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25 Jahre Maastricht : Wovor die Euro-Kritiker schon früh warnten

Nicht bloß ein Zahlungsmittel: Touristen vor dem Euro-Zeichen in Frankfurt. Bild: EPA

Ein Vierteljahrhundert nach Unterzeichnung des Vertrages von Maastricht sind viele Illusionen zerstört. Aber auch die Eurokritiker sahen die größten Probleme des Euros nicht.

          4 Min.

          Vor fünfundzwanzig Jahren erhoben Europas Politiker die Sektgläser und feierten den Vertrag von Maastricht. Am 7. Februar 1992 unterzeichneten die Außen- und Finanzminister den „Vertrag über die Europäische Union“ mit dem Plan einer Währungsunion. Viele Ökonomen, besonders in Deutschland, waren beunruhigt, einige gar entsetzt über die Pläne. Sie befürchteten, dass die Euro-Union nicht stabil sein werde und Konflikte heraufbeschwöre.

          Philip Plickert

          Wirtschaftskorrespondent mit Sitz in London.

          Im Juni 1992 veröffentlichten 60 Ökonomen ein Manifest „Die währungspolitischen Beschlüsse von Maastricht: Eine Gefahr für Europa“, das Renate Ohr von der Universität Göttingen formuliert hatte. Die F.A.Z. druckte das Manifest unter der Überschrift „Die EG-Währungsunion führt zur Zerreißprobe“. Unterzeichnet hatten einige der renommiertesten Wirtschaftswissenschaftler, etwa der Bonner Geldtheoretiker Manfred J. M. Neumann und Herbert Giersch, der langjährige Präsident des Kieler Instituts für Weltwirtschaft. Auch der frühere SPD-Wirtschafts- und Finanzminister sowie VWL-Ordinarius Karl Schiller gehörte dazu.

          Deutsche Bank und Commerzbank für den Euro

          In der Öffentlichkeit erregte der Protest der Ökonomen viel Aufmerksamkeit. Aus der Bonner Bundesregierung um Helmut Kohl schlug ihnen aber eiskalte Verachtung entgegen. Finanzminister Theo Waigel bekräftigte, die Konvergenzkriterien für die Teilnahme am Euro (Inflation, Staatsdefizit und -schuldenstand) würden keinesfalls aufgeweicht. Auch die Chefvolkswirte der Deutschen Bank, der Commerzbank und der Dresdner Bank stellten sich hinter den Euro.

          Einige Warnungen der Kritiker waren hellsichtig, mit anderen Prophezeiungen lagen sie aber daneben. Heute, sieben Jahre nach Ausbruch der Euro-Krise, ist es lehrreich, die damaligen Argumente nochmals zu prüfen. Die Befürworter des Euros betonten in den neunziger Jahren vor allem drei Vorteile einer gemeinsamen Währung: Durch den Euro entfielen die Umtauschkosten und die Wechselkursschwankungen innerhalb der Währungsunion, das senke die Transaktionskosten. Die Folge werde ein zunehmender Handel sein. In Anlehnung an Studien des amerikanischen Handelsforschers Andrew Rose erhoffte man einen sehr starken Effekt. Viele Eurobefürworter versprachen der Bevölkerung ein großes Plus an Wachstum und Wohlstand.

          Die ökonomischen Theorien hinter dem Euro

          Die Kritiker sahen hingegen mehr Risiken als Chancen einer Währungsunion. „Ich konnte kaum glauben, was in Maastricht vereinbart wurde“, erinnert sich Renate Ohr. Schon das Europäische Wechselkurssystem (EWS) hatte in den späten achtziger und frühen neunziger Jahren große Ungleichgewichte und Krisen produziert, nachdem keine Anpassungen der Wechselkurse mehr möglich waren. Mit einer Gemeinschaftswährung wären immer wieder Krisen programmiert, glaubte Ohr. „Es hieß damals, die Professoren säßen nur im Elfenbeinturm - ich wollte aber nicht schweigen“, sagt Ohr. Daher organisierte sie den Ökonomenprotest, „damit die Regierung später nicht sagen konnte, wir hätten nicht gewarnt“.

          Aber wovor genau warnte das Manifest der 60 Professoren? Sie schrieben, dass eine Vorbedingung für eine Währungsunion die Angleichung der Wirtschaftsstrukturen sei. Die Konvergenzkriterien würden aufgeweicht, fürchteten sie. Es gebe keinen Konsens über eine Stabilitätskultur in Europa, meinten sie, anders als das in Deutschland mit der D-Mark der Fall sei. Und weil einige schwächere Länder in der Währungsunion auf Dauer nicht wettbewerbsfähig genug wären, würden Transferzahlungen notwendig. Eine „überhastet“ eingeführte Währungsunion würde zu Spannungen führen - bis hin zu einer Zerreißprobe in Europa, hieß es in dem Manifest. 1998 versuchten nochmals eurokritische Ökonomen den Start der Währungsunion zu verschieben. Diesmal unterzeichneten sogar 160 Professoren, doch die Politik ging darüber hinweg.

          Zunächst eine Schönwetterphase

          Und gingen die düsteren Prophezeiungen in Erfüllung? Verfehlt war die stets mitschwingende Warnung, dass es mit dem Euro eine höhere Inflation gebe, sagte Jens Ulbrich, der Chefvolkswirt der Bundesbank, vergangene Woche auf einem Maastricht-Symposion der Bundesbank. Er selbst hatte 1992 als Student in Köln die Mahnungen eurokritischen Professoren gehört. Blickt man aber auf die breitere Argumentation der Professoren, so hatten die Warner durchaus recht, erklärte der Makroökonom Ansgar Belke auf dem Bundesbank-Symposion.

          Nachdem die Währungsunion 1999 startete, auch mit dem wegen seiner hohen Schulden umstrittenen Italien als Mitglied, erlebte die Eurozone zunächst eine Schönwetterphase. Die Inflation war niedrig, und die Eurorandstaaten erfreuten sich starken Wirtschaftswachstums, getrieben durch die real extrem tiefen Kreditzinsen. Auch Griechenland, das 2001 dem Euro beitrat (mit gefälschten Haushaltszahlen), erlebte einen kräftigen Aufschwung. Viel Kapital strömte in die Randstaaten und befeuerte Bau- und Konsumbooms. „Den massiven Schuldenaufbau im privaten Sektor und die großen Leistungsbilanzdefizite der Peripherie hat man übersehen“, sagt Ulbrich.

          „Atmende Währungsunion“?

          Erst mit Ausbruch der Finanzkrise 2008 versiegten diese Kapitalströme. Plötzlich kippte das Bild: Bankenkrisen brachten an der Peripherie einige Staaten wie Griechenland und Spanien an den Rand der Pleite. „Diese Gefahr der Verknüpfung von Bankenkrise und Staatsschuldenkrise hatte damals niemand auf dem Radar, auch nicht wir Kritiker“, sagte der Würzburger Ökonom Norbert Berthold, einer der Unterzeichner des eurokritischen Manifests von 1992. Erst nach Eingreifen der Europäischen Zentralbank (EZB), die faktisch eine Garantie für sämtliche Staatsschulden aussprach, gingen 2012 die Risikoaufschläge auf die Peripheriezinsen wieder zurück.

          Entgegen dem mit dem Maastricht-Vertrag besonders den deutschen Wählern suggerierten No-Bailout-Prinzip (keine gegenseitige Haftung für Schulden) flossen seit 2010 umfangreiche Hilfskredite, um die angeschlagenen Euromitgliedstaaten zu stabilisieren. Gleichzeitig gab es bitteren Streit über die damit verknüpften Sparprogramme, die in den Südländern zu sozialen Härten und Massenarbeitslosigkeit führten, was die Betroffenen der Regierung in Berlin anlasteten. Dass die Währungsunion einen besonderen Wohlstandsschub für Europa brachte und die Einigung intensiviert habe, ist nicht festzustellen. Der Euro wurde vielmehr, so findet Hans-Werner Sinn, zu einem Spaltpilz. Der langjährige Ifo-Präsident, der sich 2010 zum scharfen Eurokritiker wandelte, fordert eine „atmende Währungsunion“, die temporäre Austritte und Schuldenschnitte ermöglicht. Das fände auch Renate Ohr gut. Sie plädiert für eine verkleinerte Währungsunion: „Ein völliges Auseinanderbrechen wäre aber nicht gut.“

          Auch der Würzburger Eurokritiker Berthold glaubt, dass die Währungsunion trotz aller Spannungen Bestand haben wird. „Sie ist primär ein politisches Projekt. Der politische Druck ist so groß, dass man damit in den nächsten Jahrzehnten leben muss.“ Allerdings muss einer zahlen. Für Deutschland sind die EZB-Leitzinsen zu niedrig, so dass es zu einer Umverteilung von den deutschen Sparern hin zu den Schuldnern im Süden kommt. „Die weitere Entwicklung der Euro-Union hin zu einer Transferunion ist so sicher wie das Amen in der Kirche“, glaubt Berthold. Auch in puncto Inflation sei das letzte Wort noch nicht gesprochen. Als Spätfolge der expansiven EZB-Geldpolitik zur Rettung von Eurostaaten könnte es zu einem Inflationsschub kommen, glaubt Berthold. „Die EZB muss erst noch beweisen, dass sie die Billionen, die sie in die Märkte drückt, in den nächsten Jahren wieder einsammeln kann. Das wird schwierig.“

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