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Amerikanische Notenbank : Bernankes geldpolitischer Voodoo

  • -Aktualisiert am

Kann nun für sich beanspruchen, das Ende der Lockerung eingeleitet zu haben: Ben Bernanke Bild: AP

Die amerikanische Notenbank drosselt ihre Anleihekäufe moderat um zehn Milliarden Dollar im Monat. Endet das größte Experiment in der hundertjährigen Geschichte der Fed nun?

          Der Offenmarktausschuss der Federal Reserve hat seinem scheidenden Vorsitzenden Ben Bernanke ein Weihnachtsgeschenk der besonderen Art gemacht. Bislang haftete Bernanke der zweifelhafte Ruhm an, mit der quantitativen Lockerung das größte geldpolitische Experiment in der hundertjährigen Geschichte der amerikanischen Notenbank in die Wege geleitet zu haben. Mit der moderaten Drosselung der Anleihekäufe um 10 Milliarden Dollar im Monat kann er nun im Rückblick auf seine Amtszeit auch beanspruchen, das Ende der Lockerung eingeleitet zu haben. Das ist für die Geschichtsbücher.

          Wer die Erklärung der Fed liest und Bernankes Pressekonferenz lauschte, gewinnt allerdings nicht den Eindruck, dass die Zentralbank ernsthaft an ein Ende des billigen Geldes denkt. Bernanke betonte wieder und wieder, die Fed wolle die Geldpolitik auf weit absehbare Zeit gar nicht straffen. Eine Drosselung ohne Straffung? Diese geldpolitische Verwirrung gehört zu den Absonderlichkeiten, die der Schwenk der Geldpolitiker zu verbalen Leitlinien (forward guidance) mit sich bringt. Die Fed zieht ein wenig die Zügel an bei den Anleihekäufen und kompensiert das mit der Verheißung, die Nullzinspolitik auch dann noch lange fortzusetzen, wenn die Arbeitslosenquote auf weniger als 6,5 Prozent gesunken ist. Sie tauscht so konkrete Taten gegen unsichere Worte. Das ist geldpolitischer Voodoo, der an den Finanzmärkten begierig aufgesogen wird. So war die Entscheidung für die Anleger an den Aktienmärkten ein verfrühtes Weihnachtsgeschenk.

          Wird die Fed den politischen Mumm aufbringen?

          Einen Sinn ergibt das gleichzeitige Hin und Her der Fed nur, wenn man die Entscheidung völlig unabhängig vom Grad der geldpolitischen Lockerheit als ersten zögerlichen Schritt hin zu einer Normalisierung der Geldpolitik liest. Die Zentralbank versucht, von der quantitativen Mengensteuerung der Geldpolitik über das Volumen der Anleihekäufe wegzukommen zurück zu einer reinen Preissteuerung über Zinssätze. Die Fed bestreitet zwar, dass die Risiken der Anleihekäufe zu groß geworden seien. Immer noch überwiege der Nutzen die Kosten. Doch man ahnt hinter der Drosselung der Anleihekäufe zunehmende Sorgen im Offenmarktausschuss, dass man die Geister, die man rief, irgendwann auch wieder loswerden muss. Als Folge der Anleihekäufe könnte die Bilanzsumme bald 4 Billionen Dollar überschreiten. Der Großteil dieses monetären Stimulus ruht als Reserve in den Geschäftsbanken und ist dem Wirtschaftskreislauf insoweit entzogen. Diese Reserven bergen gewaltigen Sprengstoff. Werden sie in einem künftigen kräftigen Aufschwung nachfragewirksam, droht ein heftiger Inflationsschub. Schon jetzt droht eine Fehllenkung von Kapital.

          In technischer Sicht hat die Fed die Instrumente, um diese Reserven rechtzeitig aufzusaugen oder stillzulegen. Die offene Frage aber ist, ob sie dazu – bald unter der neuen Vorsitzenden Janet Yellen – rechtzeitig den politischen Mumm aufbringen wird. Oft genug hat sich die Fed in ihrer Geschichte den fiskalischen Wünschen der Regierung gefügt. Bernankes Beteuerungen der Unabhängigkeit der Geldpolitik als Teil der Regierung klingen so lange hohl, solange die Fed mit den Anleihekäufen und dem Nullzinsversprechen die Staatsverschuldung über alle Maße begünstigt. Unter seiner technokratischen Führung folgt die Fed längst wieder der fiskalischen Dominanz.

          Eine Gefahr ist kaum gebannt

          Die Bernanke-Yellen-Fed hat aus der hundertjährigen Geschichte der Zentralbank sehr einseitige Lehren gezogen. Dazu gehört, bedingt durch das zweifache Mandat der Vollbeschäftigung und der Preisniveaustabilität, ein übertriebener Fokus auf den Arbeitsmarkt. Dabei kann die Fed die Beschäftigung, wenn überhaupt, nur temporär anschieben. Dazu gehört – als Erinnerung an die dreißiger Jahre – aber vor allem eine übertriebene Angst vor einer Deflation, vor einer säkularen Abwärtsspirale der Preise. Auch diese Woche begründete die Fed das Versprechen der noch auf lange Sicht gültigen Nullzinspolitik mit der Inflationsrate, die weit unter der Zielmarke von 2 Prozent liegt. Eine Inflation von zuletzt rund 1,1 Prozent aber ist kein deflationärer Preisverfall. Es ist eine moderate Preissteigerung, die den von der Wirtschaftskrise gepeinigten Haushalten real etwas mehr in der Tasche lässt und so den Konsum stärkt.

          Bernankes und Yellens Fokus auf die dreißiger Jahre, als die Fed die Depression unglückseligerweise verschärfte, lässt sie die Risiken ihrer aggressiven Niedrigzinspolitik geringschätzen. Schon einmal hat die Fed – unter Beteiligung und mit intellektueller Unterstützung des damaligen Board-Mitglieds Bernanke – zu sehr angebliche Deflationsgefahren beäugt. Das war in den Jahren 2002 bis 2004, als die Zentralbank mit einer ausgedehnten Niedrigzinspolitik in einer wachsenden Wirtschaft zu viel Liquidität in die Wirtschaft gab, die Luftblase an den Immobilienmärkten mit aufblies und so den Boden für die Finanzkrise 2007/08 bereitete. Diese abermalige Gefahr hat die Fed mit der moderaten Drosselung der Anleihekäufe kaum gebannt und mit ihrem abermaligen Nullzinsversprechen noch vergrößert.

          Patrick Welter

          Korrespondent für Wirtschaft und Politik in Japan mit Sitz in Tokio.

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