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Angeknackste Nation : Amerika, du wirst wieder gesund!

Tatsachen spielen längst keine Rolle mehr

Die gepflegte Empörung der Tischgesellschaft erscheint putzig im Vergleich zu dem Hass, der gleichzeitig in der weißen Mittelschicht sich seine Bahn bricht, befeuert von der wie festgewachsenen Arbeitslosigkeit. Die radikalkonservative Tea-Party-Bewegung kanalisiert den Hass direkt nach Washington, in die Bürokratenblase. Hier sind zwischen den Oktobermonaten der Jahre 2009 und 2010 entgegen dem Trend so viele neue Jobs wie nirgendwo sonst entstanden: 44.000 Stellen, und nach Ansicht der Menschen im Mittleren Westen ist jede einzelne davon ein Beweis, dass man der Politik nicht trauen könne.

Echt wirkt auf sie die einstige Kandidatin für das Vizepräsidentenamt Sarah Palin, die auch nach ihrer Niederlage im roten Kostüm und in hochhackigen Schuhen quer durchs Land reist, auf Einladung der Tea Party. Sie stürmt in die Herzen ihrer Zuhörer, die in den Sporthallen der Nation gegen das Washingtoner Establishment anschreien und Schilder hochhalten, auf denen Obama mitsamt dem Schuldenberg in die Sowjetunion verwünscht wird, die zumindest noch als Feindbild existiert. Tatsachen spielen im täglichen Bürgerkrieg von Fernsehsendern wie dem Newskanal Fox des Rechtskonservativen Rupert Murdoch um Quote längst keine Rolle mehr.

Aber was sind überhaupt die Tatsachen? Auf die Frage, warum der Arbeitsmarkt nicht anspringt, gibt es höchst unterschiedliche Antworten. Die Arbeitslosigkeit habe wie ein Virus alle Branchen befallen, das liege an der schlechten Bildung und sei damit ein Strukturproblem, zischt der linksliberale Paul Krugman in der „New York Times“. Quatsch, raunzt Notenbankchef Ben Bernanke, die Firmen hätten in der Krise Jobs abgebaut, die eben erst mit Verzögerung wiederkämen. Kurzarbeit wie in Deutschland gab es nicht. Stattdessen haben die Unternehmen die Produktivität erhöht. Das spart Jobs.

Amerikas Niedergang wurde schon oft vorhergesagt

Bisher zieht der Stellenmarkt nur in Regierungszentren an und in Medizin- und Wissenschaftsstandorte wie Boston. Kalifornien liegt hingegen danieder, der Staat stellt acht Städte mit mehr als 15 Prozent Arbeitslosigkeit. Weil die Menschen ihre Hypothek für das Eigenheim nicht abbezahlen können, ziehen sie nicht einfach der Arbeit hinterher, so wie früher.

Droht etwa das Ende des amerikanischen Zeitalters, wie der Starhistoriker Niall Fergusson, ein Brite, seine Zuhörer in Manhattan und Cambridge gerne provoziert?

Amerikas Niedergang wurde schon oft vorhergesagt. Zwar ist die Verschuldung bedrohlich. Das marode Bildungssystem muss dringend reformiert werden. Die Bevölkerung ist 2010 erstmals seit vielen Jahrzehnten langsamer gewachsen. Aber langsamer heißt in Amerika: Sie wuchs um knapp zehn Prozent.

Sozialkitsch amerikanischer Prägung

Denn hier ist alles möglich, so klingt immer noch der Soundtrack der Nation, auch wenn er derzeit leiser spielt. Überall auf der Welt zieht es junge und kluge Köpfe weiterhin in das gelobte Land. Auch das monetäre Kapital strömt weiter nach Amerika. Es wird halt noch lange dauern, bis sich das Land wieder mal neu erfunden hat, das ist Konsens. Doch es wird gelingen.

Auch Hollywoods Krisenfilme entpuppen sich ja kurz vor dem Happy End doch noch als Sozialkitsch amerikanischer Prägung, wenn es wieder aufwärtsgeht. Da ist sie wieder, diese Oberflächlichkeit, die den amerikanischen Spirit speist und es den Amerikanern schon oft einfacher gemacht hat.

Das ist das Amerika, das die Welt liebt und verachtet, aber niemals ignorieren kann. Die Nachrichten von seinem Ableben waren verfrüht.

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