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Altersvorsorge : Als die Rente steigen lernte

  • -Aktualisiert am

Gründer des „Generationenvertrags”: Konrad Adenauer Bild: AP

Adenauer führte vor fünfzig Jahren die dynamische Rente ein. Doch es hat sich herumgesprochen, dass dieses „Umlageverfahren“ ein Schönwettersystem ist. Das die gesetzliche Rente „sicher sei“, glaubt heute kaum einer mehr.

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          Ein schwieriges Jubiläum jährt sich an diesem Sonntag. Vor fünfzig Jahren, am 21. Januar 1957, beschloss der Bundestag nach viertägigem Redemarathon mit großer Mehrheit die Einführung der dynamischen Rente in Deutschland. Die Regierung Adenauer brachte damit ihre wichtigste Sozialreform unter Dach und Fach.

          Quasi über Nacht erreichte das Wirtschaftswunder auch die Rentner: Die gesetzlichen Renten wurden im Schnitt zwischen 65 und 72 Prozent angehoben. Zugleich wurden sie an die jährliche Einkommensentwicklung gebunden, um die Alten dauerhaft am Wohlstandszuwachs teilhaben zu lassen und ihnen die im Berufsleben erworbene materielle Position zu sichern.

          Kapitaldeckung in Misskredit

          Umgestellt wurde auch die Finanzierung: Die Renten sollten nicht mehr selbst angespart werden müssen. Nachdem Inflation und Krieg den Kapitalstock des bismarckschen Rentensystems zweimal vernichtet hatten, war die Kapitaldeckung in Misskredit geraten.

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          Zudem hätte der Aufbau neuer Ersparnisse zu lange gedauert, um die Kriegsgeneration angemessen zu versorgen. So wurde der „Generationenvertrag“ geboren. Seither bezahlt eine Generation für die andere. Die Jüngeren finanzieren mit ihren Beiträgen vom Lohn die früher erworbenen Ansprüche der Alten.

          „Umlageverfahren“ ist ein Schönwettersystem

          Ein halbes Jahrhundert später ist niemand in Feierlaune: Es hat sich herumgesprochen, dass dieses „Umlageverfahren“ ein Schönwettersystem ist. Es erfüllt seinen Zweck, solange der Wirtschaft nicht die Puste ausgeht, Vollbeschäftigung herrscht und rege Nachwuchs gezeugt wird. Fehlt es auch nur an einer dieser Voraussetzungen, müssen Leistungen gekürzt oder Beiträge und Steuerzuschüsse erhöht werden.

          Als Reaktion auf steigende Arbeitslosigkeit und abnehmende Wachstumsraten ist das deutsche Rentensystem daher an allen Ecken und Enden verändert worden, seit sich in den siebziger Jahren erste Überdehnung zeigte. Die ständigen Korrekturen haben die Gewissheit erschüttert, dass die gesetzliche Rente „sicher sei“, und zwar in dem von der Politik versprochenen Sinne, einen auskömmlichen Lebensabend zu gewähren.

          Mehr einzahlen, weniger herausbekommen

          In immer kürzeren Abständen mussten Leistungen zurückgenommen werden: Unter Rot-Grün fiel schließlich das längst ausgehöhlte politische Versprechen der Lebensstandardsicherung. Nach mehreren „Nullrunden“ und allerlei Korrekturen an der Formel, mit der die Rentensteigerungen berechnet werden, steht auch die „Dynamik“ nur noch auf dem Papier. Der nächste schwerwiegende Schritt ist mit der Erhöhung des Rentenalters schon eingeleitet. Mehr einzahlen, weniger herausbekommen, lautet die Devise.

          Die gesetzliche Rente wird so auf das Niveau einer Grundversorgung gedrückt. Allerdings läuft dieser Prozess immer noch zu langsam, um zu verhindern, dass die schon hohen Kosten für Beitrags- und Steuerzahler weiter steigen werden, wenn sich die Alterung der Gesellschaft 2030 voll im Rentensystem bemerkbar macht.

          Daraus fatalistische Szenarien einer Gesellschaft abzuleiten, in der Alt gegen Jung und Jung gegen Alt aufsteht, ist wenig hilfreich. Solche Schwarzmalerei fördert eher Resignation als Einsicht, was zu tun wäre, um Verteilungskonflikte zu mindern: Es gilt, die Produktivität der Wirtschaft durch bessere Bildung zu erhöhen, die Alten so lange wie möglich am Erwerbsleben zu beteiligen und die Eigenvorsorge auszubauen.

          Gleichbleibende Lebenserwartung unterstellt

          Es ist nicht so, als hätten die Väter der dynamischen Rente nicht um deren Probleme gewusst. Wirtschaftsminister Ludwig Erhard und Finanzminister Fritz Schäffer warnten vor der Kostenlawine, die das neue Rentenrecht auslösen würde. Sie behielten recht: Die Rentenbeiträge sind von anfangs 14 Prozent des Bruttolohns auf rund 20 gestiegen, fast 80 Milliarden Euro schießt der Steuerzahler zu.

          Schon dieser ersten Reform legte das Bundesarbeitsministerium Berechnungen zugrunde, die die Belastungen kräftig unterzeichneten, unter anderem, indem einfach eine gleichbleibende Lebenserwartung unterstellt wurde. Eine Annahme, die schon damals nicht haltbar war.

          Vor dem Hintergrund des enormen Wirtschaftswachstums und der Haushaltsüberschüsse, die Schäffer damals angesammelt hatte, fanden die Warnungen kein Gehör. Auch wollte Adenauer mit der Rentenreform beweisen, dass die Soziale Marktwirtschaft den sozialistischen Systemen hinter dem Eisernen Vorhang in der Fürsorge für die Bürger überlegen war - und sich damit die Wiederwahl sichern.

          Staatliche Rentenberater in die Volkshochschulen

          Gegenüber diesen Erwägungen fiel die vor allem von Erhard immer wieder geäußerte Mahnung, umfassende staatliche Vorsorge untergrabe private Anstrengungen, nicht ins Gewicht. Tatsächlich gewöhnten sich die Deutschen schnell und gern daran, die soziale Absicherung dem Staat zu überlassen und die Risiken dieser Strategie auszublenden.

          Wie gründlich der Wohlfahrtsstaat die Bürger vom Gedanken eigener Vorsorge entwöhnt hat, zeigt das jüngste Vorhaben der Regierung Merkel, staatliche Rentenberater in die Volkshochschulen zu schicken, damit diese dort Unterricht in privater Vorsorge erteilen.

          Haben die Bürger dazugelernt?

          Kein Rentensystem ist ohne Nachteil, stets hängt die Versorgung der Alten vom Fleiß und Können der Jungen ab. Die Rentenreform 1957 war jedoch die - irreversible - Entscheidung gegen das langfristig ökonomisch tragfähigere System der Kapitaldeckung, das den Zinseffekt nutzt und Risiken über den Kapitalmarkt streut. Es war die Entscheidung für ein System, das schnell, aber nicht dauerhaft Früchte trägt - und das die Rente zum steten Spielball der Politik gemacht hat.

          Haben die Bürger dazugelernt? Wäre das der Fall, müssten sie ein schärferes Auge haben auf die Gesundheitsdebatte, in der sich Fehlentscheidungen von ähnlicher Tragweite andeuten wie ein halbes Jahrhundert zuvor bei der Rente.

          Heike Göbel
          Verantwortliche Redakteurin für Wirtschaftspolitik, zuständig für „Die Ordnung der Wirtschaft“.

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