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Altenpflege : Pflegerin gesucht - rund um die Uhr für 1000 Euro

Bild: Julia Zimmermann - F.A.Z.

Die Pflegeversicherung wird teurer, hat die Koalition entschieden. Doch ein großes Dilemma bleibt: Derzeit betreuen mehr als 60.000 Osteuropäerinnen die Alten in Deutschland - illegal. Ohne sie wäre das System längst zusammengebrochen. Von Carsten Germis.

          6 Min.

          Hertha Ballschuh sitzt am Tisch und beugt sich mit einer Lupe in der Hand über ein Blatt Papier. Minutenlang starrt sie teilnahmslos durchs Glas. Plötzlich wird die 91 Jahre alte Frau nervös. Ihr Oberkörper schüttelt sich, die Lupe fällt auf den Tisch. Erwartungsvoll blickt sie die Frau an, die neben ihr sitzt. Maria, 63 Jahre alt, reagiert sofort: „Hertha, musst du auf die Toilette?“ Dann greift Maria den Arm der alten Frau und hilft ihr beim Aufstehen.

          Carsten Germis

          Wirtschaftskorrespondent in Hamburg.

          Maria kommt aus Polen, aus einer Kleinstadt in der Nähe von Breslau. Doch seit fünf Wochen ist sie rund um die Uhr bei Hertha Ballschuh in ihrer Berliner Wohnung - illegal, als Pflegerin.

          60.000 Familien beschäftigen Schwarzarbeiterinnen

          Wohin mit dem Vater oder der Mutter, wenn sie zum Pflegefall werden? Für immer mehr Menschen in Deutschland wird diese Frage zu einem Problem. 1,3 Millionen Alte, die noch in der eigenen Wohnung leben, brauchen heute schon regelmäßige Pflege. Zehntausende kommen jedes Jahr hinzu. Die Pflegeversicherung trägt die Kosten nur teilweise, und viele Familien sind finanziell überfordert. 60.000 Familien in Deutschland beschäftigen daher Schwarzarbeiterinnen aus osteuropäischen Ländern. Diese Zahl nennt die Bundesregierung. Ambulante Pflegedienste glauben, dass mindestens 100.000 illegale Helferinnen aus Osteuropa ihnen das Geschäft kaputtmachen.

          Bundeskanzlerin Angela Merkel will am Montag im Koalitionsausschuss das Thema Pflege diskutieren. Doch einen Ausweg aus dem Dilemma, dass immer mehr alte Menschen Pflege brauchen, dafür aber kein Geld da ist, hat die Kanzlerin nicht.

          „Irgendwann haben wir es allein nicht mehr geschafft“

          Auch der Sohn von Hertha Ballschuh war auf fremde Hilfe angewiesen, um seine Mutter zu pflegen: „Irgendwann haben wir es einfach allein nicht mehr geschafft“, sagt Peter Ballschuh. Die Familie Ballschuh und Pflegerin Maria heißen in Wirklichkeit anders. Weil Maria sich illegal in Deutschland aufhält, haben alle Beteiligten Angst, ihren richtigen Namen zu nennen. Schließlich macht der Zoll Jagd auf Schwarzarbeiter. Werden die illegalen Pflegerinnen erwischt, droht nicht nur eine deftige Geldstrafe. Maria müsste das Land verlassen.

          Fast zehn Jahre lang wurde Hertha Ballschuh allein von ihrem Sohn und seiner Frau gepflegt. „Jetzt muss sie Tag und Nacht betreut werden, wir konnten abends kaum noch aus dem Haus“, sagt Peter Ballschuh. Ambulante Pflegedienste hätten kaum geholfen. „Die kamen, blieben ein paar Minuten; aber wenn wir sie brauchten, waren wir allein“, schimpft der 46-jährige Vater von zwei Kindern. „Legal ist das einfach nicht zu machen“, sagt er. Mehr als 5000 Euro hätte die Familie im Monat aufbringen müssen, hätte er professionelle Pflegedienste rund um die Uhr beschäftigen wollen.

          1000 Euro, ein Zimmer und freie Kost

          Schon eine weniger aufwendige Pflege ist sehr teuer: Anfahrt der Pfleger, eine Grundgebühr, waschen, eine kleine Mahlzeit zubereiten, ein bisschen Ansprache - das summiert sich im Monat schnell auf 1100 Euro. Und die alten Eltern sind dann tagsüber doch meistens sich selbst überlassen. Maria ist rund um die Uhr da, bekommt 1000 Euro, dazu ein Zimmer in der Wohnung der Mutter und freie Kost. Alle sechs Wochen wechselt sie sich mit ihrer Freundin Anna ab, die wie Maria früher in Breslau als Lehrerin gearbeitet hat. Anna und Maria haben es gut getroffen. Sie sprechen von den Ballschuhs als „unseren Freunden“. Man duzt sich und trinkt abends auch schon mal ein Glas Wein zusammen.

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