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40-Stunden-Woche : „Humanste Form der Lohnsenkung“

  • Aktualisiert am

Auch bei Thomas Cook soll die Woche 40 Stunden haben Bild: AP

Unternehmen und Politiker halten die Vereinbarung an zwei Standorten des Siemens-Konzerns für wegweisend, die IG Metall nicht. Nun will auch der Touristikkonzern Thomas Cook die 40-Stunden-Woche einführen.

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          Nach der Rückkehr zur 40-Stunden-Woche an zwei Standorten des Siemens-Konzerns müssen weitere Arbeitnehmer in Deutschland mit einer Verlängerung ihrer Arbeitszeit rechnen. Der Touristikkonzern Thomas Cook will in einem neuen Tarifvertrag längere Arbeitszeiten, weniger Urlaubstage und Gehaltskürzungen festschreiben, wie eine Sprecherin am Wochenende bestätigte. Auch der Reifenhersteller Continental, der MAN-Konzern und der Automobilzulieferer Bosch sehen sich durch die Vereinbarung von Siemens in ihrem Streben nach längeren Arbeitszeiten unterstützt.

          Dies hat eine Umfrage der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung gezeigt. Bei Daimler-Chrysler wird ebenfalls über längere Arbeitszeiten verhandelt. Am Donnerstag hatten sich der Technologiekonzern Siemens und die Industriegewerkschaft Metall auf Mehrarbeit sowie Abstriche bei Urlaubs- und Weihnachtsgeld in zwei Siemens-Werken geeinigt, um 2.000 Arbeitsplätze vor der Verlagerung nach Ungarn zu retten.

          Mehrarbeit mit Lohnverzicht

          Unterdessen setzt sich der politische Streit über die Wirkung des Abschlusses fort. Der IG-Metall-Vorsitzende Jürgen Peters bekräftigte am Wochenende, daß es sich um einen Einzelfall handele. Hingegen ist der CSU-Vorsitzende Edmund Stoiber der Ansicht, daß die 35-Stunden-Woche als "deutscher Sonderweg" mit dieser Vereinbarung am Ende ist, wie er am Wochenende sagte. Handwerkspräsident Dieter Philipp sieht in Mehrarbeit mit Lohnverzicht das derzeit fruchtbarste Instrument, um Arbeitsplätze zu erhalten, wie er im Deutschlandradio Berlin sagte.

          Der SPD-Politiker Rainer Wend, Vorsitzender des Wirtschaftsausschusses, erwartet nicht, daß die Siemens-Vereinbarung ein Einzelfall bleiben wird. "Es gibt sicherlich eine Reihe von Unternehmen, für die solche oder ähnliche Regelungen zur Sicherung von Arbeitsplätzen vernünftig sind", sagte er dieser Zeitung. Er wies jedoch zugleich darauf hin, daß es auch eine andere Tendenz gibt. Manches Unternehmen müsse seine Wettbewerbsfähigkeit stärken, indem es die Arbeitszeit senke - dann natürlich mit weniger Lohn.

          „Humanste Form der Lohnsenkung“

          Befragt, ob der Weg zur 35-Stunden-Woche ein Fehler war, sagte er: „Nach 20 Jahren kann man immer schlauer sein. Ich glaube allerdings, daß eine pauschale 35-Stunden-Woche, wie sie von den Gewerkschaften gewünscht wurde, nicht realistisch ist." Entscheidend sei die Wirkung auf die Wettbewerbsfähigkeit: „as kann bei dem einen eine Arbeitszeitverlängerung ohne Lohnausgleich sein, das kann bei dem anderen eine Arbeitszeitverkürzung bei weniger Lohn sein."

          Der SPD-Politiker erwartet insgesamt eine größere Spannbreite bei den Arbeitszeiten: "Die klassische 35- oder 40-Stunden-Woche wird immer weniger Bedeutung haben."

          Der CDU-Politiker Karl-Josef Laumann wies gegenüber der Frankfurter Allgemeinen Zeitung darauf hin, daß die Arbeitnehmer in Deutschland 300 bis 400 Stunden weniger als in vergleichbaren Ländern Europas arbeiten. „Generell ist es so, daß Deutschland die Arbeitszeiten verlängern muß, sonst ist man nicht mehr konkurrenzfähig", betonte er. Im Mittelstand sei eine längere Arbeitszeit längst üblich. Befragt, welche Arbeitswelt er in zehn Jahren erwarte, antwortete er: "Ich persönliche glaube, daß es ganz klar auf die 40-Stunden-Woche hinausgeht."

          Aber es werde auch Bereiche geben, wo es anders aussehe. Doch sei die 40-Stunden-Woche nicht immer richtig. Laumann verwies auf die Deutsche Telekom AG, die ihren Mitarbeitern Arbeitszeit und damit Lohn gekürzt habe, um Stellen zu sichern. Nach Ansicht des CDU-Politikers ist das Siemens-Modell attraktiver: „Aus Sicht der meisten Arbeitnehmer ist die Arbeitszeiterhöhung bei gleichem Geld die humanste Form der Lohnsenkung."

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