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Analyse : Der Weg in die Krise

  • -Aktualisiert am

Die Krise beginnt in Amerika - und dehnt sich inzwischen auf die ganze Welt aus. Wie konnte das geschehen? Bild: dpa

Das globale Finanzsystem ist in die schwerste Krise seit Ende des Zweiten Weltkriegs geraten, eine allgemeine Wirtschaftskrise droht. Was genau aber hat dazu geführt? Die Globalisierung, kurzsichtige Politik und ungehemmte Geldgier.

          Ausgehend vom amerikanischen Hypothekenmarkt, ist das Weltfinanzsystem in eine gefährliche Krise geraten. Gleichzeitig beschleunigt sich rund um den Globus die Inflation, in den Vereinigten Staaten droht eine Rezession, das Vertrauen in die Weltleitwährung Dollar schwindet. Was hat in diese prekäre Lage geführt?

          Volkswirtschaftliche Analysen sind kompliziert. Oft lassen sich die Kausalzusammenhänge – und damit die politische Verantwortung – nicht eindeutig bestimmen. Diese Einschränkung vorausgeschickt, kann man den Ursprung der aktuellen Krise auf den Beginn dieses Jahrzehnts zurückzuführen.

          Mini-Leitzins treibt Immobilienhausse

          In den Jahren 2000 und 2001 wird die amerikanische Wirtschaft von einem Doppelschlag getroffen: Erst platzt die Internetaktienhausse, dann folgen die Terrorangriffe vom 11. September. Die amerikanische Notenbank Fed befürchtet eine Deflation. Um gegenzusteuern, senkt die Fed ihren Leitzins auf äußerst niedrige 1 Prozent. Das Rezept funktioniert, und zwar vor allem deshalb: Amerikanische Eigenheimbesitzer dürfen Festzins-Hypotheken jederzeit ohne Zahlung eines Strafzinses vorzeitig kündigen. Als der niedrige Leitzins auch die Zinsen für langfristige Hypotheken sinken lässt, nutzen dies Millionen Haushalte: Sie kündigen ihre alte Hypothek und refinanzieren sie zu niedrigerem Zins. Die Folge: Die Haushalte haben jeden Monat mehr Geld für ihren Konsum zur Verfügung. Oder sie erhöhen die Hypothek auf ihr Haus und kaufen mit diesem zusätzlichen Kredit japanische Autos, Küchen aus Deutschland oder einen Anbau ans Eigenheim.

          Das treibt den Konsum mächtig an, zumal ein zweiter Effekt hinzukommt: Das niedrigere Zinsniveau steigert die Nachfrage nach Wohnimmobilien. Zur Mitte des Jahrzehnts steigen die Eigenheimpreise Jahr für Jahr mit zweistelligen Raten. Über zusätzliche zweitrangige Hypothekenkredite (Home Equity Lines) ermöglichen es die Banken Haushalten, den erhöhten Wert des Eigenheims in Bargeld umzumünzen. So kann jeder Haushalt mit dem erhöhten Konsum des Nachbarn Schritt halten. Der kreditfinanzierte Konsumrausch grassiert, die Sparquote geht gegen null. Mitte 2004 ist die Konjunktur so gefestigt, dass die Fed damit beginnt, den Leitzins anzuheben. Doch anders als beabsichtigt gehen die langfristigen Zinsen nicht ebenfalls nach oben. Die Immobilienhausse setzt sich fort.

          Notenbanken verzerren den Markt

          Der Grund dafür liegt vor allem in Asien. Nach der verheerenden Krise 1997/98 wollen die großen asiatischen Länder ihren Export – den Motor ihrer Volkswirtschaften – am Laufen halten, zumal Länder wie China und Indien Jahr für Jahr Millionen verarmter Bauern in Lohn und Brot bringen müssen. Ihre Strategie: Sie halten ihre Währungen künstlich niedrig bewertet. Um dies zu erreichen, kaufen die Notenbanken in großem Stil Dollar auf. Diese Eingriffe in den Devisenmarkt verhindern, dass die globalen Waren- und Kapitalströme ins Gleichgewicht kommen. Mit dem künstlich überbewerteten Dollar kaufen Amerikas Konsumenten im Ausland ein, was das Zeug hält. Das Leistungsbilanzdefizit steigt auf 6 Prozent der Wirtschaftsleistung.

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