https://www.faz.net/-gqe-osnr
 

Wirtschaftspolitik : Konzerne auf Wanderschaft

  • -Aktualisiert am

Nicht alles, was groß ist, ist deshalb schon ein Champion Bild: dpa

Die Diskussion um die Bildung von Großkonzernen im Weltmaßstab ist entbrannt. Das zeigt die Betriebsamkeit unter deutschen Banken, das Gerangel um Aventis und Alstom. FAZ.NET-Spezial zur Frage: Brauchen wir "nationale Champions"?

          3 Min.

          Glaubt man dem heutigen ABB-Chef und früheren Hoechst-Vorstandsvorsitzenden Jürgen Dormann, dann bestand in den neunziger Jahren des vorigen Jahrhunderts die realistische Chance, aus Hoechst und Bayer einen großen Pharma- und Chemiekonzern mit 50 Milliarden Euro Jahresumsatz zu formen. Die Gelegenheit wurde vertan, statt ein "nationaler Champion" mit Expansionsperspektiven für die ganze Welt zu sein, wanderte Hoechst über Aventis zu Sanofi nach Frankreich. Bayer trennt nunmehr den zukunftsschwächeren Teil der Chemie ab und dürfte im Pharmageschäft je länger, desto mehr zu einem Markenartikler mit Salben, Wässerchen und rezeptfreien Medikamenten mutieren.

          Größter deutscher Pharmakonzern ist heute Boehringer Ingelheim mit einem Jahresumsatz von gut sieben Milliarden Euro. Die Ingelheimer dürfen sich darüber freuen, im Weltmaßstab bedeutet dies nichts. Aber brauchen wir überhaupt "nationale Champions", die das Segel der Globalisierung setzen können? Die Frage stellen heißt, an eine ganze Reihe grundsätzlicher Punkte zu rühren: an die Rolle des Staates in der Wirtschaft, an Kartellgesetze, an die Bedeutung von Fusionen und Konzernzentralen und an die Entwicklung von Arbeitsplätzen.

          Es gehört zu den Merkwürdigkeiten der Globalisierungsdebatte, daß die zunehmende Verflechtung der Weltwirtschaft die Debatte über nationale Champions anheizt. In der Variante großer europäischer Einheiten erhält sie zudem schnell eine antiamerikanische Schlagseite mit geradezu kulturkritischer Stoßrichtung: Gegen die McDonaldisierung der Wirtschaft, lautet der Schlachtruf. Gerne wird dabei vergessen, daß gerade deutsche Unternehmen in der jüngeren Vergangenheit häufig in Amerika zugeschlagen haben: Der Automobilhersteller Chrysler und die Telefongesellschaft Voicestream sind nur zwei der bekanntesten Beispiele.

          Frankreich macht es scheinbar vor. Das Wirtschaftsministerium steuerte Aventis in den Hafen von Sanofi, bei Alstom errichtet es Schutzwälle gegen Siemens. Aber auch Deutschland hat gegen eine konsequente Ordnungspolitik gehandelt. Der Erwerb von Ruhrgas durch Eon stärkt beide vielleicht im europäischen Maßstab, die Kunden des Energiekonzerns in Deutschland haben davon nichts oder sogar weniger als vor dem Zusammenschluß.

          Ihren jüngsten Schub hat die Debatte über die Champions League der Wirtschaft durch die Frage der Konzernsitze erhalten. Der Schock sitzt tief: Infineon drohte mit dem Wegzug in die Schweiz, Siemens wurde schon in Salzburg gesehen, und für die Deutsche Bank scheint es in Frankfurt kein Halten mehr zu geben.

          Schon jetzt ist eine schleichende Verlagerung von Konzernfunktionen ins Ausland zu beobachten. Die Lage kann dramatisch werden bei der Gründung einer Holding im Fall einer Fusion der Deutschen Bank mit einem europäischen Wettbewerber. In den Überlegungen einer Standortwahl im Ausland mögen sich persönliche Präferenzen von Vorstandssprecher Josef Ackermann, der schlechte Zustand des Wirtschaftszentrums Deutschland und Gleichgewichtsgedanken der möglichen Partner miteinander vermengen. Sie sind aber in jedem Fall brisant: Wo der Konzernsitz ist, dort ist der wirtschaftliche Champion beheimatet. Daß in den neuen Bundesländern kaum eine Unternehmenszentrale zu finden ist, trägt dort zur wirtschaftlichen Malaise bei.

          Eine kleine Holding macht noch keinen blühenden Standort. Es kommt auf das wirtschaftliche Kraftzentrum an. Insofern muß die weitere Entwicklung in der Deutschen Bank abgewartet, aber auch sorgfältig beobachtet werden. Der Luft- und Raumfahrtkonzern EADS hat seinen juristischen Sitz in den Niederlanden. Gleichwohl ist er im wesentlichen eine deutsch-französische Unternehmung mit dem Zentrum Toulouse - und einem latenten Balanceverlust zugunsten der Franzosen.

          Industriepolitik zielt nur zum Teil auf die Sicherung von Arbeitsplätzen im Land. Wahrscheinlich ebenso stark ist - zum Beispiel auch in den Vereinigten Staaten - der Wunsch, Netzwerke des Wissens im Land zu behalten, von Forschung und Entwicklung über Anwälte und Wirtschaftsprüfer bis hin zu Designzentren und Werbeagenturen. Diese Netze ziehen qualifizierte Führungskräfte und junge Talente an, hier entstehen neue Ideen, und hier wird über die daraus folgenden Investitionen entschieden. Bei Banken kommt als spezieller Faktor hinzu, daß die Geldversorgung als Schmiermittel der Wirtschaft immer noch in starkem Maße Vertrauenssache, behördlich stark reglementiert und politisch oft sensibel ist. Wen würde die Citigroup bei einem Konkurrenzprojekt in China im Zweifel eher finanzieren, Siemens oder General Electric?

          Ein europäisches Deutschland in einem französischen Europa - dies ist die Konsequenz der in Paris betriebenen Industriepolitik. Einen Freibrief für die Anmaßung wirtschaftlichen Urteils durch den Staat stellt dies noch lange nicht dar. Alstom wird trotz hoher Staatsgelder so nicht zu retten sein. Jeder lobt die Erfolge des Airbus gegen Boeing. Doch keiner kann die Kosten für den Steuerzahler beziffern, die zur Bildung und Entwicklung der EADS notwendig waren. Gerade die rot-grüne Koalition hat schon genügend Beispiele stümperhafter Standortpolitik geliefert, erinnert sei nur an den Baukonzern Philipp Holzmann, das Bombardier-Werk in Ammendorf oder zuletzt an das Sandkastenspiel der Bankenkonsolidierung mit der Postbank. Richtig ist, daß der deutsche Einfluß auf die Gesetzgebung in der EU zu wünschen übrigläßt und das Kartellrecht für Großunternehmen Europa oder sogar die Welt als Maßstab nehmen muß. Aber die Politik wird scheitern, wenn sie um marode "Champions" Schutzzäune errichtet. Sie muß günstige Rahmenbedingungen schaffen. Dann sorgen die Unternehmen für sich selbst - und bleiben im Land.

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Olaf Scholz, Annalena Baerbock und Armin Laschet während des Triells

          Das letzte Triell : Dieses Mal war Scholz vorbereitet

          Baerbock, Scholz und Laschet hatten nochmals die Chance, ihre Schlagfertigkeit zu zeigen. Der Sozialdemokrat und die Grüne präsentierten sich als Partner von morgen.
          Ein bedrohlicher Anblick: Die feuerrote Lava schießt in die Höhe.

          Mehrere Eruptionen : Vulkanausbruch auf Kanareninsel La Palma

          Fachleute hatten es befürchtet: Nach vielen kleinen Erdstößen ist ein Vulkan auf La Palma ausgebrochen. Lava und Asche schleudern durch die Luft. Seit Sonntagnachmittag wurden mehrere Tausend Menschen in Sicherheit gebracht.
          Christian Lindner beim FDP-Parteitag am Sonntag in Berlin.

          FDP vor der Wahl : Lindner will Stimmen aus Überzeugung, nicht aus Kalkül

          Die Freidemokraten sinnieren darüber, wer sie wählt und warum. Aus Taktik sollten die Leute nicht für die FDP stimmen, sagt Parteichef Lindner. Doch die Vorzeichen haben sich während des Wahlkampfs dramatisch verändert.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.