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Nobelpreis für Wirtschaft : Wie kann Armut gelindert werden?

Der Wirtschaftsnobelpreis in diesem Jahr geht an Esther Duflo aus Frankreich, Abhijit Banerjee aus Indien und den Amerikaner Michael Kremer. Bild: dpa

Esther Duflo aus Frankreich ist die zweite Frau in der Riege der Wirtschaftsnobelpreisträger. Wie Abhijit Banerjee aus Indien und der Amerikaner Michael Kremer forscht sie daran, wie die globale Armut gelindert werden kann – und soll.

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          Der diesjährige Nobel-Gedächtnispreis für Wirtschaftswissenschaften geht an die drei Ökonomen Abhijit Banerjee, Esther Duflo und Michael Kremer. Die drei Forscher erhalten die renommierte Auszeichnung für ihre Experimente zur globalen Armutsbekämpfung. Das gab die Königlich-Schwedische Akademie der Wissenschaften am Montag in Stockholm bekannt. Die im Jahr 1972 in Frankreich geborene Duflo ist erst die zweite Frau und zugleich jüngste Person in der Nobelgeschichte, die die Auszeichnung erhält.

          Maja Brankovic

          Redakteurin der Frankfurter Allgemeinen Woche.

          Die bisherigen Preisträger waren im Durchschnitt 69 Jahre alt. Alle drei Preisträger lehren an amerikanischen Universitäten. Duflo hat nach eigener Aussage nicht damit gerechnet, bereits in ihrem Alter mit dem Wirtschaftsnobelpreis ausgezeichnet zu werden. Sie sei davon ausgegangen, dass man viel älter sein müsse, um sich den Preis zu verdienen. Die Auszeichnung erfülle sie mit Demut, sagte sie am Montag während der Bekanntgabe der diesjährigen Preisträger von der Königlich-Schwedischen Akademie der Wissenschaften angerufen wurde.

          Sie hoffe, alle Wirtschaftswissenschaftlerinnen repräsentieren zu können und wolle Frauen dazu inspirieren, ihrer Forschung weiter nachzugehen. Auch sollte ihre Auszeichnung viele weitere Männer dazu bringen, Frauen den Respekt zu zollen, den sie verdienten. Der Generalsekretär der Wissenschaftsakademie, Göran Hansson, machte klar, Duflo erhalte den diesjährigen Preis nicht, weil sie eine Frau sei, sondern wegen ihrer herausragenden Forschung.

          Kein Patentrezept für erfolgreiche Entwicklungshilfe

          Trotz ihres vergleichsweise jungen Alters wird Duflo schon länger als Favoritin für den Nobel-Gedächtnispreis gehandelt. Mit ihren Feldexperimenten haben sie und der ebenfalls ausgezeichnete Abhijit Banerjee eine ganze Welle von entwicklungsökonomischen Studien losgetreten und die internationale Entwicklungshilfe immer wieder aufs Neue auf den Prüfstand gestellt. Aufsehen erregten Duflo und Banerjee mit einer Studie, in der sie zeigten, dass die vielgefeierten Mikrokredite Dorfgemeinschaften doch nicht so stark voranbringen wie erhofft.

          In der Entwicklungshilfepolitik steht Duflo zwischen den extremen Polen. Die eine Seite ist davon überzeugt, dass mit einer gewaltigen Ausweitung der westlichen Hilfsgelder Entwicklungsschübe möglich wären. Die Gegenseite hält dieser Überzeugung die Misserfolge vieler bisheriger Programme entgegen. Duflo sieht sich keinem der Lager zugehörig. Sie glaubt, dass es kein Patentrezept für erfolgreiche Entwicklungshilfe gebe. Viele kleine Projekte aber zeigten, dass es durchaus Hoffnung auf eine bessere Ernährung, bessere Schulen oder Zugang zu Banken in den ärmsten Regionen der Welt gebe.

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          Nach ihrem Studium der Geschichte und Volkswirtschaftslehre in Paris ging sie im Jahr 1995 für ihre Promotion in die Vereinigten Staaten ans Massachusetts Institute of Technology (MIT), wo sie heute noch immer forscht und lehrt. Im Jahr 2003 gründete sie zusammen mit Abhijit Banerjee am MIT das „Poverty Action Lab“, das die beiden prämierten Forscher heute noch immer leiten. Der gebürtige Inder Banerjee, Jahrgang 1961, hat in Kalkutta und Neu-Delhi studiert, an der amerikanischen Universität Harvard promoviert und ist seit 1996 Professor am MIT. Duflo und Banerjee arbeiten nicht nur zusammen, sondern sind auch privat liiert.

          Nur ein deutscher Preisträger bislang

          Der dritte Preisträger, der Harvard-Professor Michael Kremer, hat vor allem an Wegen geforscht, um die Lernergebnisse von Schülern im Westen Kenias zu verbessern. Mitte der neunziger Jahre untersuchte er etwa in einer Reihe von Experimenten, wie sich die Noten von Schülern in Kenia verbessern lassen. Duflo und Banerjee haben in ihrer Forschung auf dem Ansatz Kremers aufgebaut und, zum Teil auch mit Kremer zusammen, ähnliche Feldexperimente durchgeführt.

          Der Wirtschaftsnobelpreis ist der einzige der Nobelpreise, der nicht auf Nobels Testament zurückgeht. Er wird seit Ende der 1960er Jahre von der schwedischen Reichsbank gestiftet, wie die anderen Nobelpreise aber auch von der Schwedischen Akademie der Wissenschaften verliehen.

          Seit der ersten Verleihung im Jahr 1969 war bisher erst ein Deutscher unter den Preisträgern: Der Bonner Wissenschaftler Reinhard Selten erhielt ihn vor 25 Jahren gemeinsam mit John Nash und John Harsanyi für ihre wegweisenden Beiträge zur nichtkooperativen Spieltheorie. Besonders häufig wurden Amerikaner ausgezeichnet, darunter auch die vor Duflo bisher einzige Frau, die Professorin Elinor Ostrom.

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