https://www.faz.net/-gqe-8uc2b

25 Jahre Maastricht : Wovor die Euro-Kritiker schon früh warnten

Zunächst eine Schönwetterphase

Und gingen die düsteren Prophezeiungen in Erfüllung? Verfehlt war die stets mitschwingende Warnung, dass es mit dem Euro eine höhere Inflation gebe, sagte Jens Ulbrich, der Chefvolkswirt der Bundesbank, vergangene Woche auf einem Maastricht-Symposion der Bundesbank. Er selbst hatte 1992 als Student in Köln die Mahnungen eurokritischen Professoren gehört. Blickt man aber auf die breitere Argumentation der Professoren, so hatten die Warner durchaus recht, erklärte der Makroökonom Ansgar Belke auf dem Bundesbank-Symposion.

Nachdem die Währungsunion 1999 startete, auch mit dem wegen seiner hohen Schulden umstrittenen Italien als Mitglied, erlebte die Eurozone zunächst eine Schönwetterphase. Die Inflation war niedrig, und die Eurorandstaaten erfreuten sich starken Wirtschaftswachstums, getrieben durch die real extrem tiefen Kreditzinsen. Auch Griechenland, das 2001 dem Euro beitrat (mit gefälschten Haushaltszahlen), erlebte einen kräftigen Aufschwung. Viel Kapital strömte in die Randstaaten und befeuerte Bau- und Konsumbooms. „Den massiven Schuldenaufbau im privaten Sektor und die großen Leistungsbilanzdefizite der Peripherie hat man übersehen“, sagt Ulbrich.

„Atmende Währungsunion“?

Erst mit Ausbruch der Finanzkrise 2008 versiegten diese Kapitalströme. Plötzlich kippte das Bild: Bankenkrisen brachten an der Peripherie einige Staaten wie Griechenland und Spanien an den Rand der Pleite. „Diese Gefahr der Verknüpfung von Bankenkrise und Staatsschuldenkrise hatte damals niemand auf dem Radar, auch nicht wir Kritiker“, sagte der Würzburger Ökonom Norbert Berthold, einer der Unterzeichner des eurokritischen Manifests von 1992. Erst nach Eingreifen der Europäischen Zentralbank (EZB), die faktisch eine Garantie für sämtliche Staatsschulden aussprach, gingen 2012 die Risikoaufschläge auf die Peripheriezinsen wieder zurück.

Entgegen dem mit dem Maastricht-Vertrag besonders den deutschen Wählern suggerierten No-Bailout-Prinzip (keine gegenseitige Haftung für Schulden) flossen seit 2010 umfangreiche Hilfskredite, um die angeschlagenen Euromitgliedstaaten zu stabilisieren. Gleichzeitig gab es bitteren Streit über die damit verknüpften Sparprogramme, die in den Südländern zu sozialen Härten und Massenarbeitslosigkeit führten, was die Betroffenen der Regierung in Berlin anlasteten. Dass die Währungsunion einen besonderen Wohlstandsschub für Europa brachte und die Einigung intensiviert habe, ist nicht festzustellen. Der Euro wurde vielmehr, so findet Hans-Werner Sinn, zu einem Spaltpilz. Der langjährige Ifo-Präsident, der sich 2010 zum scharfen Eurokritiker wandelte, fordert eine „atmende Währungsunion“, die temporäre Austritte und Schuldenschnitte ermöglicht. Das fände auch Renate Ohr gut. Sie plädiert für eine verkleinerte Währungsunion: „Ein völliges Auseinanderbrechen wäre aber nicht gut.“

Auch der Würzburger Eurokritiker Berthold glaubt, dass die Währungsunion trotz aller Spannungen Bestand haben wird. „Sie ist primär ein politisches Projekt. Der politische Druck ist so groß, dass man damit in den nächsten Jahrzehnten leben muss.“ Allerdings muss einer zahlen. Für Deutschland sind die EZB-Leitzinsen zu niedrig, so dass es zu einer Umverteilung von den deutschen Sparern hin zu den Schuldnern im Süden kommt. „Die weitere Entwicklung der Euro-Union hin zu einer Transferunion ist so sicher wie das Amen in der Kirche“, glaubt Berthold. Auch in puncto Inflation sei das letzte Wort noch nicht gesprochen. Als Spätfolge der expansiven EZB-Geldpolitik zur Rettung von Eurostaaten könnte es zu einem Inflationsschub kommen, glaubt Berthold. „Die EZB muss erst noch beweisen, dass sie die Billionen, die sie in die Märkte drückt, in den nächsten Jahren wieder einsammeln kann. Das wird schwierig.“

Weitere Themen

Schulzes Klimaschutzgesetz bringt Union auf die Palme

Bund soll mehr tun : Schulzes Klimaschutzgesetz bringt Union auf die Palme

Der Vorschlag von Umweltministerin Schulze für lineare Treibhausgasminderungen stößt in der Union auf heftigen Widerspruch: Teile des Konzepts, die Sanktionierungen bei Nichterfüllung vorsehen, passten hinten und vorne nicht zusammen.

Ohne Deal mit der EU kommen Autozölle Video-Seite öffnen

Trump trifft Kurz : Ohne Deal mit der EU kommen Autozölle

Amerikas Präsident Donald Trump will mögliche Strafzölle auf europäische Autos vom Ausgang der Handelsgespräche mit der EU abhängig machen. Wenn es zu keinem Deal mit den Europäern komme, werde er die Zölle verhängen, sagte Trump bei einem Treffen mit Österreichs Bundeskanzler Sebastian Kurz in Washington.

Topmeldungen

Darf auch nach einem ungeregelten Brexit abheben: eine Maschine von Thomas Cook.

Auch bei hartem Brexit : EU bannt Brexit-Risiken für Urlauberflüge

Deutsche Touristen können aufatmen: Fluggesellschaften dürfen nach dem Willen der EU auch im Falle eines ungeregelten Brexits starten – zumindest für die folgenden sechs Monate. Ursprünglich hatte die Kommission deutlich striktere Regeln vorgeschlagen.
Hayabusa2 und der Asteroid Ryugu.

Japanische Raumsonde : „Hayabusa2“ landet auf Rygugu

Großer Jubel in Japan: „Hayabusa2“ ist wohl auf dem Asteroiden Ryugu gelandet. Die Mission der japanischen Raumsonde soll auch Erkenntnisse bringen, wie man die Erde vor Asteroiden schützt.

Newsletter

Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.