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Angeknackste Nation : Amerika, du wirst wieder gesund!

Amerika: Eine angeknackste Nation braucht dringend einen Termin beim Psychologen Bild: AFP

Amerikas Niedergang wurde schon oft vorhergesagt. Nun lernen seine Bewohner zwei neue Wörter, die sie bisher nur vom alten Kontinent kannten: Massenarbeitslosigkeit und Langzeitarbeitslosigkeit.

          7 Min.

          Jetzt hat das Virus sogar Hollywood infiziert. In Amerikas Kinos startete dieser Tage der Film „The Company Men“. Ben Affleck spielt einen Familienvater mit sechsstelligem Gehalt und Porsche in der Garage. Über Nacht streicht seine Firma Stellen, Affleck wird erst Tagelöhner und dann depressiv.

          Hendrik Ankenbrand

          Wirtschaftskorrespondent für China mit Sitz in Schanghai.

          In ein paar Wochen läuft in den Kinos „The Beaver“ an. Mel Gibson spielt darin einen depressiven Manager ohne Hoffnung, der eines Tages anfängt, sich mit einer Handpuppe in Gestalt eines niedlichen braunen Bibers zu unterhalten.

          Amerika, dir geht es nicht mehr besser. Die Nachwehen der Wirtschaftskrise rauben sogar der Traumfabrik ihre Träume. Statt Popcornkino serviert die Filmindustrie den Amerikanern harte Kost: Hoffnungslosigkeit, Depression und Wahnwitz wie einst im sozialistischen Arbeiterkino des Briten Ken Loach. Damit ist der Einzug der europäischen Verhältnisse in den letzten Winkel der einst so stolzen Industrienation komplett.

          Jeder zweite Arbeitslose leidet unter Depressionen

          Draußen vor der Tür in der wirklichen Welt lernen die Amerikaner schon seit Monaten zwei neue Worte, die man zwischen Boston und Seattle vorher nur im Auslandsteil der Zeitung lesen konnte, in den Exotenberichten aus dem alten Kontinent: Massenarbeitslosigkeit und Langzeitarbeitslosigkeit heißen die Worte.

          Die Masse manifestiert sich in der Prozentzahl Zehn: Eineinhalb Jahre, nachdem die Rezession im Land geendet ist, hat noch immer jeder zehnte Amerikaner keine Arbeit. Anders ausgedrückt: 15 Millionen Menschen befinden sich in einer Lebenssituation, die in Übersee vorher weitgehend unbekannt war. Wie es damals war, steht noch auf dem Filmplakat zu „The Company Men“: „In Amerika schenken wir unser Leben unseren Jobs.“

          Zur Mitte des Jahres hatte es Hoffnung gegeben, als die Arbeitslosenquote hauchzart sank. Doch seitdem steigt sie wieder, im November auf grausame 9,8 Prozent, was mehr ist als noch vor einem Jahr, als es gerade aus dem Tal ging. Jeder zweite Arbeitslose sagt, er leide unter Depressionen.

          Rational ist der Konsum nicht

          Wenn die Wirtschaft in einer Rezession stark schrumpft und dann wieder anzieht, erholt sich normalerweise auch der Arbeitsmarkt. So war es in Amerika Anfang der 80er Jahre, als nach dem Abschwung die Beschäftigung mit 3,5 Prozent im ersten Jahr wuchs. So war es nach dem Ende der Großen Depression Anfang der dreißiger Jahre, als weit mehr neue Jobs entstanden als jetzt. So war es in den Siebzigern, den Neunzigern und nach Platzen der Dot.com-Blase Anfang dieses Jahrtausends.

          Jetzt stellt die Große Rezession die Geschichte auf den Kopf: Amerika hat Rezessionen dieser Schärfe gesehen. Ebenso Erholungen nach kleinen Krisen, in denen wenig neue Arbeitsplätze entstanden. Aber dass ein Phänomen mit dem anderen zusammenfällt, das ist neu.

          Dabei fahren die Unternehmen längst wieder Gewinne ein. Und zu Weihnachten stürmten die Amerikaner wie eh und je die Malls, die prachtfunkelnden Einkaufsmeilen in den Städten. Die Internetbestellungen gingen durch die Decke. Der Konsum erlebt sein Comeback, doch rational ist das nicht. Zumindest das Weihnachtsfest lassen sich die Amerikaner nicht verderben, lautet die noch einleuchtendste Erklärung, und sie haben den Kindern zuliebe ihre Pensionsfonds geschlachtet. Denn neue Jobs gibt es in der Summe nicht. Die Zehn steht und steht.

          Amerika kommt nicht vom Fleck

          Das leitet zum zweiten neuen Wort im amerikanischen Sprachgebrauch über. Auch die Langzeitarbeitslosen kann man an einer Zahl erkennen, es sind die „99ers“, die dem „Club 99“ angehören. 99 Wochen dauert es, bis die Arbeitslosenunterstützung ausläuft. Haben sie bis dahin keine Arbeit gefunden, wonach es momentan für die meisten nicht aussieht, fallen je nach Schätzung eins bis drei Millionen arbeitslose Amerikaner ins Nichts. Mit im Abwärtsstrudel: die Familien. Für Ökonomen ist das eine Horrorvorstellung. Derzeit ringt Präsident Barack Obama mit den Republikanern darum, die Laufzeit der Arbeitslosenhilfe zu verlängern.

          Denn anders als in Europa ist Amerika an Arbeitslosigkeit nicht gewöhnt. Die Wirtschaftssupermacht versteht die Welt nicht mehr. Denn die anderen schlagen sich auch noch so viel besser: Dem schärfsten Konkurrenten China hat die Finanzkrise nur einen kleinen Schrecken eingejagt, dann legte die Kommunistische Partei milliardenschwere Konjunkturpakete auf und das Wachstum jagt nun wieder Rekordmarken. Auch Deutschland erschreckte sich, pumpte Milliarden in Kurzarbeit und kommunale Bauprojekte - und fiebert nun der Vollbeschäftigung entgegen.

          Und die Vereinigten Staaten? Das Land der Dynamik und des Unternehmergeists, die Wiege des modernen Fortschritts mit dem flexibelsten Arbeitsmarkt aller westlicher Industrieländer? Kommt nicht vom Fleck. Anfang Dezember saß der frühere Siemens-Chef Klaus Kleinfeld in einem Fernsehstudio von CNN und sprach den Amerikanern Mut zu, wieder an ihren Traum zu glauben. Die Redaktionen rufen Kleinfeld dieser Tage gerne an, er soll ihnen das deutsche Erfolgsmodell erklären. Was für eine verkehrte Welt.

          Neu ist die unbändige Wut auf die Regierung

          Den amerikanischen Optimisten qua Geburt, die immer stets nach vorne zu blicken scheinen und nie zurück, steht die Angst ins Gesicht geschrieben. Gefürchtet hat sich Amerika zwar schon immer: Früher brachten die Japaner angeblich den Untergang der heimischen Industrie, jetzt sind es die Chinesen. Im Inland verheißen die mexikanischen Immigranten Unheil, auch daran hat sich in den Köpfen vieler nichts geändert.

          Neu ist die unbändige Wut auf die Regierung. Sie hat sich immer höher angestaut. Diese Wut entlädt sich mal in Geschrei und mal ganz gesittet. Wie in diesem parkettbodenen Speisesaal einer schmucken Villa in Dallas, Texas. Es ist ein nobler Stadtteil am See, ein paar Straßen weiter hat sich Präsident a. D. George W. Bush in einem ganz ähnlichen weißen Anwesen zur Ruhe gesetzt.

          In seiner Nachbarschaft trifft sich eine Tischgesellschaft, die eigentlich wenig zu meckern hat: Die Wirtschaft ist im Vormonat ganz ordentlich gewachsen, die Arbeitslosigkeit scheint endlich mal wieder zurückzugehen, minimal, aber immerhin. Der Hausherr, ein Anwalt mit deutschen Wurzeln, hat zum Dinner geladen, es gibt Entenbrust und reichlich Diskussionsstoff um Gesundheitsreform, Mexikaner und all die anderen Gefahren für Amerikas Freiheit. Schnell ist klar: Hier hat der Präsident keine Fans.

          Geradewegs in den Sozialismus

          Ja, sie sei mit Obama in Harvard auf der Law School gewesen, gibt ein weiblicher Gast mittleren Alters zu. Man könne sich seine Kommilitonen eben nicht aussuchen. Dass der Präsident jeden Amerikaner gesetzlich krankenversichern wird und derweil die Staatsverschuldung in ungeahnte Höhen klettert, hat Obama unter den Dinnergästen keine Freunde beschert. Ein Banker in seinen Fünfzigern erläutert langsam und mit leiser Stimme seinen Eindruck, dass es in diesem Land immer mehr Menschen gebe, die nicht mehr daran glaubten, aus eigener Kraft den amerikanischen Traum leben zu können. „Deshalb holen sie sich jetzt, was sie kriegen können.“

          Ein anderer Gast behauptet, dass bereits 40 Prozent aller Wahlberechtigten in Texas Mexikaner seien. Am Wahltag gingen nur nicht alle hin - noch nicht. Ein Steueranwalt berichtet, die großen Firmen in seinem Kundenstamm machten zwar wieder Gewinne, aber beließen das Geld auf dem Konto, anstatt es zu investieren. Denn niemand wüsste, wohin die Reise geht.

          Das Amerika, das an diesem Abend am Tisch sitzt, hat Angst, seine Pfründe zu verlieren. Bei den weniger Betuchten geht die Furcht um, den Job zu verlieren. Gemeinsam ist ihnen die Wut im Bauch auf diesen oberlehrerhaften Präsidenten, der ihr freies Land ihrer Ansicht nach geradewegs in den Sozialismus führt. Eine Lobbyistin, die unter der Woche in Washington arbeitet, erzählt, dass sich zu früheren Zeiten die demokratischen und republikanischen Abgeordneten im Kongress gegeneinander bis aufs Blut gereizt hätten und danach gemeinsam einen Drink genommen hätten. „Der Teil mit dem Drink ist jetzt vorbei.“

          Tatsachen spielen längst keine Rolle mehr

          Die gepflegte Empörung der Tischgesellschaft erscheint putzig im Vergleich zu dem Hass, der gleichzeitig in der weißen Mittelschicht sich seine Bahn bricht, befeuert von der wie festgewachsenen Arbeitslosigkeit. Die radikalkonservative Tea-Party-Bewegung kanalisiert den Hass direkt nach Washington, in die Bürokratenblase. Hier sind zwischen den Oktobermonaten der Jahre 2009 und 2010 entgegen dem Trend so viele neue Jobs wie nirgendwo sonst entstanden: 44.000 Stellen, und nach Ansicht der Menschen im Mittleren Westen ist jede einzelne davon ein Beweis, dass man der Politik nicht trauen könne.

          Echt wirkt auf sie die einstige Kandidatin für das Vizepräsidentenamt Sarah Palin, die auch nach ihrer Niederlage im roten Kostüm und in hochhackigen Schuhen quer durchs Land reist, auf Einladung der Tea Party. Sie stürmt in die Herzen ihrer Zuhörer, die in den Sporthallen der Nation gegen das Washingtoner Establishment anschreien und Schilder hochhalten, auf denen Obama mitsamt dem Schuldenberg in die Sowjetunion verwünscht wird, die zumindest noch als Feindbild existiert. Tatsachen spielen im täglichen Bürgerkrieg von Fernsehsendern wie dem Newskanal Fox des Rechtskonservativen Rupert Murdoch um Quote längst keine Rolle mehr.

          Aber was sind überhaupt die Tatsachen? Auf die Frage, warum der Arbeitsmarkt nicht anspringt, gibt es höchst unterschiedliche Antworten. Die Arbeitslosigkeit habe wie ein Virus alle Branchen befallen, das liege an der schlechten Bildung und sei damit ein Strukturproblem, zischt der linksliberale Paul Krugman in der „New York Times“. Quatsch, raunzt Notenbankchef Ben Bernanke, die Firmen hätten in der Krise Jobs abgebaut, die eben erst mit Verzögerung wiederkämen. Kurzarbeit wie in Deutschland gab es nicht. Stattdessen haben die Unternehmen die Produktivität erhöht. Das spart Jobs.

          Amerikas Niedergang wurde schon oft vorhergesagt

          Bisher zieht der Stellenmarkt nur in Regierungszentren an und in Medizin- und Wissenschaftsstandorte wie Boston. Kalifornien liegt hingegen danieder, der Staat stellt acht Städte mit mehr als 15 Prozent Arbeitslosigkeit. Weil die Menschen ihre Hypothek für das Eigenheim nicht abbezahlen können, ziehen sie nicht einfach der Arbeit hinterher, so wie früher.

          Droht etwa das Ende des amerikanischen Zeitalters, wie der Starhistoriker Niall Fergusson, ein Brite, seine Zuhörer in Manhattan und Cambridge gerne provoziert?

          Amerikas Niedergang wurde schon oft vorhergesagt. Zwar ist die Verschuldung bedrohlich. Das marode Bildungssystem muss dringend reformiert werden. Die Bevölkerung ist 2010 erstmals seit vielen Jahrzehnten langsamer gewachsen. Aber langsamer heißt in Amerika: Sie wuchs um knapp zehn Prozent.

          Sozialkitsch amerikanischer Prägung

          Denn hier ist alles möglich, so klingt immer noch der Soundtrack der Nation, auch wenn er derzeit leiser spielt. Überall auf der Welt zieht es junge und kluge Köpfe weiterhin in das gelobte Land. Auch das monetäre Kapital strömt weiter nach Amerika. Es wird halt noch lange dauern, bis sich das Land wieder mal neu erfunden hat, das ist Konsens. Doch es wird gelingen.

          Auch Hollywoods Krisenfilme entpuppen sich ja kurz vor dem Happy End doch noch als Sozialkitsch amerikanischer Prägung, wenn es wieder aufwärtsgeht. Da ist sie wieder, diese Oberflächlichkeit, die den amerikanischen Spirit speist und es den Amerikanern schon oft einfacher gemacht hat.

          Das ist das Amerika, das die Welt liebt und verachtet, aber niemals ignorieren kann. Die Nachrichten von seinem Ableben waren verfrüht.

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