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Amerikanische Wirtschaft : Die Kosten von 9/11

Träger einer schweren Last: George W. Bush übergibt die Bürde des Amtes an seinen Nachfolger Bild: dapd

Die Angriffe des 11. September 2001 stürzten weder die Vereinigten Staaten noch die Weltwirtschaft in eine Rezession. Im Handel blieben die Vereinigten Staaten dagegen ein offenes Land, wenn auch mit viel mehr Schulden als jemals zuvor.

          Nichts wird mehr sein, wie es war, hieß es nach den Terroranschlägen auf die Vereinigten Staaten vor zehn Jahren. Wirtschaftlich stimmt das in vieler Hinsicht nicht. Entgegen der Befürchtungen stürzten die Angriffe des 11. September weder die Vereinigten Staaten noch die Weltwirtschaft in eine Rezession. Die ökonomischen Spuren von 9/11 finden sich am ehesten noch in den Kosten, die die Kriege in Afghanistan und im Irak sowie erhöhte Sicherheitsvorkehrungen den Amerikanern brachten. Doch auch hier ist die Zeit über vieles hinweggegangen.

          Patrick Welter

          Korrespondent für Wirtschaft und Politik in Japan mit Sitz in Tokio.

          In den Wochen nach den Anschlägen verringerte sich die amerikanische Wirtschaftsleistung erheblich. Unter einer dicken Staubschicht der gefallenen Türme des World Trade Center blieb im südlichen Manhattan das Finanzzentrum der Welt, die New York Stock Exchange, vier Tage lang geschlossen. Fabriken stellten temporär ihre Produktion ein, weil mit dem Zusammenbruch des Flugverkehrs und wegen drastisch verschärfter Kontrollen im Land- und Flussverkehr die Zulieferung von Vorprodukten nicht mehr gewährleistet war. Die Flexibilität der Just-in-time-Produktion, die zuvor ungeahnte Produktivitätszuwächse verschafft hatte, erwies sich zeitweise als Last.

          Im patriotischen Rausch versagten die Kontrollen

          Politisch opportun erschien so im Herbst 2001 der Regierung von George W. Bush die Behauptung, die Terroranschläge hätten die schwache Wirtschaft über die Kante in die Rezession gestoßen. Doch das stimmt nicht. Nach dem Platzen der Internet-Börsenblase steckten die Vereinigten Staaten schon seit Jahresbeginn 2001 in einer leichten Rezession. Im vierten Quartal, direkt nach den Anschlägen, aber wuchs die Wirtschaft schon wieder. Am Jahresende erreichten die Aktienindizes an der Wall Street Werte wie vor den Anschlägen. Private Haushalte und Unternehmen stoppten nach 9/11 zwar Konsum und Investitionen, weil die allgemeine Unsicherheit ein Abwarten nahelegte. Die Starre aber dauerte nur kurz. Dann kamen der Untergang von Enron im Dezember 2001, von Worldcom im Juli 2002 und die weltumfassende Panik wegen der Sars-Epidemie. Diese Gründe für das schwache Wachstum in den Jahren nach 2001 haben mit dem 11. September nichts zu tun.

          Alan Greenspan bekundete Verwunderung über die Widerstandskraft, die die Wirtschaft in Reaktion auf die Anschläge zeigte

          Der frühere Vorsitzende der amerikanischen Zentralbank Federal Reserve, Alan Greenspan, bekundete in seinen Memoiren seine große Verwunderung über die bemerkenswerte Widerstandskraft, die die Wirtschaft in Reaktion auf die Anschläge zeigte. Die Fed stützte mit schnellen Zinssenkungen, mit denen sie den schon zuvor begonnenen Lockerungskurs fortsetzte. Ein fiskalisches Konjunkturprogramm von 100 Milliarden Dollar aber kam 2001 schon nicht mehr zustande. Als der Kongress sich im Frühjahr 2002 endlich einigte, kam der erheblich kleinere Impuls wie so oft zu spät, mitten in die Erholung hinein. Das Programm bestand aus einem Sammelsurium an Einzelprojekten, mit denen die Kongressmitglieder ihre politische Klientel bedachten. „Weil sich alle um die Flagge und den Präsidenten scharten und der Fokus sich mit den Kriegen auf das Ausland richtete, blieben in den ersten Jahren nach 9/11 viele inländische Ausgaben unbemerkt und unangefochten“, sagt David Boaz, der Vizedirektor des Cato-Instituts in Washington. Im patriotischen Rausch versagten die fiskalpolitischen Kontrollen, die „checks and balances“ der Demokratie.

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