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100-Tage-Bilanz eines Großprojekts : Es gibt zu viele Krippen in Deutschland

  • -Aktualisiert am

Jetzt müssen endlich noch ein paar Kinder auf die Welt kommen, damit die armen Krippen nicht so leer herumstehen Bild: Caro

Monatelang wurde davor gewarnt, es gebe nicht genug Krippenplätze. Die Zahl der Plätze wurde dann fast verdreifacht. Jetzt zeigt sich: Das war Hysterie. Was uns nicht daran hindert, noch mehr Geld in die Krippen zu pumpen.

          Die gute Nachricht vorneweg: Die Katastrophe ist ausgefallen, Krippenland Deutschland nicht abgebrannt. Nach 100 Tagen Rechtsanspruch offenbart sich vielmehr das Muster, nach dem solche politischen Großprojekte laufen: Erst wird der Notstand ausgerufen, wird gewarnt, dass die Republik auseinanderfällt, bis die Stimmung so weit ist, dass die Milliarden nur so purzeln. So lief es mit den Krippen. So wiederholt es sich nun in der Debatte um die angeblich verrottete Infrastruktur, die auch viele Milliarden nötig hätte – wenngleich dabei der emotionale Eifer fehlt, der ins Spiel kommt, wenn es um das Wohl von Kindern geht.

          Georg Meck

          Verantwortlicher Redakteur für Wirtschaft und „Geld & Mehr“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Wie von Sinnen hatte das Land dem 1. August entgegen gefiebert. Jedes Kind zwischen einem und drei Jahren erlangte zu dem Termin den Rechtsanspruch auf Betreuung; in einer Einrichtung oder bei einer staatlich geförderten Tagesmutter. Dieses Ziel sei nicht zu schaffen, hieß es in anschwellender Panik: Alarm, Alarm! Und jetzt, nach 100 Tagen? Die Kinder sind versorgt, melden die einschlägigen Stellen. Kein Notstand weit und breit: Wie konnte das passieren?

          „Wir haben geklotzt, nicht gekleckert“, sagt der Herr vom Deutschen Städtetag. Das ist nicht gelogen: Es wurde gebaut auf Teufel komm raus. Traumhafte Zeiten (und Profite) für Architekten und Baufirmen, die Handwerker wurden überrannt. Alles wurde bezahlt, jeder neue Krippenplatz bejubelt als ein Fortschritt für die Menschheit. Denn: Mit dem 1. August begann eine „neue Ära“, so tönte es in den Festreden.

          Es ist gesünder, nicht nachzurechnen

          Angestoßen hat das Mammutprojekt Ministerin Ursula von der Leyen (CDU) im Jahr 2007, damals auch noch offiziell für Frauen und Familie zuständig. Es folgten diverse Krippengipfel und noch mehr staatliche Programme, bis nun ein Triumph der Planwirtschaft zu vermelden ist: Soll übererfüllt. Die Zahl der Krippenplätze hat sich fast verdreifacht, auf mehr als 800.000. Selbst der nach oben korrigierte Bedarf –- eine ziemlich willkürlich gesetzte Zahl -– ist übertroffen. Es sind zu viele Krippen da.

          Klar, in den Hochburgen für junge Familien, etwa Berlin-Prenzlauer Berg oder den schicken Innenvierteln in Großstädten, werden noch Wartelisten geführt, in München rennen Frauen noch immer direkt vom Schwangerschaftstest zur Kita. Generell aber hat sich das Problem ins Gegenteil verkehrt: Die Krippen in den Außenbezirken warten auf Kinder, von den Leerständen auf dem flachen Land ganz zu schweigen. Die ersten Tagesmütter hoffen ob der ausbleibenden Kundschaft bereits, dass dem Staat irgendwann das Geld ausgehen möge für immer neue Bauten.

          So sind die Krippen ein hübsches Beispiel dafür, wie finanzielle Anreize in der Politik wirken: Welcher Bürgermeister eröffnet nicht gerne einen Kindergarten? Noch dazu, wenn er ihn nicht selbst bezahlen muss, wenn er sogar von Berlin zum Bau genötigt wird.

          Selbst das schrumpfende Dorf in der Provinz bekommt seine schmucke Krippe: acht Kinder in einem konkreten Fall in Bayern gegen eine halbe Million Euro Bausumme plus der laufenden Kosten. Es ist gesünder, nicht nachzurechnen, was die Stunde Obhut kostet, ob sich das je lohnt, vielleicht werden ja noch ein paar Babys geboren, wer weiß, irgendwann.

          Die Horrormeldungen häuften sich

          Aber jetzt die Zahlen zum Irrsinn: Allein der Bund hat mehr als fünf Milliarden Euro in die Krippen rein gebuttert, Länder und Kommunen mindestens noch mal so viel. Auch die Europäische Union wurde angezapft, die staatliche Förderbank KfW für verbilligte Kredite eingespannt: 380 Millionen Euro hat die KfW ins Fenster gestellt, der Ansturm war so gewaltig, dass das subventionierte „Förderprogramm für Kitas“ auf 550 Millionen Euro aufgestockt wurde, auch davon sind nur Krümel übrig. „Das Programm ist nahezu ausgeschöpft“, berichtet Ulrich Schröder, Vorstandsvorsitzender der KfW, „das Interesse war enorm.“

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