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Abenomics : In Japan sollen ’s jetzt die Frauen richten

Japans Ministerpräsident Shinzo Abe Bild: AP

Frauenförderung ist das Herz der neuen japanischen Wachstumsstrategie, sagt Ministerpräsident Shinzo Abe. Mehr weibliche Erwerbstätigkeit soll die Folgen der alternden Bevölkerung abfedern.

          Japans Regierungschef Shinzo Abe will die Erwerbsquote der Frauen in dem ostasiatischen Land deutlich steigern und ihre Karrierechancen in den japanischen Unternehmen erhöhen. „Unser großes Ziel ist es, die Zahl der Frauen in Führungspositionen bis 2020 auf 30 Prozent zu steigern“, sagte Abe während einer mit Spannung erwarteten Pressekonferenz in Tokio. Dort hat der japanische Regierungschef erstmals ausführlich erläutert, mit welchen Strukturreformen er die wirtschaftliche Dynamik in Japan fördern will.

          Carsten Germis

          Wirtschaftskorrespondent in Hamburg.

          Frauenförderung werde oft als Sozialpolitik wahrgenommen, erklärte Abe. „Ich sehe das nicht so. Ich bin der Überzeugung, dass sie das Herz unserer Wachstumsstrategie ist.“ Nach Statistiken der japanischen Regierung macht der Anteil der Frauen im unteren und mittleren Management gerade mal 11,9 Prozent aus - einer der niedrigsten Werte unter den entwickelten Volkswirtschaften. „In jedem Vorstand mindestens eine Frau“, forderte der Regierungschef.

          Japan widersetzt sich bis heute jeder Einwanderung von Arbeitskräften

          In der immer noch stark vom konfuzianischen Denken beeinflussten japanischen Gesellschaft will damit ausgerechnet der konservative Liberaldemokrat Abe gravierende Veränderungen einleiten. Dabei ist eine stärkere Erwerbstätigkeit der Frauen für die rapide alternde Gesellschaft Japans unverzichtbar, zumal sich das Land bis heute massiv jeder Einwanderung ausländischer Arbeitskräfte widersetzt.

          Eine Analyse des Internationalen Währungsfonds kam Ende 2012 zu dem Schluss, dass Japans Wirtschaft um ein halbes Prozent stärker wachse, wenn die Erwerbsquote der Frauen nordeuropäisches Niveau erreiche. In Japan ist das traditionelle Rollenbild, wonach verheiratete Frauen zuhause bleiben und sich um die Familie kümmern nach wie vor stärker verankert als in europäischen Ländern. Auch deswegen meiden viele gut qualifizierte junge Frauen die Ehe.

          Warteliste mit 400.000 Kindern

          Abe kündigte an, dass die Warteliste von 400.000 Kindern, die auf einen Platz für eine Tagesbetreuung warten, bis 2017 abgebaut werden soll. Außerdem will er es Müttern erleichtern, bis zu drei Jahre ihre Kinder zu erziehen und dann wieder auf ihren Arbeitsplatz zurückzukehren. Noch am Vormittag hatte der Regierungschef sich mit Vertretern der Unternehmensverbände getroffen und sie gebeten, die Rückkehr der Mütter auch nach drei Jahren zu ermöglichen - bis jetzt liegt dieser Mutterschaftsschutz in Japan bei 18 Monaten. Abe betonte auf seiner Pressekonferenz allerdings, dass das „freiwillig und keine gesetzliche Vorgabe ist“.

          Wie schon sein Vor-Vorgänger Naoto Kan von der Demokratischen Partei sprach sich auch der nationalkonservative Liberaldemokrat Abe für eine Öffnung Japans aus. Er wies nachdrücklich darauf hin, dass die Globalisierung diese Öffnung erzwinge. Für Abe ist der Beginn der Verhandlungen über eine Beteiligung Japans an der Transpazifischen Partnerschaft (TPP), einer Freihandelszone der Pazifikanrainer-Länder, ein zentraler Schritt für diese Öffnung des Landes für mehr globalen Wettbewerb. Dazu will der Ministerpräsident auch das Bildungssystem ändern. Junge Japaner zögen sich angesichts der Globalisierung immer weiter in sich selbst zurück. 2004 studierten 83.000 Japaner im Ausland, jetzt seien es nur noch 58.000, das sind rund 30 Prozent weniger.

          Selbst Englischlehrer sagen, sie sprechen kein Englisch

          „Kommunikation ist dabei sehr wichtig“, sagte Abe. Obwohl japanische Schüler rund 6 Jahre lang Englischunterricht haben, sprechen kaum Japaner Englisch. Selbst Englischlehrer stellen sich Ausländern gern mit den Worten vor: „Ich bin Englischlehrer; aber es tut mir leid, ich spreche kein Englisch.“ Das soll sich ändern. Wer künftig die Aufnahme in den Staatsdienst bestehen will, soll auch „praktiziertes Englisch“ nachweisen müssen. Außerdem will Abe die Benachteiligung der jungen Menschen abschaffen, die im Ausland studiert haben - in Japan ist sie bis heute die Regel. Japanische Studenten kümmern sich während des Studiums bereits sehr früh um neue Jobs, weil ihnen ihr Examen oft sicher ist, wenn sie erst einmal den Zugang zu einer Uni geschafft haben.

          Da das Semester in Japan im April beginnt, im Ausland aber oft erst im Sommer endet, will Abe diese Phase der Jobsuche jetzt um drei Monate nach hinten verschieben. 70 Prozent der jungen Japaner, die im Ausland studiert haben, erklärten, sie hätten bei der Jobsuche Nachteile. „Das ist etwas, das wir nicht tolerieren können“, sagte Abe. Doch auch hier rüttelt er - wie schon bei der Förderung der Frauen - an tief verankerten kulturellen Werten. Wer im Ausland studiert hat, wird in japanischen Unternehmen oft als Störenfried angesehen, weil er sich nicht mehr kritiklos in die Unternehmensstrukturen integriert.

          Als dritten Punkt seiner Wachstumsstrategie nannte Abe die Gesundheitswirtschaft. Die Regierung wolle japanische Medizintechnik verstärkt ins Ausland exportieren, sagte er. Dazu sollen Unternehmen und Forschungseinrichtungen unter dem Dach des Staates künftig enger zusammenarbeiten. Weitere Strukturreformen - wie zum Beispiel den Umbau der japanischen Landwirtschaft - werde er schon bald bekannt geben, kündigte der Regierungschef zum Abschluss seiner Pressekonferenz an.

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