https://www.faz.net/-gqe-708r3

Ackermanns Abschied : Eine deutsche Bank

Ein letzter Auftritt: Der scheidende Deutsche-Bank-Chef Josef Ackermann Bild: dapd

Josef Ackermann verlässt die Deutsche Bank, die Doppelspitze Anshu Jain und Jürgen Fitschen übernimmt. Das Kredithaus agiert überall auf der Welt - von der Rolle eines Weltmarktführers ist die Bank allerdings weit entfernt.

          Stabwechsel an der Spitze der Deutschen Bank finden traditionell auch außerhalb des Kreditgewerbes Aufmerksamkeit. Dies gilt erst recht für die Hauptversammlung der Bank am Donnerstag. Im Anschluss daran verlässt der Vorstandsvorsitzende Josef Ackermann nach zehn Jahren das Haus; er macht einer Doppelspitze Platz, die der Inder Anshu Jain und der Deutsche Jürgen Fitschen bilden. Mit einer Mischung aus Spannung und Besorgnis sehen manche Beobachter Jain entgegen. Er ist der deutschen Sprache (noch) kaum mächtig und entstammt dem vor allem in der angelsächsischen Welt gepflegten und in Deutschland oft misstrauisch beäugten Kapitalmarktgeschäft, das auch als Investmentbanking bezeichnet wird.

          Jenen, die wegen des Aufstiegs Jains und seiner Investmentbanker Überfremdungsängste plagen, möchte man entgegenrufen: Welche Deutsche Bank hätten Sie denn gerne? Deutschland hat viele Industrieunternehmen, Großkonzerne und Mittelständler, die wie selbstverständlich - und mit ausdrücklicher Billigung von Politik und Gewerkschaften - überall auf der Welt Geschäfte machen und nicht selten Weltmarktführer sind. Aber es gibt nur eine einzige deutsche Bank, die in der Lage ist, ebenfalls überall auf der Welt zu agieren und zumindest annähernd mit den Branchenriesen mitzuhalten - von der Rolle eines Weltmarktführers bleibt die Deutsche Bank aber weit entfernt.

          Große Konzerne machen stolz, große Banken verdächtig

          Deutschland kennzeichnet eine alte und fragwürdige Tradition: Reale Güter, Autos etwa, genießen die verdiente Wertschätzung, viele Finanzdienstleistungen aber werden schnell und nicht selten undifferenziert als Produkte für ein Kasino bezeichnet. Auf große Industriekonzerne wie Siemens, Daimler oder BMW ist man stolz, aber eine große Bank gilt als verdächtig. Doch es gilt Abschied zu nehmen von der ebenso idyllischen wie untauglichen Vorstellung, zu weltumspannenden Rohstoff-, Industrie- und Handelskonzernen passten höchstens regional tätige Banken, die keinerlei Risiken eingehen und deren kompliziertestes Produkt die Baufinanzierung ist.

          So wie die deutsche Automobilindustrie Einfluss auf die Maßstäbe im internationalen Fahrzeugbau nimmt, so steht das moderne internationale Bankgeschäft unter angelsächsischem Einfluss. Das gilt für das Investmentbanking, aber auch für die internationale Begleitung von Industrie- und Handelsunternehmen sowie die Vermögensverwaltung. Das ist nicht neu. Die Begleitung einer damals schon international ausgerichteten Wirtschaft war der wesentliche Grund für die Gründung der Deutschen Bank im Jahre 1870; schon in frühen Jahren betrieb sie Kapitalmarktgeschäfte.

          Neben den führenden amerikanischen und britischen - sowie, mit Einschränkungen, schweizerischen und französischen - Häusern entdecken heute Banken aus Schwellenländern diesen Markt. Dass es in Gestalt der Deutschen Bank in der Gegenwart nur ein heimisches Haus von internationaler Dimension gibt, spricht nicht für, sondern gegen die deutsche Finanzbranche. Die Deutsche Bank bleibt trotz ihrer internationalen Ausrichtung eine deutsche Bank. Eine rein theoretische Rolle einer nationalen Großsparkasse kann nicht die ihre sein.

          Das Ansehen hat gelitten

          Es stimmt: Das Investmentbanking ist zum Teil undurchsichtig, es birgt erhebliche Risiken und wird nicht nur von stets ehrbaren Leuten betrieben. Die Deutsche Bank hat als Ergebnis von Kapitalmarktgeschäften mehr juristischen Ärger, als sie sich wünschen kann. Aber die meisten Banken - und die Verhältnisse in Spanien sind nur ein Beispiel - geraten nicht als Folge spekulativer Kapitalmarktgeschäfte in Schwierigkeiten, sondern wegen der Exzesse im traditionellen Kreditgeschäft, das eigentlich nicht sehr kompliziert zu sein scheint.

          Das öffentliche Ansehen der Banken hat in der jüngsten Krise aus nachvollziehbaren Gründen gelitten. Auch der Deutschen Bank wird es nicht leichtfallen, ihr Ansehen bei der breiten Bevölkerung aufzufrischen, zumal die neue Führung erst noch ihren Tauglichkeitsnachweis erbringen muss. Nicht nur in der Öffentlichkeit, auch in der Politik blickt man misstrauisch auf die Banken.

          In diesem Land hat die Deutsche Bank immer auch eine politische Rolle gespielt; jeder ihrer Vormänner hatte Zugang zum jeweiligen Bundeskanzler. Aber die Rolle der Bank hat sich geändert: Saß sie früher wie eine Spinne im Netz der sogenannten Deutschland AG, in der Banken, Versicherungen und Großindustrie auf vielerlei Weise eng miteinander verbandelt waren, so agieren ihre Vorstände gegenüber der Politik heute seltener als Repräsentanten der deutschen Wirtschaft. Heute ist die internationale Kompetenz der Bank gefragt; ihre Vertreter erklären der Politik, unter anderem, die Zusammenhänge in der globalen Finanzwelt. Inwieweit die Bank daneben gesellschaftliche und allgemeinpolitische Debatten begleiten oder sich lieber auf das eigene Gewerbe beschränken will, muss die neue Führung entscheiden. Kontrovers werden das Handeln und die Wahrnehmung der Deutschen Bank vermutlich immer sein.

          Topmeldungen

          Der Blick auf die Oberbaumbrücke, die Friedrichshain und Kreuzberg verbindet.

          Glücklich im Job : Wo die Arbeit am meisten Spaß macht

          Laut einer neuen Auswertung leben die glücklichsten Arbeitnehmer in Berlin. Aber was fördert überhaupt die Zufriedenheit von Mitarbeitern? Mehr Freizeit statt mehr Geld ist nur eine Möglichkeit.

          Trumps Ausfälle : Rassist? Hetzer!

          Trumps Anhänger lieben es, wenn er vulgär und beleidigend wird. Das nennt man Mobilisierung. Da spielt es fast keine Rolle, ob er ein Rassist ist oder nicht. Dem Land dient das in keinem Fall.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.