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Angela Merkel : Die Kanzlerin der großen Krise

Immerhin, gemeinsam mit Steinbrück garantierte Merkel die Spareinlagen der Deutschen. Von allen Rettungsaktionen der zurückliegenden Jahre war es die Einzige, die nicht mit konkreten Zahlen und Parlamentsbeschlüssen unterlegt war, und interessanterweise war es die wirksamste. Statt irgendwelche Bürgschaften in Euro und Cent zu beziffern, bat der Regierungssprecher die Journalisten kurzerhand, die Wirkung von Merkels Worten „nicht durch das Stellen von unterschiedlichsten Detailfragen noch einmal zu relativieren“. Sie ließen es sich gefallen.

Auch innenpolitisch wuchs der Druck

Zum Jahresende 2008 geriet Merkel in genau dieselbe Situation, die sich im Jahr 2012 nun wiederholt. Im In- und Ausland galt sie als die „Madam No“. Schon damals waren es vor allem Amerikaner und Briten, die mit großzügig bemessenen Konjunkturpaketen ihre Haushalte ruinierten und die Deutschen bedrängten, es ihnen gleichzutun. Auch innenpolitisch wuchs der Druck, nicht nur durch schrille Warnrufe aus den Medien, sondern bis weit in die Reihen der CDU hinein. Der nordrhein-westfälische Ministerpräsident Jürgen Rüttgers hielt auf einem Parteitag in Stuttgart eine donnernde Rede gegen die Krise. Die Vorsitzende hielt mit dem Wort von der „schwäbischen Hausfrau“ dagegen: „An einem sinnlosen Wettbewerb um Milliarden beteiligen wir uns nicht.“

Drei Wochen später, per Weihnachtsbotschaft, drehte die Kanzlerin bei. Das Konjunkturprogramm kam, 50 Milliarden Euro für Abwrackprämie, Straßenbau, Renovierung von Schulgebäuden. Viel Geld, aber im Vergleich zu den anderen Ländern noch vergleichsweise wenig. Steinbrück kleidete Merkels Erkenntnis in die Worte, man könne „die Tür zum Kassenraum nicht geschlossen halten“, sonst werde sie „in Panik von anderen eingetreten“.

„Was hätten Sie denn dann geschrieben?“

Eine Zeitschrift, die im Dezember auf der Titelseite „das gefährliche Zaudern der Kanzlerin“ beklagte, fragte im Januar an gleicher Stelle: „Wann ist der Staat eigentlich pleite?“ Nicht einmal diejenigen, die zuvor das Geldausgeben forderten, dankten es ihr nun. Auch das wird Merkel sich gemerkt haben. Wird sie von Journalisten gefragt, warum sie dieses oder jenes nicht getan habe, antwortet sie gern: „Was hätten Sie denn dann geschrieben?“

Im Gegenzug führte die große Koalition die deutsche Schuldenbremse ein, die angesichts der höchsten Kreditaufnahme in der Geschichte der Bundesrepublik zunächst als Lachnummer galt. Gleichwohl hatte Merkel damit ihre Sprachregelung für die Krise gefunden. Bankenhilfe nur mit Gegenleistung, Konjunkturpakete nur mit Schuldenbremse: Das war schon damals das Rezept. Ganz wie in diesen Tagen ging sie ins Fernsehen und hielt viele Reden. „Wir wollen stärker aus der Krise herauskommen, als wir hineingegangen sind“, sagte sie, und sie warnte vor der absehbaren Krise der europäischen Staatshaushalte. „Woanders werden im Moment dramatisch mehr Schulden gemacht als bei uns“, lautete die Formel. „Wir müssen jetzt aufpassen, dass wir nicht in der Bekämpfung der Krise schon wieder die nächste Krise vorzeichnen.“

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