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Was ist Reichtum? : Ziemlich besteuert

In einem Vorort von Frankfurt leben viele Spitzenverdiener: Die Häuser sind teuer, aber es sieht bei den Reichen noch ziemlich nach Mittelschicht aus. Bild: Wohlfahrt, Rainer

Machen 10.000 Euro im Monat reich? Die Statistik sagt: ja. Aber um vermögend zu werden, reicht es lange nicht. Ein Besuch im Reihenhaus eines Spitzenverdieners, der weiß, dass er nie ganz nach oben kommt.

          8 Min.

          Seit Robert Neunkirch weiß, dass er reich ist, schläft er schlecht. Nachts hört er es manchmal knacksen im Haus, als stiege ein Einbrecher durchs Fenster ein. Er streitet sich fast täglich mit seiner Frau, weil sie eine Sauna im Keller will, er das aber für Geldverschwendung hält. Früher, sagt Robert Neunkirch, war er eigentlich ganz entspannt. Dann kam vor drei Jahren mit der neuen Stelle eine Gehaltserhöhung, und seitdem ist Neunkirch reich, zumindest auf dem Papier. Das hatte ihm der Bruder seiner Frau vorgerechnet, Lehrer an einer Berufsschule, der mit seinen Schülern im Unterricht gerade den Wirtschaftskreislauf durchnahm. Wer als Single netto im Monat mehr als 3400 Euro verdiene, sagte der Bruder, gelte als reich. Für ein Ehepaar mit Kindern seien es rund 6000 Euro.

          Mona Jaeger
          (moja.), Politik

          Robert Neunkirch, ein Spitzenverdiener in einem guten Vorort von Frankfurt, bekommt seit seiner letzten Gehaltserhöhung sogar noch mehr, rund 7000 Euro, bei 120.000 Euro brutto Jahreseinkommen. Ein Gedanke schoss ihm durch den Kopf: Ich und reich? Das passt doch nicht! Er verdiente nicht schlecht, das fand er schon, aber eben auch nicht übermäßig viel. Er hatte keine Yacht, fuhr nicht zum Skifahren nach Kitzbühel. Er sei solide Mittelschicht, dachte er bis dahin. Aber dann war das Wörtchen reich plötzlich da, und seitdem sieht Neunkirch die Tagesschau mit anderen Augen, wenn von Steuererhöhungen die Rede ist. Und er schaut mit anderen Augen auf die neue Küche, den Schmuck seiner Frau, die Bilder an der Wand. Neuerdings hat er eine Alarmanlage und Überwachungskameras am Haus.

          Das Paradoxe, das Neunkirch nachts schlecht schlafen lässt, ist, dass er reich ist, sich aber nicht so fühlt. Wie zum Beweis, dass es ihn im Innersten umtreibt, dass er nicht nur auf hohem Niveau jammert, legt er einen Ordner auf den Tisch, auf dem „Einkommen“ steht. Darin sind alle seine Gehaltsabrechnungen abgeheftet, mit Textmarker unterstrich er den jeweiligen Monat. „Ich bin Schwabe“, erklärt sich Neunkirch, und man hört es auch. Wenn er „rischtig“ sagt und „gell“, dann klingt das nach Böblingen und nicht nach Saint Tropez.

          Die Abzüge sind auch nicht klein

          Mit dem Zeigefinger geht er die einzelnen Posten auf seiner Gehaltsabrechnung von oben nach unten ab, seine Stimme wird von Zeile zu Zeile lauter. Er rechnet vor: Als angestellter Ingenieur verdient er im Monat rund 10.000 Euro brutto. Der größte Abzug ist die Einkommensteuer: allein etwa 3000 Euro in der Steuerklasse 3. Bleiben 7000 Euro. Davon gehen noch die Beiträge für die Unfall-, Renten- und Arbeitslosenversicherung ab. All dies ist Geld, das Neunkirch gleich abgezogen bekommt und er nie in den Händen hält.

          Vom Übrigen muss er als Alleinverdiener, weil seine Frau zu Hause bei den fünf und neun Jahre alten Kindern bleibt, noch Folgendes bezahlen: 480 Euro für die private Krankenversicherung, 180 Euro für die Krankenversicherung seiner Frau und Kinder, 470 Euro für den Baukredit und nochmal so viel für Gas, Wasser, Strom und Rücklagen, 200 Euro für das zweite Auto in der Garage (das andere ist ein Dienstwagen). 100 Euro legt er für jeden der beiden Söhne zurück, für den Führerschein oder das Studium später, und schließlich noch Haushaltsgeld für die alltäglichen Ausgaben, die mal 1000 Euro und mal 1300 Euro im Monat betragen, je nachdem, ob die Neunkirchs im Restaurant essen gehen oder Urlaub machen.

          Mit seinem Zeigefinger macht der Ingenieur einen Strich auf dem rustikalen Eichentisch, der „zugegeben nicht ganz billig“ war, wie Neunkirch sagt. In Summe seien es grob noch einmal gut 4000 Euro, die von seinem Gehalt abgehen. Theoretisch müssten der Familie also, immerhin, knapp 3000 Euro am Ende des Monats übrig bleiben. Theoretisch.

          „Wir gönnen uns auch mal was, na klar“

          Zum Sparen bleibt trotzdem viel weniger übrig, auch in einem Schwabenhaushalt. Ein guter Teil des Geldes rinnt so dahin, zwischen Skifreizeit für die Söhne und neuen Sommerreifen. „Wir gönnen uns auch mal was, na klar.“ Der Kühlschrank der Familie ist zwar neu, aber darin liegt kein Champagner. Die beiden Jungs tragen meist Markenklamotten, aber die wandern nach ein paar Jahren vom großen zum kleinen Bruder. „Natürlich wäre jemand mit Hartz IV froh, in meiner Situation zu sein. Aber es ist auch längst nicht so, dass ich große Vermögen mit meinem Verdienst anhäufen könnte.“

          Robert Neunkirch blickt aus der von der Putzfrau gesäuberten Fensterfront im Wohnzimmer auf seinen in Belgien gezogenen Rollrasen, besonders witterungsresistent: „Reich bin ich allenfalls auf dem Papier.“ Die Neunkirchs haben keinen ausgeklügelten Vermögensplan bei der Bank, das Geld, das sie monatlich sparen können, liegt auf einem Tagesgeldkonto, ein paar tausend Euro haben sie in Aktien investiert - solide Versicherungspapiere, keine exotischen Werte. Das Geld liegt fast unverzinst da, während Neunkirch beobachtet, wie die Häuser und Grundstücke immer teurer werden, und selbst jemand wie er müsste 20 oder sogar 30 Jahre sparen, um sich hier im Vorort ein Haus kaufen zu können, das wirklich etwas hermacht.

          Mit dem ernüchternden Gefühl, trotz einer makellosen Berufskarriere niemals über ein mühevolles Mittelschichtsdasein hinauskommen zu können, ist er vermutlich nicht allein. Es sind Hunderttausende, die wegen ihres Einkommens nur statistisch zur Oberschicht gehören. Es ist der Facharbeiter in der Chemiewirtschaft oder der Personalchef in einem IT-Unternehmen, es sind auch Unternehmensberater und Ingenieure. Warum sie nicht lauter protestieren? Vielleicht, weil der Fiskalpatriotismus in Deutschland Tradition hat. Man zahlt eben seine Steuern. Und weil, zweitens, die Reichen keinen besonders guten Ruf haben und sich kaum jemand gern als Reicher ins Rampenlicht stellen mag.

          Der große Traum: ein Fitnessraum

          Die meisten, die landläufig als reich gelten, schwimmen lieber im Strom der braven Steuerzahler mit, als aus der Masse herauszuragen. Deswegen ist auch der Name Robert Neunkirch ausgedacht, da der Mann nicht im Fokus stehen will. Er möchte seinen echten Namen nicht in der Zeitung lesen und lässt weder sich noch sein Reihenhaus fotografieren. Dabei leisten er und seine Einkommenskollegen viel: Zehn Prozent der Steuerpflichtigen tragen rund die Hälfte der gesamten Einkommensteuer auf ihren Schultern. Gescholten werden sie von den weniger Betuchten trotzdem oft. Das ist so, weil viele ein falsches Bild von den bestverdienenden zehn Prozent haben: Villa, Porsche, goldene Manschettenknöpfe.

          Nichts von dem gibt es in Robert Neunkirchs Reihenhaus. Die Villen stehen einige Straßenzüge weiter hangaufwärts, hier im Taunus. In der Siedlung haben die Neunkirchs das kleinste Haus, immerhin mit Gästezimmer und einem Fitnessraum. Das war sein einziger Traum, den er als Student schon hatte: An kalten Wintertagen nicht mehr ins Fitnessstudio fahren zu müssen, sondern zu Hause trainieren zu können. Auf anderen Luxus lege er keinen Wert. Im Studium habe es Kommilitonen gegeben, die nur wegen des in Aussicht stehenden Verdienstes Ingenieur hätten werden wollen. Bei ihm sei das anders gewesen. Er habe sich nie einen anderen Beruf für sich vorstellen können, sagt er. Sein Einstiegsgehalt lag dann gleich recht hoch, er konnte bald eine Familie gründen und ein Haus bauen. „Natürlich finde ich das alles hier schön.“ Er malt mit seinem rechten Arm einen Bogen vom Garten, zum Wohnzimmer, zur Küche. „Aber besonders wichtig war mir Geld eigentlich nie.“ Er ist jetzt 41 Jahre alt. Ob er große Wünsche hat? Spontan fällt ihm keiner ein.

          In Neunkirchs Garage steht ein sechs Jahre alter 3er BMW, Hemden kauft er im Dreierpack. Die Neunkirchs führen ein gutes Leben, sie beschweren sich nicht. Das Ehepaar wird im Alter, wenn die Rechnungen stimmen, genügend Rente, die Kinder genügend Geld für eine gute Ausbildung zur Verfügung haben. „Reich sein bedeutet für mich trotzdem etwas anderes“, sagt der Familienvater. Nämlich: Dass das Einkommen aus Kapital und Vermögen höher ist als das Arbeitseinkommen. Wie man einen solchen Zustand erreichen kann, ist für den Ingenieur trotz seines hohen Einkommens ein Rätsel.

          Der Wohlstand ist selbst erarbeitet

          Wie wäre das wohl, schon als wohlhabender Mensch auf die Welt zu kommen, weil die Eltern einem einmal alles vererbten? Wenn man in einem Haus groß würde, in dem die Bodenfliesen aus Marmor sind? Es zum achtzehnten Geburtstag einen Porsche gibt? Zins und Zinseszins jeden Monat so viel einbringen, dass man nicht arbeiten muss? Neunkirch weiß nicht, ob es schön wäre oder schrecklich. Eher schrecklich: Er sagt, ihm sei es wichtig, seinen Wohlstand mit eigener Arbeit aufgebaut zu haben, mit den eigenen Händen. Beim Hausbau hat er selbst die Elektroleitungen verlegt.

          Es geht ihm außerdem heute besser als früher. Nach seinem Vater war er erst der Zweite in der Familie, der auf die Uni ging. Seine Mutter isst noch heute von dem Geschirr, das sie und ihr Mann zur Hochzeit geschenkt bekommen haben, nicht weil sie es unbedingt müsste, sondern aus Prinzip. Sparsame Leute. Robert Neunkirchs Stimme wird respektvoll leise, wenn er über seine Eltern spricht. Alle zwei Wochen fährt er seine verwitwete Mutter in Schwaben besuchen, den Kuchen isst auch er dann vom 45 Jahre alten Geschirr. Darüber hinaus wird die Mutter trotz ihrer Sparsamkeit nicht viel an ihren Sohn zu vererben haben. Wahrscheinlich wird er stattdessen ihren Platz in einem Pflegeheim bezahlen müssen. Dass es kein großes Erbe gibt, unterscheidet ihn im Kern von denen, die er heute für reich hält, zumal er den Eindruck hat, dass die Vermögenden unzählige Möglichkeiten haben, Steuern zu sparen, während es vor der Einkommensteuer keine Fluchtmöglichkeit gibt.

          Sind die Steuern zu hoch? Oder zu niedrig?

          Neunkirch befürwortet im Prinzip eine Reichensteuer. Er sagt, grundsätzlich sei er bereit, einen Beitrag zur Gesellschaft zu leisten. Das habe für ihn etwas mit Verantwortung zu tun. Aber irgendwann sei Schluss. Der Staat könne ja gern noch mehr bei denen zuschlagen, die richtig viel hätten, richtig reich seien. „Ich bin sehr für eine höhere Reichensteuer“, sagt er. „Also für die richtig Reichen.“

          Aber wer ist das? Der Staat muss diese Frage beantworten, um seine Steuern einzutreiben, er muss irgendwo eine Grenze ziehen. Der Gesetzgeber hat die Frage entschieden. Ab dem 4407. Euro, den ein Mensch monatlich verdient, zahlt dieser den Spitzensteuersatz von 42 Prozent. Hinzu kommt noch der Solidaritätszuschlag, so dass die steuerliche Belastung bei 44,3 Prozent liegt. Das ist nichts Außergewöhnliches. Deutschland liegt im europäischen Vergleich im Mittelfeld.

          Die Zahl ist ein Politikum, Parteien und Politiker streiten regelmäßig über sie. So auch bei der vergangenen Bundestagswahl. Die einen wollten den Satz auf 45 Prozent erhöhen. Die anderen wollten die Grenze, ab der der Spitzensteuersatz zu zahlen ist, heruntersetzen. Die sogenannte Reichensteuer von 45 Prozent, die ab 250.000 Euro Jahreseinkommen fällig wird, sollte nach Meinung einiger Politiker auf 49 Prozent erhöht werden. Das hätte nicht nur Angestellte und Selbständige, sondern auch viele Unternehmen betroffen, weil in Deutschland mehr als 90 Prozent von ihnen als Personengesellschaften organisiert sind und ebenfalls Einkommensteuer zahlen müssen.

          Wer ist reich? Immer die anderen

          Durchgesetzt haben sich die Parteien mit ihren Forderungen nicht, denn Steuererhöhungen sind sehr unpopulär. Die einen sagen: „Die Gutverdienenden dürfen nicht noch weiter geschröpft werden.“ Die anderen: „Jeder muss seinen Beitrag leisten. In den Siebzigern, bei einem Spitzensteuersatz von 56 Prozent, herrschte in der Bundesrepublik auch kein Kommunismus.“ Unter der sozialliberalen Regierung von Helmut Schmidt lag der Spitzensteuersatz tatsächlich noch bei 56 Prozent, unter Helmut Kohl immer noch bei 53 Prozent. Rot-Grün senkte ihn dann auf ihren heutigen Wert von 42 Prozent, ein Skandal für einen SPD-Bundeskanzler, wie manche fanden. Robert Neunkirch findet: „Wenn ich schon als reich gelte, wie müsste man dann erst die anderen nennen, die oben am Hang?“

          Als er vor fünf Jahren, zur Geburt seines zweiten Sohnes, einen Baum in seinem Garten pflanzen wollte und sich zwischen Akazie und Wacholder entscheiden musste, riet ein Nachbar, man müsse jetzt japanische Kirsche nehmen, das sei was ganz Besonderes. Und Teures. Kostete fünfmal mehr als ein Wacholder. Auch daran sehe man doch, wie unterschiedlich die Maßstäbe seien, sagt Neunkirch.

          Denn auch sein Nachbar, der noch mehr verdiene, würde sich zwar als wohlhabend bezeichnen, aber nicht als reich. Es gibt schließlich auch Menschen, die sich nicht diese sehr teure japanische Kirsche, sondern einen sehr, sehr teuren Groß-Bonsai für 20.000 Euro in den Garten stellen. Reich sind immer nur die anderen. Als die Deutschen einmal gefragt wurden, ab welchem Einkommen sie jemanden für reich halten, setzten die Ärmsten die Grenze am niedrigsten an, bei 7700 Euro monatlichem Bruttoeinkommen. Je mehr Geld die Befragten zur Verfügung hatten, desto höher schob sich die Grenze, die sie angaben.

          Der Ingenieur Robert Neunkirch hat viel über sich und sein Geld nachgedacht. Eigentlich, so sagt er, wolle er dem Geld keinen großen Stellenwert in seinem Leben einräumen, es gebe schließlich Wichtigeres, gell? Er entschied sich im Garten für den Wacholderbaum.

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