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Ärzteprotest : Ärzte drohen mit neuer Protestwelle in Universitätskliniken

  • Aktualisiert am

Sie verdienen weniger - aber immer noch mehr als andere Bild: picture-alliance/ dpa/dpaweb

Die Ärztegewerkschaft hat neue Proteste angekündigt. Dabei zeigt eine neue DIW-Studie, daß die Einkommenssituation weniger dramatisch ist als angenommen. Auch die Arbeitszeiten bewegen sich im Rahmen.

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          Die Ärztegewerkschaft Marburger Bund hat den Bundesländern mit neuen Streiks und Protestaktionen gedroht, falls diese nicht umgehend die Arbeitsbedingungen in den Universitätskliniken verbesserten und ihre „tarifpolitischen Grausamkeiten“ nicht zurücknähmen.

          „Wir verlangen von den Landesregierungen einen Tarifvertrag, der die arztspezifischen Interessen berücksichtigt“, erklärte der Verbandsvorsitzende Frank Ulrich Montgomery am Mittwoch in Berlin. Eine weitere Verzögerungstaktik der Tarifgemeinschaft deutscher Länder (TdL) würden die Ärzte nicht hinnehmen: „Wir erwarten von der TdL ein seriöses Verhandlungsangebot.“

          In der ersten Augustwoche hatten mehr als 7.000 Ärzte an Warnstreiks in Universitätskliniken teilgenommen und gegen längere Arbeitszeiten und Kürzungen beim Weihnachts- und Urlaubsgeld demonstriert.

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          Junge Ärzte verdienen weniger als früher

          Der Marburger Bund fordert eine deutliche Erhöhung der Grundvergütung auf ein europäisch vergleichbares Niveau, die vollständige Bezahlung aller Überstunden, geregelte Arbeitszeiten, eine Abschaffung „ultrakurz“ befristeter Arbeitsverträge und die Sicherstellung der Forschungstätigkeit während der Arbeitszeit.

          „Nur wenn es uns gelingt, einen solchen Tarifvertrag abzuschließen, kann der anhaltenden Ärzteflucht ins Ausland und dem zunehmenden Ausbluten der Krankenhausversorgung wirksam entgegengetreten werden“, sagte Montgomery. „15 Prozent Gehaltskürzungen lassen wir uns nicht bieten.“

          Neuen Untersuchungen zufolge ist die Situation junger Mediziner in Deutschland allerdings weniger dramatisch als vielfach dargestellt. Zwar seien die Einkommen junger Ärzte im öffentlichen Dienst von 1993 bis 2002 absolut und relativ gesunken.

          Höheres Einkommen als im öffentlichen Dienst

          Doch verdienten sie immer noch mehr als andere Akademiker im öffentlichen Dienst, schreibt das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) in seinem jüngsten Wochenbericht unter Berufung auf Daten des Mikrozensus. Auch fielen die von den Ärzten selbst angegebenen Arbeitszeiten mit durchschnittlich 46,3 Stunden in der Woche keineswegs aus dem Rahmen. „Ältere Ärzte und andere Erwerbstätige arbeiten teilweise länger.“

          Dem DIW-Bericht zufolge sank das durchschnittliche reale Monatsnettoeinkommen von Ärzten unter 35 Jahren zwischen 1993 und 2002 um rund 7,5 Prozent von 2.170 Euro auf 2.009 Euro, während es für andere Akademiker im öffentlichen Dienst im gleichen Zeitraum um 3 Prozent von 1.681 auf 1.731 Euro stieg. „Das Ausmaß dieser Verschlechterung muß aber in verschiedener Hinsicht relativiert werden“, heißt es im DIW-Bericht.

          So verdienten junge Ärzte in Deutschland immer noch mehr als andere Akademiker im öffentlichen Dienst - 2002 waren es immer noch rund 120 Euro mehr als Grund-, Haupt- und Realschullehrer und fast 500 Euro mehr als Gymnasiallehrer, deren Nettoeinkommen von 1.579 auf 1.524 Euro sank. Berücksichtigt man die längeren Arbeitszeiten der Mediziner, so liegt deren Nettostundenlohn inzwischen mit 10,80 (1993: 12,10) Euro unter dem von 11,90 (1993: 9,40) Euro für Grundschullehrer. Gymnasiallehrer kommen auf 9 Euro, sonstige Akademiker im öffentlichen Dienst auf 10,50 Euro.

          Durchschnittslöhne auf Vorjahresniveau

          Auch profitierten die Mediziner seit dem 1. Oktober 2004 von der Abschaffung der 18 Monate dauernden Pflichtzeit als „Arzt im Praktikum (AiP)“, für die im ersten Jahr nur 1160 Euro und im zweiten Jahr nur 1320 Euro im Monat gezahlt wurde. Inzwischen werden Universitätsabsolventen direkt als Assistenzarzt beschäftigt und entsprechend höher bezahlt.

          Die Durchschnittslöhne junger Ärzte dürften daher 2005 trotz der Einschnitte beim Weihnachts- und Urlaubsgeld auf dem Vorjahresniveau bleiben, schätzt das DIW. Zudem sei davon auszugehen, daß die in jungen Jahren erlittenen Einkommenseinbußen im Laufe des Berufslebens wieder ausgeglichen würden. Das abdiskontierte Lebenseinkommen der Ärzte liege im Monat immer noch 800 Euro über dem von Grundschullehrern.

          Personallücken müssen geschlossen werden

          Besorgniserregend seien Medienberichte, denen zufolge deutsche Ärzte Wochenend-Notdienste in England übernähmen und dafür mit bis zu 170 Euro je Stunde entlohnt würden. Da das deutsche Gesundheitssystem aufgrund seiner finanziellen Situation kaum mit den Gehältern in Frankreich, England, der Schweiz oder gar den Vereinigten Staaten konkurrieren könne, müßten andere Wege gesucht werden, um die Personallücken an den Kliniken zu schließen.

          So könne man junge Ärzte aus osteuropäischen EU-Ländern anwerben oder junge Ärzte verpflichten, eine bestimmte Zeit an öffentlichen Krankenhäusern zu arbeiten. Schließlich sei das Medizinstudium mit rund 200.000 Euro das mit Abstand teuerste Studium, und Studiengebühren würden nicht verlangt.

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