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Ägypten : Makkaroni aus der Kaserne

Auch Hotels gehören zum Wirtschaftskonzern Militär Bild: AFP

Ägyptens Armee ist in Wirklichkeit ein riesiger Konzern. Die Soldaten bieten alles an: Nudeln, Benzin, Hotelbetten. Jede Regierung, die das Wirtschaftsreich gefährdet, muss mit einem Putsch rechnen.

          Über die Motive der Armeeführung, Ägyptens demokratisch gewählten Präsidenten Muhammad Mursi zu stürzen, kann man lange diskutieren. Man kann auch einfach einkaufen gehen in einem x-beliebigen Kairoer Supermarkt.

          Hendrik Ankenbrand

          Wirtschaftskorrespondent für China mit Sitz in Schanghai.

          Makkaroni und Olivenöl der Marke „Queen“ liegen neben Eiern, Hähnchenschenkeln, Zucker aus Oberägypten und Fisch aus Suez. Auf Töpfen, Pfannen, auf Kartons von Flachbildfernsehern - überall prangt der immergleiche Hersteller: „Armed Forces“ - die bewaffneten Streitkräfte Ägyptens. Der größte Konsumgüterproduzent im Land ist die Armee. Und deren Primärziel ist nicht Demokratie Stabile Verhältnisse hingegen sind es wohl: Denn Chaos ist schlecht fürs Geschäft..

          Bis zu hundert Milliarden Dollar Ertrag, die Hälfte des Bruttoinlandsprodukts Ägyptens, produzierten die Militärfabriken, schätzen amerikanische Ökonomen. Ein „Konglomerat wie General Electric“ sei das ägyptische Militär, sagt der Ägypten-Forscher Robert Springborg aus Kalifornien, die Armee sei in so gut wie jeder Wirtschaftsbranche des Landes tätig. Die Schätzungen über die Größe der Wirtschaftsmilitärmacht stützen sich allerdings auf wacklige Modellrechnungen, denn offizielle Zahlen über die wirtschaftliche Macht der Streitkräfte fehlen.

          Umsatz und Gewinn bleiben Staatsgeheimnis

          Berichte über den Wirtschaftskonzern Militär sind unter Strafe gestellt, selbst die eigenen Staatsbehörden haben keinen Einblick in die Bücher der Generäle: Die militärischen Nudelfabriken müssen Ägyptens Steuerbehörden weder Daten über Umsatz noch Gewinn melden, die Tankstellen der militäreigenen Kette „Wataniyyah“ keine Rechenschaft ablegen über die Höhe der Benzinverkäufe. Wie viele Lastwagenladungen Fleisch aus den Armee-Schlachthäusern an der Grenze zu Libyen kommen, ist Staatsgeheimnis. Zwischen dreißig und vierzig Konzerne sind den Militärministerien direkt unterstellt. Nicht selten verfügen die Unternehmen in ihrer Branche über ein Monopol - und immer über lukrative Privilegien.

          Auf den Verkauf der Flaschen der weitverbreiteten Trinkwassermarke „Safi“ - benannt nach der Tochter des Ministers für militärische Produktion - fallen praktisch keine Steuern an - auch die Personalkosten sind überschaubar, Streiks zudem unwahrscheinlich: Abgefüllt wird das Getränk neben Zivilisten vor allem von Wehrpflichtigen in Fabriken des Militärs, ein Viertel der Truppe wird abkommandiert zu Ernteeinsatz und Dienst am Band.

          Die Spitze der Truppe wünscht von jeglicher staatlicher Einmischung in sein gigantisches Wirtschaftsreich unbehelligt zu bleiben, egal unter welcher Regierung. Als Ägyptens Herrscher Husni Mubarak vor zwei Jahren jeden Rückhalt in der Bevölkerung verloren hatte, ordneten die Generäle an, den Freiheitskampf der Bürger zu stützen - schließlich sind diese auch Kunden. Vergangene Woche putschte die Armee dann höchstselbst gegen den ersten gewählten Präsidenten des Landes: Hätte Muhammad Mursis zunehmend autoritärer Führungsstil nicht den Frieden und damit auch das Wirtschaftsreich des Militärs gefährdet, es wäre wohl kaum zum Umsturz gekommen.

          Lange Verbindung zwischen Wirtschaft und Armee

          40 Jahre hat Äyptens Armee keinen Krieg mehr geführt, und die Soldaten haben die Segnungen des Kommerzes schätzengelernt. Unvorstellbar in Deutschland, dass Bundeswehrsoldaten in Fabriken auf Bundeswehrgelände Pasta abpacken, in Bundeswehrunternehmen Flachbildschirme zusammenschrauben, Hausmeisterdienste anbieten, Festsäle an Hochzeitsgesellschaften im Auftrag der Armee vermieten. In Ägypten ist dies Realität, Resultat der über 60 Jahre währenden Furcht der Regierenden vor der in arabischen Staaten seit jeher ausgeprägten Macht der Generäle in einem Land, in dem der Beruf des Soldaten noch etwas gilt.

          Der Zugriff der Armee auf Ägyptens Wirtschaft begann mit dem Militärputsch im Jahr 1952, der den Offizier Gamal Abdel Nasser erst an die zweithöchste Position im Staat und zwei Jahre später ganz an die Spitze spülte. Die Unternehmen im Land wurden dem Staat unterstellt, in den Vorstandsetagen übernahmen die Generäle die Macht - ungeachtet des Problems, dass sich ihre Kenntnisse auf Kriegsführung beschränkten und die Militärs von Wirtschaftsmanagement keine Ahnung hatten.

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