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Entscheidung der Fed : Amerikas Notenbank zögert mit der Zinswende

Amerikanische Ökonomen warnen die Fed-Chefin Janet Yellen vor einer Zinserhöhung. Bild: AP

Starke Stimmen in Amerika warnen die Fed vor einem Zinsanstieg. Deutsche Ökonomen widersprechen. In Europa aber wird es noch lange keine Abkehr vom Nullzins geben.

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          Etliche führende amerikanische Ökonomen warnen die Notenbank Federal Reserve eindringlich vor einer Zinswende schon in dieser Woche. Zu den Mahnern gehören große Namen wie Larry Summers und Kenneth Rogoff (beide Harvard-Universität), aber auch die Chefökonomen wichtiger internationaler Institutionen wie der Weltbank und des Internationalen Währungsfonds. In Deutschland gibt es dagegen auch Stimmen, die eine Anhebung des seit mehr als sechs Jahren bei null liegenden Leitzinses der Fed für notwendig halten. Auch die Bank für Internationalen Zahlungsausgleich in Basel mahnt die Zentralbanken der Welt, mit der Normalisierung der Geldpolitik – also der Abkehr vom Nullzins – nicht zu spät anzufangen.

          Philip Plickert
          Wirtschaftskorrespondent mit Sitz in London.
          Winand von Petersdorff-Campen
          Wirtschaftskorrespondent in Washington.

          Am heutigen Mittwoch und am Donnerstag kommen die amerikanischen Zentralbanker zusammen, um über eine Leitzinserhöhung zu beraten. Vertreter der Notenbank haben verschiedentlich ankündigt, die Normalisierung der Geldpolitik einleiten zu wollen, nachdem der Leitzins seit Ende 2008 nahe null liegt. Zwei Faktoren werden für die Entscheidung eine Rolle spielen: die Entwicklung der Inflation und des Arbeitsmarktes. Die amerikanische Zentralbank hat – anders als die allein auf die Bewahrung der Preisstabilität festgelegte Europäische Zentralbank (EZB) – ein „duales Mandat“ vom Gesetzgeber, das ihr auferlegt, maximale Beschäftigung zu ermöglichen und die Inflation zu bekämpfen.

          Bild: F.A.Z.

          Der amerikanische Arbeitsmarkt hat eine lange Erholungsphase hinter sich. Die Arbeitslosenquote ist inzwischen auf 5,1 Prozent gesunken. Harvard-Professor Summers, der ehemals Finanzminister war, warnt allerdings, dass die Dynamik am Arbeitsmarkt offenkundig nachlasse, nachdem dort zuletzt deutlich weniger neue Stellen besetzt wurden als zuvor. Besorgt sind Ökonomen auch über die niedrige Erwerbsbeteiligung der Amerikaner, die noch unter dem Vorkrisenniveau liegt. Dazu kommen viele Amerikaner, die unfreiwillig nur Teilzeit arbeiten, obwohl sie einen Vollzeitjob anstreben.

          Kritisch beäugt wird auch der zweite Faktor, die Inflation. Sie liegt mit 0,2 Prozent weit unter den von der Fed projektierten 2 Prozent. Die Fed hat angekündigt, dass sie die Zinsen anheben will, wenn sie ausreichend zuversichtlich sei, dass die Inflation auf die 2-Prozent-Marke zusteuert. Der Vizevorsitzende der Fed, Stanley Fischer, hatte beim Treffen in Jackson Hole gesagt, dass er eine gute Möglichkeit sehe, dass die Preise sich in diese Richtung bewegten. Harvard-Ökonom Rogoff sagte dazu, die Zentralbanker sollten nicht zuversichtlich sein, sondern sicher. Eine überschießende Inflation sei die kleinste Sorge der Weltwirtschaft. Fed-Chefin Janet Yellen möge nicht zu sehr auf ökonometrische Modelle vertrauen, die insinuieren, Inflation sei nur einen Katzensprung entfernt.

          Deutsche Ökonomen fordern Zinserhöhung

          Anders beurteilt der deutsche Makroökonom und Geldtheoretiker Volker Wieland die Lage. Eine Normalisierung der Geldpolitik sei angesichts der robusten Konjunktur und des am Arbeitsmarkt erreichten Niveaus überfällig, sagte Wieland, Mitglied des Sachverständigenrats (Wirtschaftsweise), der F.A.Z. Die Arbeitslosenquote von 5,1 Prozent sei so niedrig, dass die Geldpolitik sie auch mit einem weiter sehr expansivem Kurs nicht weiter senken könne; sie hätte ihr strukturell begründetes Tief erreicht. Und die Kernrate der Inflation liege in den Vereinigten Staaten schon seit längerer Zeit stabil und nahe am Zielwert. Nur der Ölpreisverfall habe die Inflation derzeit so tief gedrückt. Aus diesen beiden Gründen, so der Ökonom von der Universität Frankfurt, der mehrere Jahre für die Fed in Washington gearbeitet hat, sollte die Fed nun endlich handeln.

          Auch der Chefvolkswirt der Deutschen Bank, David Folkerts-Landau, sieht keinen Grund, warum die Fed noch länger warten sollte: „Ein Leitzinsanstieg ist jetzt völlig angemessen und seit längerem überfällig“, sagt Folkerts-Landau. Es herrsche praktisch Vollbeschäftigung in Amerika und die Inflationsrate sollte sich dem Zielwert von 2 Prozent nähern. Zu einem solchen Umfeld passe keine so lockere Geldpolitik mit Nullzins, sondern eher ein Leitzins von 3 Prozent, rechnet der Deutsche-Bank-Chefvolkswirt vor. Eine Beibehaltung der gegenwärtigen Politik riskiere, die Finanzstabilität zu gefährden und einen Anstieg der Inflation in der Zukunft, warnt Folkerts-Landau.

          Niedriger EZB-Leitzins

          Allerdings sind an den Märkten die Erwartungen zuletzt wieder gesunken, dass die Fed schon diese Woche erhöhen werde. Auch Wieland schätzt die Fed-Führung als zögerlich ein. „Sie hat die nötige Zinswende immer wieder aufgeschoben, was die Unsicherheit an den Märkten stark vergrößert hat“, kritisiert er. Sie werde daher die Zinsnormalisierung eher zu spät als zu früh beginnen.

          In der EZB wird die sich abzeichnende amerikanische Zinswende mit gemischten Gefühlen verfolgt. Einige europäische Ökonomen haben Sorgen, dass eine Straffung der Fed-Politik die Weltkonjunktur bremsen und vor allem die Schwellenländer in Schwierigkeiten bringen könnte, deren Aufschwung viele Jahre vom Zufluss billigen amerikanischen Geldes getrieben war. Andererseits kann eine Straffung der amerikanischen Geldpolitik den europäischen Notenbankern gut ins Kalkül passen. Denn damit würde der Euro gegenüber dem tendenziell aufwertenden Dollar schwächer, was den hiesigen Export und die Konjunktur stützen würde. „Wenn die Fed zaghaft mit der Normalisierung beginnt, spielt das der EZB in die Hände“, meint Wieland. Die Abwertung des Euro gegenüber dem Dollar um rund 14 Prozent im Verlauf der vergangenen zwölf Monate habe stark mit der unterschiedlichen Ausrichtung der Geldpolitik zu tun, sagt Jonathan Loynes vom Analysehaus Capital Economics.

          Die EZB hat sich noch bis mindestens Herbst 2016 an eine sehr expansive Geldpolitik gebunden. Der Leitzins steht bei 0,05 Prozent und wird dies wohl auch noch längere Zeit tun. EZB-Chef Mario Draghi hat unterstrichen, dass das laufende Anleihekaufprogramm noch ausgeweitet werden kann. Selbst für 2017 ist eine Normalisierung der Geldpolitik noch nicht abzusehen. Im Jahr 2011 hob die EZB zwar in zwei kleinen Schritten den Leitzins von damals 1 auf 1,5 Prozent an, doch dann schlug die Euro-Schuldenkrise voll zu und erzwang eine Kurswende.

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