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Abgabenlast : Von manchem Euro kassiert der Staat fast 70 Cent

Bild: F.A.Z.

Der Steuerzahlerbund hat gerade berechnet, dass die Hälfte des Einkommens der Deutschen für Steuern und Abgaben draufgeht. Die F.A.Z. wollte wissen, wie die Quote bei typischen Steuerzahlern aussieht. Das Ergebnis: Die Mittelschicht trifft es am härtesten.

          3 Min.

          Durchschnittlich müssen die Deutschen dieses Jahr 53,01 Prozent ihres Einkommens als Steuern und Abgaben an den Staat abführen. Das hat der Bund der Steuerzahler gerade errechnet. Wie weit aber trifft diese durchschnittliche volkswirtschaftliche Einkommensbelastungsquote auf typische Steuerzahler zu?

          Philip Plickert

          Wirtschaftskorrespondent mit Sitz in London.

          Die Frankfurter Allgemeine Zeitung hat - in Zusammenarbeit mit der Datev, der Datenverarbeitungsorganisation der steuerberatenden Berufe - unterschiedliche Fälle durchgerechnet: Vom alleinstehenden Handwerker mit 1600 Euro Monatslohn bis zum verheirateten leitenden Bankangestellten mit 5500 Euro Monatsgehalt zuzüglich Kapitaleinkünften. Es zeigt sich, dass die Belastung durch Steuern und Abgaben in allen drei Beispielfällen mehr als 50 Prozent beträgt. Darin sind direkte Steuern (Lohn- und Einkommensteuer) und indirekte Steuern (Mehrwertsteuer und Verbrauchsteuern, etwa die Mineralölsteuer, die Stromsteuer, die Alkohol- und Tabaksteuer) berücksichtigt.

          Deutlich über der Durchschnittsbelastung liegt stets die Grenzbelastung. Sie bezeichnet die prozentualen Abzüge und Abgaben auf einen zusätzlichen Euro Lohn oder Gehalt. Die Grenzsteuerbelastung erreicht in der Mehrzahl der Fälle fast 70 Prozent. Die mittleren Einkommensgruppen sind sogar stärker belastet als jene mit einem höheren Einkommen, das jenseits der Versicherungspflichtgrenze liegt. Nach Ansicht von Finanzwissenschaftlern wirkt sich eine hohe Grenzbelastung negativ auf die Leistungsbereitschaft aus.

          Viel bleibt vom Euro meistens nicht übrig

          Fall A: Handwerker, 25 Jahre alt, ledig, mit einem Lohn von monatlich 1600 Euro - inklusive der Sozialabgaben, die der Arbeitgeber abführt, sind es 1933 Euro. Auf dem Lohnzettel wird ein Nettolohn von 1090 Euro ausgewiesen, der dem Handwerker ausbezahlt wird. Zieht man eine Ersparnis von 130 Euro ab (die durchschnittliche Sparquote der Deutschen beträgt knapp 12 Prozent), bleiben 960 Euro für den Konsum. Die gewichtete Belastung aus Mehrwertsteuer und Verbrauchsteuern beträgt im statistischen Warenkorb knapp 14 Prozent.

          Somit kann sich der Handwerker neben seiner Ersparnis von 130 Euro einen Konsum von Waren und Dienstleistungen im Wert von netto rund 828 Euro leisten. Insgesamt liegt die Belastung durch Steuern und Abgaben im Fall A bei 50,03 Prozent, was ziemlich genau dem Durchschnittswert entspricht. Deutlich höher ist die Grenzbelastung: Würde der Handwerker eine Lohnerhöhung von 100 Euro bekommen, blieben ihm davon nach allen Abzügen nur knapp 32 Euro. Die Grenzbelastung beträgt also mehr als 68 Prozent.

          Fall B: Ehepaar, 38 und 36 Jahre alt, mit zwei minderjährigen Kindern. Er arbeitet als Ingenieur mit einem monatlichen Gehalt von 3700 Euro, sie ist halbtags tätig als Bürokraft mit einem monatlichen Gehalt von 1200 Euro. Gemeinsam haben sie ein monatliches Bruttoeinkommen von 4900 Euro. Inklusive der Sozialabgaben der Arbeitgeber sind es 5893 Euro. Davon bleiben nach Abzug der Lohnsteuer und der Sozialbeiträge knapp 3120 Euro. Statistisch gesehen, spart das Ehepaar rund 375 Euro. Von den 2745 Euro, die für den Konsum verbleiben, kann die Familie netto Waren und Dienstleistungen im Wert von 2368 Euro kaufen.

          Insgesamt beträgt die durchschnittliche Steuer- und Abgabenbelastung der Familie 53,5 Prozent - trotz des Ehegattensplittings. Würden beide Ehepartner gemeinsam eine Gehaltserhöhung von 100 Euro erhalten, bliebe ihnen davon nach allen Abzügen netto rund 30,2 Prozent. Die Grenzbelastung durch Steuern und Abgaben der Familie B beträgt also fast 70 Prozent.

          Fall C: Ehepaar, 60 und 55 Jahre alt, mit zwei erwachsenen Kindern. Er ist leitender Bankangestellter mit einem monatlichen Gehalt von 5500 Euro, inklusive der Arbeitgebersozialbeiträge sind es 6430 Euro. Er hat zusätzliche Kapitaleinkünfte von 7000 Euro im Jahr. Von seinem Gehalt werden netto 3447 Euro ausgezahlt. Die Ersparnis der Familie beträgt 467 Euro. Wenn die beiden den Rest in Höhe von 3428 Euro komplett für Konsum ausgeben, gehen dabei Mehrwert- und Verbrauchsteuern von fast 470 Euro an das Finanzamt. Insgesamt wird das Einkommen der Familie durch Steuern und Abgaben in Höhe von 51,2 Prozent reduziert.

          Die Grenzsteuerbelastung ist in diesem Fall deutlich niedriger als in den beiden anderen Fällen, denn die Kapitaleinkünfte des Bankers und der Teil seines Gehalts, der über der Beitragsbemessungsgrenze liegt, werden nicht für die Finanzierung der Sozialversicherungen herangezogen. Bekäme er eine Gehaltserhöhung von 100 Euro, blieben ihm demnach rund 40,1 Euro. Die Grenzsteuerbelastung beträgt damit knapp 60 Prozent.

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