https://www.faz.net/-gqe-8j0b2

Algorithmische Moral : Wen soll das Roboterauto im Zweifelsfall opfern?

Noch sitzen zur Sicherheit immer Testfahrer hinter dem Lenkrad selbstfahrender Autos. Bild: dpa

Roboterautos sollen die Zahl der Verkehrsopfer senken. In schlimmen Situationen aber müssen sie zwischen mehreren Übeln wählen. Nur wie? Forscher zeigen, wie janusköpfig wir denken.

          4 Min.

          Die Fürsprecher autonom fahrender Autos führen ein großes Versprechen im Munde: Wenn einmal Computer selbständig Fahrzeuge steuern, dann kann das Gros der Verkehrsunfälle vermieden werden. Weniger Menschen würden verletzt oder gar getötet. Manche Berechnungen gehen davon aus, dass bis zu 90 Prozent aller heutigen Unfälle mit autonomen Autos vermeidbar sind. Auf diesem Hoffnungsszenario liegt ein Schatten, nachdem vergangene Woche bekannt wurde, dass ein Fahrer eines Tesla-Autos tödlich verunglückte, der dem Autopiloten seines Fahrzeugs vertraut hatte.

          Unabhängig von diesem Todesfall stellt das Konzept autonom fahrender Autos Computer und Algorithmen vor Entscheidungen, die bisher Menschen treffen müssen - und die in Dilemmas enden können. Das verdeutlicht ein unlängst in der amerikanischen Wissenschaftszeitschrift „Science“ erschienener Artikel.

          Der Schutz anderer Verkehrsteilnehmer ist wichtig

          Für den Beitrag haben amerikanische und französische Wissenschaftler in sechs nicht-repräsentativen Online-Befragungen im vergangenen Jahr rund 2000 Amerikanern mit unterschiedlichen Fragestellungen konfrontiert. Obwohl die Befragungen unterschiedlich ausgestaltet waren, drehten sie sich im Kern immer um eine Frage: Ob es moralischer wäre, wenn ein autonom fahrendes Auto einen oder auch mehrere Fahrzeuginsassen tötet, um so eine höhere Zahl an Menschenleben außerhalb des Fahrzeugs zu retten? Über alle Befragungen hinweg entschied eine Mehrheit der Teilnehmer, dass der Schutz Außenstehender wichtiger sei. Doch variierten die Zustimmungsraten in den einzelnen Befragungen beträchtlich, je nachdem wie die exakte Fragestellung lautete.

          So stimmten zum Beispiel 76 Prozent der rund 180 Teilnehmer der ersten Befragung der Aussage zu, dass es durchaus moralischer sei, wenn ein autonomes Auto einen Fahrzeuginsassen tötet, um zehn Fußgänger zu retten. Später wurden diese Befragten darum gebeten, auf einer Skala von 0 bis 100 anzugeben, ob autonome Autos so programmiert sein sollten, dass sie den Fahrer schützen (0) oder dass sie die Zahl der Todesfälle minimieren (100). Das Medianergebnis lautete dabei 85 – 50 Prozent der Befragten tendierten also deutlich dafür, dass autonome fahrende Autos die Zahl der Todesfälle minimieren sollten.

          Kommen Verwandte ins Spiel, wird es kompliziert

          In einer zweiten Befragung mit nunmehr 450 Teilnehmern passten die Wissenschaftler sodann die Zahl der Opfer außerhalb des Autos an: Je nach Frage, variierte sie zwischen eins und einhundert. Wenn lediglich ein Menschenleben außerhalb des Autos gerettet werden sollte, waren nun gerade einmal noch 23 Prozent der Befragten dafür, dass der oder die Fahrzeuginsassen geopfert werden sollten. Stieg die Opferzahl außerhalb des Fahrzeug, stieg aber auch wieder die Zustimmung dafür, stattdessen die Fahrzeuginsassen zu opfern und erreichte schnell die Werte der ersten Befragung.

          In einer dritten Umfrage stießen die Wissenschaftler dann auf ein Dilemma: Sie wollten von den Teilnehmern unter anderem wissen, wie wahrscheinlich es ist, dass sie sich selbst für eines von zwei verschiedenen autonom fahrenden Autos entscheiden: eines, das die Fahrzeuginsassen schützt, und eines, das die Zahl der Opfer außerhalb minimiert. Dabei stellte sich heraus, dass die Befragten generell immer noch dafür waren, dass ein autonom fahrendes Auto die Zahl der Todesopfer minimieren sollte. Wenn sie oder ihre Familienmitglieder aber selbst in einem solchen säßen, entschieden sie sich im Mittel häufiger für das Fahrzeug, das die Insassen schützt.

          Weitere Themen

          In Phuket stehen die Hotels leer Video-Seite öffnen

          Tote Hose im Paradies : In Phuket stehen die Hotels leer

          Weil immer weniger Chinesen auf Phuket Urlaub machen, stehen die Hotelzimmer auf der thailändischen Ferieninsel leer. Das wiederum macht die Region billiger für Reisende.

          Topmeldungen

          Johnson und der Brexit : Drei Briefe und ein einziges Ziel

          Boris Johnson will weiter versuchen, das Brexit-Abkommen bis Ende des Monats zu ratifizieren. Schon am Montag könnte die Regierung in London eine neue Abstimmung über den Brexit-Vertrag ansetzen – wenn John Bercow das zulässt.
          Kurdisches Fahnenmeer: Demonstranten am Samstag in Köln

          Türken-Kurden-Konflikt : Kurz vor der Explosion

          Der Krieg in Nordsyrien führt auch in Deutschland zu handfesten Auseinandersetzungen zwischen türkischen und kurdischen Migranten. Das könnte erst der Anfang sein.
          Mit Arte in Oslo: Carola Rackete.

          Carola Rackete bei Arte : Ein ganz persönlicher Kulturschock

          In der Arte-Reihe „Durch die Nacht mit ...“ treffen die Aktivistin Carola Rackete und die norwegische Schriftstellerin Maja Lunde aufeinander. Man meint, sie hätten einander viel zu sagen. Es kommt anders.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.