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Amerikanischer Haushaltsstreit : Spitzenbanker warnen vor Horrorszenario

  • -Aktualisiert am

Für die Anhebung der Schuldengrenze bleibt nur noch Zeit bis Donnerstag Bild: dpa

Bei den Verhandlungen über die Anhebung der Schuldenobergrenze drängt die Zeit. Spitzenbanker wie der Ko-Vorstandschef der Deutschen Bank, Anshu Jain, fürchten negativen Folgen für das gesamte Finanzsystem. Weltbank-Chef Kim warnt vor einer weltweiten Katastrophe.

          Im Haushaltsstreit in den Vereinigten Staaten hat Weltbank-Präsident Jim Yong Kim Regierung und Republikaner zu einer raschen Einigung aufgerufen. Die Vereinigten Staaten seien nur Tage davon entfernt, eine weltweite wirtschaftliche Katastrophe zu verursachen, sagte Kim in Washington: „Wir sind fünf Tage von einem sehr gefährlichen Moment entfernt.“ Wenn die Frist bis zum Erreichen der Schuldenobergrenze am kommenden Donnerstag ohne eine Einigung über deren Anhebung erreicht werde, drohten weltweit Zinserhöhungen, ein erheblicher Vertrauensverlust und Wachstumsschwäche, warnte Kim.

          Norbert Kuls

          Freier Autor in der Wirtschaft.

          Auch der Ko-Vorstandsvorsitzende der Deutsche Bank,  Anshu Jain, und andere Spitzenbanker haben angesichts eines immer näher rückenden Zahlungsausfalls amerikanischer Staatsanleihen in deutlichen Worten  vor negativen Auswirkungen auf das Finanzsystem gewarnt.

          Als „absolut  katastrophal“ bezeichnete Jain einen potentiellen Ausfall der Wertpapiere auf  einer Konferenz des internationalen Bankenverbandes IIF. Es gebe eine sehr enge Beziehung zwischen der Integrität amerikanischer Staatsanleihen und dem Status des Dollar, der internationalen Reservewährung. „Damit darf man nicht  herumspielen. Wir reden hier über das Fundament des Finanzsystems“, sagte  Jain.

          Vor allem für die Entwicklungsländer könne dies eine Katastrophe bedeuten, aber auch die Industrienationen würden die Folgen drastisch zu spüren bekommen, sagte auch Weltbank-Chef Kim.

          Stillstand bei Verhandlungen

          Die Verhandlungen über die Anhebung der Schuldenobergrenze zwischen  Republikanern und Demokraten schienen am Wochenende wieder festgefahren. Wird  das Limit von derzeit 16,7 Billionen Dollar nicht rechtzeitig vom Kongress  angehoben, kann das Finanzministerium die Zinsen von Staatsanleihen nicht mehr  bedienen. Nach Angaben des Ministeriums bleibt nur noch Zeit bis zum  17. Oktober, um die Grenze anzuheben. Jain und andere Finanzfachleute wiesen auf die Bedeutung der Staatsanleihen als Sicherheiten für die kurzfristige Finanzierung von Finanzdienstleistern und  Unternehmen auf dem Markt für sogenannte Repo- oder Pensionsgeschäfte  hin.

          Dieser obskure Markt ist eines der wichtigsten Schmiermittel des  amerikanischen Finanzsystems. Investmentbanken, Hedgefonds und Unternehmen tauschen dort mit Geldmarktfonds Wertpapiere gegen Bargeld. Für diese  Transaktionen werden häufig amerikanische Staatsanleihen verwendet, die als  extrem sichere Anlage gelten. Ein Zahlungsausfall hätte nach Ansicht von Jain  „unheilbare“ rechtliche Konsequenzen für die Geschäfte. „Es wäre eine sich sehr  schnell ausbreitende tödliche Krankheit.“ Jain und seine Kollegen gaben sich dennoch überzeugt, dass noch rechtzeitig  eine wie auch immer geartete Lösung gefunden werde.

          Jamie Dimon, der  Vorstandsvorsitzende der größten amerikanischen Bank JP Morgan Chase  befürchtet andernfalls „riesige unbeabsichtigte Folgen“ für die globale  Konjunktur. Er betonte die Gefahr, dass das leichte Wirtschaftswachstum  abgewürgt werden könnte. „Wir haben es fast geschafft. Lasst uns bitte kein  Eigentor schießen“, flehte Dimon. Seine bisherige Zurückhaltung in der Debatte  begründete er scherzhaft mit einem Hinweis auf die behördlichen Ermittlungen  gegen seine Bank. „Ich habe genug Probleme damit, Demokraten und Republikaner  zu verärgern“, sagte Dimon unter dem Gelächter der anwesenden Banker.

          JP Morgan  hat 23 Milliarden Dollar zurückgestellt, um sich für mögliche Strafzahlungen zu  wappnen. Die Bank verhandelt derzeit mit dem Justizministerium und mehreren  Aufsichtsbehörden über einen außergerichtlichen Vergleich in Höhe von 11 Milliarden Dollar. Der Bank werden unter anderem unlautere Methoden bei der  Emission von Hypothekenanleihen im Vorfeld der Finanzkrise vor fünf Jahren  vorgeworfen. 

          Geldmarktfonds könnten Marktverwerfungen herbeiführen

          Dimon warnte wegen der Schuldendebatte auch vor dem Rückzug von Geldmarktfonds,  was zu Marktverwerfungen führen könnte. „Geldmärkte sind die wechselhaftesten  Märkte der Welt“ sagte Dimon. Verluste eines in Amerika sehr bekannten  Geldmarktfonds mit wertlos gewordenen Anleihen der zusammengebrochenen  Investmentbank Lehman Brothers hatten auf dem Höhepunkt der Finanzkrise für Panik unter Investoren gesorgt. Die Fonds, die in kurzlaufende Anleihen von  Staaten und Unternehmen investieren, galten bis dahin als extrem sichere Anlage, die einem Bankkonto ähnelt. Die Fonds versprechen Anlegern die volle  Rückzahlung ihres investierten Kapitals.

          Kurzlaufende Staatsanleihen, die am 17. Oktober fällig werden, gerieten in der  vergangenen Woche zeitweise unter massiven Verkaufsdruck. Die große Fondsgesellschaft Fidelity hatte in ihren Geldmarktfonds in den vergangenen  Wochen als „Vorsichtsmaßnahme“ alle Engagements in Papieren beendet, die um die  Zeit fällig werden oder Zinsen zahlen, in der die Schuldengrenze angehoben  werden muss.

          Für die große kalifornische Rentenfondsgesellschaft Pimco war das  eine Gelegenheit, die Papiere zu gefallenen Preisen zu erwerben. Pimco, eine  Tochtergesellschaft des Münchner Versicherers Allianz, unterliegt nicht den  Beschränkungen von Geldmarktfonds. „Wir machen genau das Gegenteil, wir kaufen  wahrscheinlich, was Fidelity verkauft“, sagte Bill Gross, Gründer und Chefanleger von Pimco, vergangene Woche in einem Interview. Auf der  Konferenz des IIF bestätigte Gross’ Kollege Mohamed El-Erian, der  Vorstandsvorsitzende von Pimco, die Käufe. Auf die Frage, ob Pimco im Besitz  kurzlaufender Papiere sei, lächelte El-Erian: „Ja, sind wir.“

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