https://www.faz.net/-gqe-rxex

Analyse : Unternehmen in den Fängen der Politik

  • -Aktualisiert am

Nicht willkommen in Madrid: Energieversorger Eon Bild: picture-alliance/ dpa/dpaweb

Die Fusionswelle rollt. Doch jetzt machen nationale Regierungen mobil. Trotzdem wird die Unternehmenslandschaft in vielen Regionen völlig umgepflügt. Es fragt sich nur, wer das besser kann: die Unternehmen oder die Staaten.

          3 Min.

          Die Fusionswelle der Unternehmen rollt. Die tiefgreifende Restrukturierung vieler Konzerne in den vergangenen Jahren, die üppige Ertragslage und der Druck der neuen Konkurrenten in Fernost zeigen Wirkung. Auf das Übernahmeangebot des Stahlkonzerns Mittal für den Konkurrenten Arcelor folgte binnen kurzem der Griff des deutschen Energieversorgers Eon nach Endesa in Spanien.

          Doch jetzt machen die nationalen Regierungen mobil. Sie üben sich in wirtschaftlicher Gestaltungsfreude. Eon ist in Madrid nicht willkommen und gegen Enel aus Italien wird in Paris ein Bündnis geschmiedet, das so ganz nebenbei den größten Energieversorger Europas schafft, sollte die Verbindung Eon-Endesa scheitern.

          Kassen der Konzerne sind prall gefüllt

          Der allgemeinen Fusionsfreude tun die politischen Interventionen keinen Abbruch. Was unverfänglich „Branchenkonsolidierung“ heißt, ist in Wirklichkeit das Entstehen völlig neuer Kraftfelder. In vielen Regionen wird die Unternehmenslandschaft völlig umgepflügt. Es fragt sich nur, wer das besser kann: die Unternehmen, deren Leitlinie die Profitabilität ist, wo immer sie auch herkommen mag, oder die Staaten, denen es vor allem um die vermeintliche Stärkung des heimatlichen Standorts geht, was immer dies auch kostet.

          Die Kassen der Konzerne sind prall gefüllt - auch in Deutschland. Mehr als 120 Milliarden Euro könnten Schätzungen zufolge allein die Unternehmen des Dax 30 für Übernahmen ausgeben, die Kreditlinien der Banken nicht eingerechnet. Das ist gut ein Drittel mehr als noch im Jahr 2002. Europäische Champions mit Strahlkraft in die ganze Welt entstehen dabei zuhauf. Unter den zehn größten angekündigten Übernahmen deutscher Konzerne seit 2002 zielten fünf auf Ziele vor der Haustür. In anderen europäischen Ländern sieht es ähnlich aus, man denke an den Erwerb der großen Bausparkasse Abbey National in Großbritannien durch die spanische Großbank Santander oder der Hypo-Vereinsbank in München durch Unicredit in Italien.

          „Nationale Champions“ erregen Widerstand

          Gleichwohl stoßen die großen Fusionskandidaten auf Hindernisse. „Nationale Champions“ erregen den Widerstand der Kartellbehörden vor Ort und müssen sich, wie im Fall Eon/Ruhrgas, mit einer Ministererlaubnis in den Zusammenschluß hineinmogeln. Bei europäischen Marktführern findet neben wettbewerblichen Vorbehalten das Wohlwollen der Regierungen für solche Fusionen rasch ein Ende, wenn diese Unternehmen ihren Sitz im Land des Partners nehmen.

          „Europäische Champions“ sind kein neues Phänomen, der Ölkonzern Royal-Dutch/Shell mit seiner Verankerung in den Niederlanden und Großbritannien ist ein frühes Beispiel. Aber erst der unbestreitbare Erfolg des Airbus gegen den amerikanischen Rivalen Boeing hat dieser Unternehmensform höhere Weihen verliehen. Seitdem wird das Konzept kaum mehr hinterfragt, die hohe staatliche Förderung der großen Vögel galt als unvermeidlich, ja als Beleg einer besonderen Weitsicht der Politik.

          Wie fühlen sich die neuen EU-Mitglieder in Osteuropa?

          Dies rächt sich jetzt: Im Zuge des globalen Verteilungskampfes um Märkte, Wertschöpfungspotentiale und Standorte melden sich die Regierungen vermehrt mit rein nationalen Lösungen zu Wort. Die Großen trumpfen auf: China päppelt seine Großindustrie für den Griff nach westlichen Technologien und Märkten. Die Vereinigten Staaten entdecken selbst die Häfen als einen Bestandteil der nationalen Sicherheit. Und in Europa macht vor allem Frankreich von sich reden: Unabhängig von dem hohen Staatsanteil an Gaz de France ist es bezeichnend, daß bei der Verkündung des Fusionsplans mit dem Energieunternehmen Suez der Premierminister das große Wort schwang.

          Auch er führte die nationale Sicherheit ins Feld, in diesem Fall der Energieversorgung. Das klingt, als käme der Suez-Interessent Enel nicht aus Italien, sondern aus einer Diktatur im Nahen Osten. Die heftigen Reaktionen dort sind daher verständlich. Und wie müssen sich zum Beispiel die neuen EU-Mitglieder in Osteuropa fühlen, deren Bankensystem weitgehend in westeuropäischer Hand ist?

          Vielfach geneigt, Arbeitsplätze im Land zu halten

          Angesichts dieses Machtpokers wirken die Bemühungen der Europäischen Kommission um liberale Übernahmeregeln reichlich hilflos. Den nationalen Regierungen geht es um Arbeitsplätze, Konzernsitze und Steuern. Daran ist zunächst nichts Verwerfliches. Die Diskussionen um eine Fusion der Deutschen Börse mit einem Partner oder zuvor um einen Verkauf der Deutschen Bank an die Citigroup in Amerika haben allen vor Augen geführt: Unternehmenszentralen erbringen Infrastrukturleistungen und stellen Kompetenzzentren dar. Sie beschäftigen qualifiziertes Personal. Sie benötigen vor Ort ein ganzes Netz von Anwälten, Steuerberatern und Finanzexperten. Sie sind vielfach eher geneigt, Arbeitsplätze im Land zu halten.

          Andererseits können sich Konzerne, gleichgültig wo sie ihren Sitz haben, den betriebswirtschaftlichen Zwängen nicht entziehen. Die Entscheidung für Produktionsstandorte, Arbeitskräfte, Entwicklungsleistungen und Fusionspartner fragt nicht nach nationalen Grenzen, sondern in erster Linie nach Märkten und Kosten. Hier stehen auch die Staaten mit ihren Rahmenbedingungen im Wettbewerb.

          Wenn sie sich abschotten, müssen auch die „nationalen Champions“ in ihren grenzüberschreitenden Übernahmen zurückstecken, die sie selbst nur zu gerne verfolgen. Die Europäer hätten davon eher den Schaden als die Vereinigten Staaten oder China mit ihren großen nationalen Märkten. Eine Verstaatlichung der Unternehmensübernahmen in Europa zeitigte schwerwiegende Folgen. Als erstes könnte die Blockadetaktik Frankreichs auf Eon durchschlagen, indem sie die spanische Regierung zu einem ähnlichen Verhalten ermuntert. Niemand kann das wünschen.

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          In Landkreisen mit hohen Inzidenzen bleiben die Biergärten verwaist.

          Corona-Maßnahmen : So bremst die Notbremse

          Keine Reisen in der Nacht, kein Fußball im Freien, die Biergärten bleiben geschlossen: Das sind die neuen Regeln im Überblick.
          Wer leakt seine Textnachrichten? Der britische Premierminister Boris Johnson am Freitag in Stoney Middleton im Nordwesten Englands beim Besuch eines Bauernhofs

          Suche nach Durchstecher : Wer hat Johnsons Nachrichten verbreitet?

          Seit Monaten werden persönliche Textnachrichten des britischen Premierministers geleakt. Als möglicher Urheber gilt dessen früherer Berater Dominic Cummings. Beobachter warnen vor einem Kampf, den Johnson nur verlieren könne.
          Gegen schicksalhafte Festlegungen in der Politik: Wolfgang Thierse

          Identitätspolitik : Schuld ist kein Schicksal

          Mit seiner Kritik an den Auswüchsen der Identitätspolitik hat Wolfgang Thierse für Aufsehen gesorgt. Die Universität Münster setzt die Debatte mit Thierse nun fort. Die allgemeine Unsicherheit ist mit Händen zu greifen.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.