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Akademisierungswahn : Studiert was Richtiges!

  • -Aktualisiert am

Die Warnung vor dem Akademisierungwahn ist quatsch. Wer studiert, dem geht es besser. Die Warnenden wollen bloß ihren eigenen Status schützen.

          2 Min.

          Akademisierungwahn heißt das neue Schimpfwort. Was damit gemeint ist? Nicht jeder muss zur Universität: ein Studium soll einer kleinen Elite vorbehalten bleiben. Die Mehrheit der jungen Menschen gehört in die berufliche Lehre. So hat es ausgerechnet der Vorsitzende der SPD-Grundwertekommission, der Münchner Philosoph Julian Nida-Rümelin in der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung vor zwei Wochen formuliert: „Bald laufen die Studenten den Azubis den Rang ab. Das finde ich falsch.“

          Nida-Rümelin kann natürlich finden, was er will. Doch der Philosoph bekommt mehr und mehr Zuspruch aus ganz unterschiedlichen Lagern. So kriegt sich die Bildungsabteilung der OECD vor lauter Bejubeln der Lehrlinge in Deutschland gar nicht mehr ein, ausgerechnet jene Organisation, die lange Zeit ausschließlich den Wert des Universitätsstudiums gelobt hat. Auch einzelne Ökonomen (es sind die Arbeitsmarktforscher, nicht die Bildungsökonomen) schließen sich an: Von schweren Schäden sehen sie die Ausbildungsqualität bedroht, wenn noch mehr Abiturienten die Hörsäle und Labore bevölkern. Eine akademische Ausbildung sei nicht das Nonplusultra, warnten sie gerade in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung. Als Beleg muss jetzt sogar die hohe Akademikerarbeitslosigkeit in Spanien herhalten - als ob die Universitäten die Strukturschwäche des dortigen Arbeitsmarktes oder die Eurokrise zu verantworten hätten.

          Das zeigt, wie dürftig die Begründungen der Studiengegner sind. Niemand muss sich den Wert des Universitätsstudiums madig machen lassen. Besser man hält sich an die Fakten. Nur 28 Prozent der jüngeren Deutschen haben einen akademischen Abschluss, verglichen mit 37 Prozent im OECD-Durchschnitt; wenn bald 50 Prozent einer Kohorte ein Studium beginnen, heißt das bekanntlich nicht, dass alle es auch ordentlich beenden. Noch hält sich der Akademisierungswahn also in Grenzen.

          Manch einem bringt das Studium sogar mehr Welterkenntnis

          Eigentlich schade. Denn mit einem Studium geht es den Menschen besser, da sind die Daten eindeutig: Die Universität schützt vor Arbeitslosigkeit; nur 2,4 Prozent der Studierten suchen eine Beschäftigung, verglichen mit 5,1 Prozent unter denen, die eine abgeschlossene Lehre haben, und fast 20 Prozent jener ohne Berufsbildungsabschluss. Ein Studium bringt zudem ein höheres Einkommen: Akademiker verdienen rund 70 Prozent mehr als Menschen mit Lehre und etwa doppelt so viel als Leute ohne Abschluss. Grob gesagt (so der Ifo-Forscher Ludger Wößmann) bringt jedes zusätzliche Bildungsjahr (also auch beim Hochschulstudium) rund sieben bis 10 Prozent mehr Einkommen. Dem ein oder anderen bringt es sogar mehr Welterkenntnis.

          Das, wohlgemerkt, sind Durchschnittswerte, die wie alle Durchschnittswerte vom konkreten Lebens korrigiert werden. Ein gelernter Versicherungskaufmann kann mehr verdienen als eine Grundschullehrerin. Ein Facharbeiter bei Daimler erzielt ein höheres Einkommen als ein Archäologe. An der Statistik ändert das aber nichts. Es ändert auch nichts daran, dass Akademiker im Schnitt gesünder sind und länger leben. Bildung ist allemal eine Investition, die sich lohnt: An dieser Erkenntnis der ökonomischen Theorie des Humankapitals hat sich bis heute nichts geändert. Weniger geschwollen gesagt: Eltern, die ihren Kindern raten, etwas Gescheites zu studieren, machen alles richtig. Und dieses erst recht, wenn sie akzeptieren können, dass die Kinder den Rat ausschlagen, weil sie sich lieber in einem Handwerk verwirklichen möchten.

          Wenn es jetzt Mode wird, dass Akademiker vor dem Akademisierungswahn warnen, dann kaschiert das nur schlecht das Ressentiment jener, die (wahrscheinlich zu Recht) Angst vor Statusverlust und (wahrscheinlich zu Unrecht) Angst vor Einkommenseinbußen haben. Wenn Handwerk und Industrie Nachwuchsprobleme bei ihrem gewerblichen Personal haben, müssen sie in Zeiten der Vollbeschäftigung eben bessere Löhne zahlen. Das ist glaubhafter und zudem wirkungsvoller als die Drohung mit Akademikerarbeitslosigkeit.

          Rainer Hank

          Freier Autor in der Wirtschaft der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

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