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Angeknackste Nation : Amerika, du wirst wieder gesund!

Denn anders als in Europa ist Amerika an Arbeitslosigkeit nicht gewöhnt. Die Wirtschaftssupermacht versteht die Welt nicht mehr. Denn die anderen schlagen sich auch noch so viel besser: Dem schärfsten Konkurrenten China hat die Finanzkrise nur einen kleinen Schrecken eingejagt, dann legte die Kommunistische Partei milliardenschwere Konjunkturpakete auf und das Wachstum jagt nun wieder Rekordmarken. Auch Deutschland erschreckte sich, pumpte Milliarden in Kurzarbeit und kommunale Bauprojekte - und fiebert nun der Vollbeschäftigung entgegen.

Und die Vereinigten Staaten? Das Land der Dynamik und des Unternehmergeists, die Wiege des modernen Fortschritts mit dem flexibelsten Arbeitsmarkt aller westlicher Industrieländer? Kommt nicht vom Fleck. Anfang Dezember saß der frühere Siemens-Chef Klaus Kleinfeld in einem Fernsehstudio von CNN und sprach den Amerikanern Mut zu, wieder an ihren Traum zu glauben. Die Redaktionen rufen Kleinfeld dieser Tage gerne an, er soll ihnen das deutsche Erfolgsmodell erklären. Was für eine verkehrte Welt.

Neu ist die unbändige Wut auf die Regierung

Den amerikanischen Optimisten qua Geburt, die immer stets nach vorne zu blicken scheinen und nie zurück, steht die Angst ins Gesicht geschrieben. Gefürchtet hat sich Amerika zwar schon immer: Früher brachten die Japaner angeblich den Untergang der heimischen Industrie, jetzt sind es die Chinesen. Im Inland verheißen die mexikanischen Immigranten Unheil, auch daran hat sich in den Köpfen vieler nichts geändert.

Neu ist die unbändige Wut auf die Regierung. Sie hat sich immer höher angestaut. Diese Wut entlädt sich mal in Geschrei und mal ganz gesittet. Wie in diesem parkettbodenen Speisesaal einer schmucken Villa in Dallas, Texas. Es ist ein nobler Stadtteil am See, ein paar Straßen weiter hat sich Präsident a. D. George W. Bush in einem ganz ähnlichen weißen Anwesen zur Ruhe gesetzt.

In seiner Nachbarschaft trifft sich eine Tischgesellschaft, die eigentlich wenig zu meckern hat: Die Wirtschaft ist im Vormonat ganz ordentlich gewachsen, die Arbeitslosigkeit scheint endlich mal wieder zurückzugehen, minimal, aber immerhin. Der Hausherr, ein Anwalt mit deutschen Wurzeln, hat zum Dinner geladen, es gibt Entenbrust und reichlich Diskussionsstoff um Gesundheitsreform, Mexikaner und all die anderen Gefahren für Amerikas Freiheit. Schnell ist klar: Hier hat der Präsident keine Fans.

Geradewegs in den Sozialismus

Ja, sie sei mit Obama in Harvard auf der Law School gewesen, gibt ein weiblicher Gast mittleren Alters zu. Man könne sich seine Kommilitonen eben nicht aussuchen. Dass der Präsident jeden Amerikaner gesetzlich krankenversichern wird und derweil die Staatsverschuldung in ungeahnte Höhen klettert, hat Obama unter den Dinnergästen keine Freunde beschert. Ein Banker in seinen Fünfzigern erläutert langsam und mit leiser Stimme seinen Eindruck, dass es in diesem Land immer mehr Menschen gebe, die nicht mehr daran glaubten, aus eigener Kraft den amerikanischen Traum leben zu können. „Deshalb holen sie sich jetzt, was sie kriegen können.“

Ein anderer Gast behauptet, dass bereits 40 Prozent aller Wahlberechtigten in Texas Mexikaner seien. Am Wahltag gingen nur nicht alle hin - noch nicht. Ein Steueranwalt berichtet, die großen Firmen in seinem Kundenstamm machten zwar wieder Gewinne, aber beließen das Geld auf dem Konto, anstatt es zu investieren. Denn niemand wüsste, wohin die Reise geht.

Das Amerika, das an diesem Abend am Tisch sitzt, hat Angst, seine Pfründe zu verlieren. Bei den weniger Betuchten geht die Furcht um, den Job zu verlieren. Gemeinsam ist ihnen die Wut im Bauch auf diesen oberlehrerhaften Präsidenten, der ihr freies Land ihrer Ansicht nach geradewegs in den Sozialismus führt. Eine Lobbyistin, die unter der Woche in Washington arbeitet, erzählt, dass sich zu früheren Zeiten die demokratischen und republikanischen Abgeordneten im Kongress gegeneinander bis aufs Blut gereizt hätten und danach gemeinsam einen Drink genommen hätten. „Der Teil mit dem Drink ist jetzt vorbei.“

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