr Statement für die heimischen Abendnachrichten aufsagen will. „Kann mal einer die Fliege fangen“, sagt sie gereizt.

          Ralph Bollmann

          Korrespondent für Wirtschaftspolitik und stellvertretender Leiter Wirtschaft und „Geld & Mehr“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung in Berlin.

          Für einen kurzen Moment kommt die Anspannung der vergangenen Tage an die Oberfläche. Wieder sind es die Tage eines europapolitischen Showdowns. Aufregende Tage liegen hinter ihr. Und es geht so weiter: Am kommenden Donnerstag, nachmittags um drei, trifft sich Merkel in Brüssel mit ihren 26 Kollegen aus den übrigen EU-Staaten. Wieder sind die Erwartungen so hoch, dass die Regierungschefs sie kaum erfüllen können. In den kommenden drei Monaten entscheide sich die Zukunft des Euro, ließ IWF-Chefin Christine Lagarde vorsorglich verlauten.

          Im Rückblick drei sehr beschauliche Jahre

          Nach dem Ende des Treffens, am Freitagnachmittag, fliegt die Kanzlerin dann direkt nach Berlin, zur Bundestagsabstimmung über den Europäischen Stabilitätsmechanismus (ESM). Am Abend noch soll auch der Bundesrat in einer Sondersitzung zustimmen. Nur der Bundespräsident wird das Gesetz nicht sofort unterschreiben, weil es die Verfassungsrichter erst mal prüfen wollen.

          Seit vier Jahren geht das nun schon so, seit im Herbst 2008 die amerikanische Lehman-Bank zusammenbrach und das weltweite Finanzsystem wankte. Drei Jahre lang war Merkel damals schon Kanzlerin, aber im Rückblick waren es drei sehr beschauliche Jahre. Mehrere SPD-Vorsitzende traten zurück, man stritt sich in der großen Koalition, das übliche Klein-Klein der Innenpolitik. Kurz vor der Lehman-Pleite musste die Kanzlerin sogar eine „Bildungsreise“ unternehmen und die „Bildungsrepublik“ ausrufen, weil ihr sonst keine Beschäftigung mehr einfiel. Dass die Sache völlig im Sande verlief, fiel dank Finanzkrise dann nicht mehr auf.

          Merkel zwischen Barack Obama (links) und dem chinesischen Präsidenten Hu Jintao Bilderstrecke

          Nach dem Banken-Crash reagierte Merkel auf eine Weise, die sich in der Euro-Krise nun wiederholt. In der ersten Phase wirkte sie orientierungslos, sie fand keine Sprache für die Lage. Während ihr Finanzminister Peer Steinbrück das Wort von der drohenden „Kernschmelze“ prägte, leuchtete der Parlamentarische Geschäftsführer Norbert Röttgen mit einer geschliffenen Parlamentsrede über Finanzmärkte als „öffentliches Gut“ die rhetorische Ödnis an der Regierungsspitze grell aus. Merkels Vorgänger Gerhard Schröder hätte anders reagiert, nach dem 11. September 2001 war er in einer ähnlichen Lage mit dem Wort von der „uneingeschränkten Solidarität“ vorgeprescht. Seine Nachfolgerin legte sich lieber auf gar nichts fest, solange sie kein Gefühl für die Situation entwickelt hatte.

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