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Wirtschaftsnobelpreisträger : Robert Mundell ist tot

Galt vielen als „Vater des Euro“: Der Kanadier Robert Mundell bei einer Pressekonferenz in Wien im Jahr 2008 Bild: Picture-Alliance

Er wurde als „Vater des Euro“ bezeichnet und seine wichtigsten Arbeiten finden sich in jedem besseren Lehrbuch der Außenwirtschaft. Im Alter von 88 Jahren ist Robert Mundell in Italien gestorben.

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          Robert Mundell stammte aus Kanada, seine Karriere als einer der wichtigsten Ökonomen der vergangenen Jahrzehnte absolvierte er vor allem in den Vereinigten Staaten, aber am liebsten hielt er sich in Italien auf. Dort hatte er im Jahre 1969 in der Nähe von Siena eine riesige mittelalterliche Festung erworben. In einem kleinen Teil des Gebäudes lebte er mit seiner Familie, während der größte Teil unbewohnt blieb – abgesehen von einem großen Saal, in dem er gerne Konferenzen für Ökonomen organisierte. Wie viele bedeutende Ökonomen hat Mundell in seinen jüngeren Jahren mit wichtigen theoretischen Arbeiten die Erkenntnisse seines Fachs vorangebracht und in späteren Jahren die Politik zu beeinflussen verstanden und seine Lehren durch eine weltumspannende Vortragstätigkeit zu verbreiten vermocht.

          Gerald Braunberger
          Herausgeber.

          In jedem besseren Lehrbuch der Außenwirtschaft finden sich zumindest die beiden wichtigsten Arbeiten Mundells, für die der Kanadier im Jahre 1999 den Alfred-Nobel-Gedächtnispreis für Wirtschaftswissenschaften erhalten hatte. Beide Arbeiten beruhten auf einer grundlegenden Erkenntnis Mundells, die sein Schüler Rüdiger Dornbusch als die „Tyrannei der Kapitalmobilität“ bezeichnet hat: Die Analyse nationaler Wirtschaftspolitik reicht in einer Welt mit offenen Grenzen nicht aus, weil ihre internationalen Wirkungen berücksichtigt werden müssen.

          In einer sehr einflussreichen Arbeit aus dem Jahre 1961 befasste sich Mundell mit der Theorie optimaler Währungsräume, die seitdem mehrere Erweiterungen erfahren hat. Hierin betonte der Kanadier eine hohe Beweglichkeit von Arbeitskräften und Kapital als Vorbedingung für erfolgreiche Währungsunionen. Obgleich die Eurozone dem theoretischen Ideal nicht entspricht, wurde Mundell gerne als „Vater des Euros“ bezeichnet; später trat er, unter anderem in einem Gespräch mit der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung, für eine enge Koppelung von Euro, Dollar und Yuan ein, die er als einen Schritt auf dem Weg zu einer Weltwährung verstand.

          Mundells Euro war ein Euro ohne Eurobonds

          Es lohnt sich, der Frage nachzugehen, warum ein konservativer Ökonom wie Mundell, der seit den siebziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts in den Vereinigten Staaten zusammen mit seinem Freund Arthur Laffer als einer der Väter moderner Angebotspolitik und damit auch als einer der intellektuellen Wegbereiter der Wirtschaftspolitik Ronald Reagans galt, die Europäische Währungsunion im Grundsatz guthieß. Mundell war ein überzeugter Anhänger der These, dass in einer funktionierenden Währungsunion jeder Staat sein wirtschafts- und finanzpolitisches Haus in Ordnung halten müsse. Daher lehnte der Kanadier eine gemeinsame europäische Verantwortung für die Finanzpolitik in der Eurozone entschieden ab. Mundells Euro war ein Euro ohne Eurobonds und ohne europäischen Haushalt, aber mit nationaler Disziplin in der Finanz- und in der Sozialpolitik.

          Zum anderen erklärte sich Mundells Befürwortung des Euros – wie generell größerer Währungsräume – aus den ernüchternden Erfahrungen mit sehr großen Kursausschlägen im System flexibler Wechselkurse nach 1973. Große Währungsräume erleichterten aus seiner Sicht das Zusammenwachsen von Finanzmärkten und damit die optimale Anlage von Ersparnissen.

          Für Furore in der Außenwirtschaftstheorie sorgte Mundell auch im Jahre 1963 mit einer grundlegenden Arbeit, in der er sich mit den Wirkungen nationaler Geld- und Finanzpolitik unter der Annahme freien Kapitalverkehrs befasste. Es zeigt sich, dass die Ergebnisse sehr davon abhängen, ob sich die Währung eines Landes in einem System flexibler oder fester Wechselkurse befindet. Auch diese Arbeit gehört zum festen Bestandteil der Lehrbuchliteratur.

          Wegen seiner Expertise war der Kanadier über Jahrzehnte als Berater zahlreicher Regierungen, nationaler Zentralbanken und internationaler Organisationen wie der Vereinten Nationen und des Internationalen Währungsfonds gefragt. Am vergangenen Samstag ist Robert Mundell im Alter von 88 Jahren in seiner italienischen Wahlheimat verstorben.

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