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Ärzte im Streik : Montgomery kommt es nicht auf Poesie an

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Organisiert den anspruchsvollsten Ärztestreik der letzten Jahrzehnte: Frank Ulrich Montgomery Bild: AP

Nicht einmal ein europäischer Richterspruch über die Arbeitszeit findet an deutschen Kliniken Berücksichtigung, abgesehen von der Einigung der Arbeitgeber, ihn links liegenzulassen. Daher hofft Frank Ulrich Montgomery, bei den Patienten mehr Verständnis zu finden als bei den Verhandlungspartnern.

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          Die auf den ersten Blick maßlose Forderung scheint nicht zu dem Mann zu passen, der in Berlin einen Kleinwagen stehen hat, um an seinem zweiten Arbeitsort mobil zu sein. Hier lebt Frank Ulrich Montgomery sein öffentliches Leben, hier hat er seine Auftritte als Vorsitzender des Marburger Bundes, der Gewerkschaft der Krankenhausärzte, hier organisiert er den anspruchsvollsten Ärztestreik der letzten Jahrzehnte, hier gestaltet er Politik mit. Zu Hause in Hamburg gibt es zwar auch ein öffentliches Leben - zumal wenn Montgomery Präsident der Ärztekammer ist, wie von 1994 bis 2002 -, aber hier ist er vor allem Arzt und Familienvater.

          Der Oberarzt für Radiologie am Universitätskrankenhaus Eppendorf hat sich auf die Röntgendiagnostik spezialisiert; damit hat er seit langem die Konsequenz aus seiner Verbandsarbeit gezogen: Die Patienten selbst merken es nicht unmittelbar, wenn „ihr“ Oberarzt an einem Tag da und am nächsten von Ärzteverband zu Ärzteverband unterwegs ist.

          Sohn eines englischen Besatzungsoffiziers

          In Hamburg ist Montgomery geboren, im Mai 1952 als Sohn eines englischen Besatzungsoffiziers, der eigentlich Rechtsanwalt war, und einer deutschen Ärztin mit großer Praxis. In Hamburg und in Sydney hat er studiert, seine Facharztausbildung absolvierte er in der Hansestadt, in der er zusammen mit einer niedergelassenen Fachärztin für Allgemeinmedizin eine Familie gegründet hat. Hier würde er segeln, Tennis spielen und fliegen - wenn er wie früher noch ausreichend Zeit dafür hätte. Jetzt bekennt er: „Zum Lesen oder Ins- Theater-Gehen komme ich fast nie.“ Das ist nicht ganz wörtlich zu nehmen.

          Lesen muß er viel, wenn auch nicht alles von literarischer Güte ist, was er in den Gremien der organisierten Ärzteschaft zu lesen hatte und hat. Auch bei seinen eigenen Artikeln, Stellungnahmen und Aussagen kommt es nicht auf Poetisches an, aber eine griffige Sprache wird ihm gern bescheinigt. So hat er der Bundesjustizministerin, sozusagen von Sozialdemokrat zu Sozialdemokratin, "verworrenes Zeugs" vorgeworfen, als Frau Zypries in der Gentechnik allzu vordergründig die eher wirtschaftspolitische denn ethische Argumentation des damaligen Bundeskanzlers Schröder rechtspolitisch verwirklichen wollte. Auch hinsichtlich der aktiven Sterbehilfe kennt der Arzt Montgomery keine funktionärshaften Schwiemeleien.

          Seit sechzehn Jahren führt Montgomery die Ärztegewerkschaft mit jetzt fast 100.000 Mitgliedern . Der gegenwärtige Streik an den Universitätskliniken ist auch deswegen so wichtig, weil der Ende letzten Jahres geplante und beschlossene Streik an kommunalen Krankenhäusern gerichtlich aufgehalten wurde. Die Anliegen beider Streiks sind deckungsgleich. Montgomery beklagt, daß den angestellten Ärzten in den letzten Jahren viele Einkommensteile gestrichen wurden - ohne daß die Arbeit auch nur um ein Prozent geringer geworden wäre. Tatsächlich ist es eine Besonderheit des deutschen Klinikalltages, daß die geleistete Arbeitszeit weit über die tarifliche Arbeitszeit hinausreicht - und daß nicht einmal ein europäischer Richterspruch Berücksichtigung findet über die Einigung der Arbeitgeber hinaus, ihn links liegenzulassen. Daher hofft Montgomery, bei den Patienten mehr Verständnis zu finden als bei den Verhandlungspartnern.

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