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Abwracken : Wohin bloß mit dem ganzen Schrott!

Eigentlich müssten die Verwerter jubeln. Denn das war es, was sie eigentlich immer gewollt haben: einen höheren Marktanteil im Geschäft mit Altfahrzeugen. Aber so auf einem Schlag nun auch wieder nicht, sagen jetzt viele.

Für Stöhr und die rund 1000 anderen Autoverwerter in der Republik hat sich die Geschäftsgrundlage seit dem 27. Januar 2009 dramatisch verändert.

Gewöhnlich leben die Verwerter vom Ausschlachten: Sie demontieren 100 bis 150 verkäufliche Teile wie Motor, Anlasser oder Kotflügel und vermarkten sie an Laufkundschaft, übers Internet oder über Telefax. Der Handel mit gebrauchten Teilen war immer das Hauptgeschäft der Recycler. Nur den unbrauchbaren Schrottrest gaben Stöhr und Co. dann zum eigentlichen Verschrotter, dem Schredderbetrieb, weiter.

Diese Verschrotter wiederum mischen Waschmaschinen-Überbleibsel oder alte Industrieanlagen darunter, trennen das Material nach Metallsorten und geben den Stahlschrott an Gießereien und vor allem an die Stahlindustrie.

Das war ein gut eingespielter Kreislauf. Deutscher Stahl stammt zu 40 Prozent aus Schrott, in anderen Ländern sogar zu 60 bis 80 Prozent. Das spart nicht nur Eisenerz, sondern auch Energie. Schrott schmilzt bei niedrigeren Temperaturen.

Überall entstehen Sammelplätze für todgeweihte Autos

Gerade in den letzten Jahren war der Schrotthandel auch ein gutes Geschäft für Verkäufer, weil die Schwellenländer China, Indien und die Türkei die Stahlschrottpreise in die Höhe getrieben hatten. Vor einem Jahr war der Schrott noch so begehrt, dass Schurken Leitplanken, Gullydeckel und sogar Eisenkreuze von Friedhöfen an Schredderbetriebe zu verkaufen versuchten.

Doch jetzt mit der globalen Krise hat sich die komplette Kalkulation in der Entsorgungskette geändert. Die Schredderbetriebe bekommen ihren Schrott selbst nicht los. Der wichtigste Abnehmer in Deutschland, die Stahlindustrie, hat ein Drittel der Hochöfen heruntergefahren und die Hälfte seiner knapp 100.000 Beschäftigten zur Kurzarbeit angemeldet. Auch die Gießereien nehmen immer weniger ab. Und selbst die beliebten Einkäufer aus der Türkei und Indien machen sich inzwischen rar.

Die Schredderbetriebe ihrerseits geben deshalb für Schrott kaum noch Geld. In den vergangenen Wochen lehnten zahlreiche Schredderbetriebe die Annahme von ausgeschlachteten Karosserien schlicht ab oder wollten zumindest nichts dafür zahlen. Was für ein Preissturz.

Auch für die Autoverwerter eine Stufe vorher ist alles anders geworden, wie am Beispiel des Autoverwerters Stöhr deutlich wird. Aus dem ruhigen lukrativen Geschäft mit wenigen hundert Fahrzeugen im Jahr ist eine ziemlich hektische Angelegenheit geworden. Der Frankfurter Unternehmer hat in den ersten drei Monaten, seit die Schrottprämie gilt, bisher schon 1000 Abwrackautos bekommen, insgesamt kalkuliert er mit 2500.

Im Moment stehen die Autos auf seinem Hof so eng, dass man kaum durchkommt. Manche Autos hat Stöhr gestapelt. Er brauchte dafür eine Sondergenehmigung. Aber Stapeln reicht natürlich nicht. Um des Ansturms überhaupt Herr zu werden, hat er zusätzlich mehrere tausend Quadratmeter Fläche in Rüsselsheim südlich von Frankfurt gepachtet.

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