https://www.faz.net/-gqe-77wbb

„Alternative für Deutschland“ : Wer ist der Anti-Euro-Professor Bernd Lucke?

Was den Mann im Innersten treibt, weiß er höchstens selbst zu sagen. Doch ein paar Indizien unterstützen folgende These: Er sieht die deutsche Eurorettungspolitik als so gefährlich für künftige Generationen an, dass Schweigen verboten ist, zumal für Experten. Dafür ist der Konservative aus der CDU ausgetreten und setzt seinen Ruf aufs Spiel, inklusive seiner akademischen Reputation, für eine Partei, der Demoskopen bisher nur Splitterparteien-Resultate zubilligen.

Spezialwissen ist nicht per se schlecht im Amt

Manchmal schockt eine Maus einen Elefanten. Und, wer weiß, vielleicht schlägt die Stunde der Professoren in der Politik doch irgendwann. In den letzten Jahren der Eurorettung dürfte in der Bevölkerung nicht der Eindruck gewachsen sein, dass der ökonomische Sachverstand geradezu überschießt in der Bundesregierung.

Den Ökonomie-Professoren hatten die Politiker in vergangenen Jahren genussvoll vorgeworfen, die Finanzkrise nicht prophezeit zu haben, die Versager. Aber sehen es auch die Leute so? Die Verwerfungen, die die Eurozone gerade erlebt, haben die vielgescholtenen Volkswirte vorhergesehen. Sie haben sogar laut gewarnt. Nur auf sie hören wollte keiner. Jetzt sind viele der Experten bei der Alternative für Deutschland als Unterstützer vermerkt. „Wir sind die Partei mit der größten Dichte an Volkswirtschaftsprofessoren in Deutschland“, sagt Lucke.

Alle haben sich daran gewöhnt, dass Politiker als Generalisten alles können. Daraus muss ja nicht zwanghaft der Schluss gezogen werden, Spezialwissen sei per se schlecht im Amt. Als Gastforscher der OECD hat Lucke 2011 mit einem Kollegen einen Artikel geschrieben mit dem Titel „Debt sustainability, illiquidity and insolvency.“ Es ist ein für Laien kaum zu verstehendes Papier, in dem es von mathematischen Formeln und Grafiken wimmelt. Aber im Kern geht es darum, wie verschuldet, solvent und liquide Griechenland ist oder eben gerade nicht. Lucke hat die Rettungsschirme akribisch analysiert und mit Kollegen alternative Ausstiegsszenarien aus dem Euro entwickelt. Die europäische Schicksalsfrage hat er besser durchdrungen als die meisten Bundestagsabgeordneten, die mit ihrem Halbwissen riesige Rettungspakete geschnürt haben.

Der Umgang der europäischen Freunde war schon liebevoller

Keiner weiß, was aus der „Alternative für Deutschland“ werden wird. Bekommt sie die Unterschriften zusammen, um überhaupt kandidieren zu dürfen (ein Promille der Wahlberechtigten eines Bundeslandes, höchstens jedoch 2000)? „Das schaffen wir“, glaubt Lucke. Aber gelingt es auch, die drei Millionen Euro zusammenzukratzen, die die Partei nach eigener Grobrechnung braucht für den Wahlkampf? Und schließlich die Frage: Wie gelingt es der Partei, die Etikettierung als antieuropäische Rechtspopulisten, die in grenzenloser Borniertheit den europäischen Frieden aufs Spiel setzen, zu vermeiden?

Der Lebensweg der Lucke-Familie spricht gegen solche Unterstellungen. Sie sind ziemlich herumgekommen, die Luckes. Bernd Lucke selbst sieht sich, das mag Rhetorik sein, als Kämpfer für den europäischen Frieden, der den Peripherieländern eine ökonomische Perspektive geben will.

In einem hat er schon einmal recht: Dass der Euro die Freundschaft der europäischen Völker vertieft hätte, so ist zurzeit schwer zu argumentieren angesichts der Hassparolen aus Griechenland, Italien und jetzt Zypern gegen die Bundeskanzlerin. Der Umgang der europäischen Freunde war schon liebevoller. Aber das war vor dem Euro.

Weitere Themen

Daimler schließt Milliarden-Vergleiche in Amerika Video-Seite öffnen

Dieselskandal : Daimler schließt Milliarden-Vergleiche in Amerika

Der Autobauer Daimler will in den Vereinigten Staaten mit mehr als zwei Milliarden Dollar Streitigkeiten im Dieselskandal beilegen. Für Vergleiche mit mehreren amerikanischen Behörden werden nach Konzernangaben rund 1,5 Milliarden Dollar fällig, für die Beilegung einer Sammelklage von Verbrauchern etwa 700 Millionen Dollar.

Topmeldungen

Präsident Wladimir Putin nimmt am Freitag von seiner Residenz Nowo-Ogarjowo aus an einer Kabinettssitzung teil.

Proteste in Belarus : Droht eine Intervention Moskaus?

Für den Kreml ist die Lage in Belarus ambivalent – das zeigen auch die Reaktionen aus Moskau. Die große Frage ist, was Putin macht, wenn Lukaschenka ernstlich gefährdet ist.
Ermittlungen: Apotheker und Ärzte werfen dem Angeklagten vor, Verfahren gegen sie aufgebläht zu haben (Symbolbild).

Frankfurter Korruptionsaffäre : Mediziner erheben schwere Vorwürfe

In der Korruptionsaffäre um einen Frankfurter Oberstaatsanwalt sollen Ermittlungen nur geführt worden sein, um Geld zu generieren. Das könnte sich noch zu einem weitaus größeren Skandal auswachsen.

Newsletter

Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.