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Wirtschaftsmetropole : Chicago trägt wieder einmal Trauer

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Dunkle Wolken über dem Mittleren Westen Bild: AP

Für den Wirtschaftsstandort Chicago ist der Verkauf der Bank One ein großer Schlag. Jegliche Ambitionen, ein Machtzentrum der Finanzindustrie zu werden, sind damit dahin.

          Jamie Dimon hat am Mittwoch abend sofort versucht, die Gemüter in Chicago zu beruhigen. "Meine Frau und ich haben uns in Chicago verliebt, und unsere Kinder sind gerade in der Schule. Vielleicht werden wir jetzt gar nicht nach New York ziehen", sagte der Chef von Bank One, der im Zuge des Bankenzusammenschlusses Thronfolger bei J.P. Morgan Chase wird. Verlassen sollten sich die Chicagoer auf die Worte von Dimon nicht. Als er im Jahr 2000 nach Chicago kam und die Führung der Bank One übernahm, sagte er, er habe nicht die Absicht, das Unternehmen zu verkaufen.

          Für den Wirtschaftsstandort Chicago ist der Verkauf der Bank One ein großer Schlag. Jegliche Ambitionen, ein Machtzentrum der Finanzindustrie zu werden, sind damit dahin. Die größte verbliebene Bank, die ihre Zentrale in Chicago hat, ist nun Northern Trust. Diese Gesellschaft ist mit Vermögenswerten von 41 Milliarden Dollar im Vergleich zur siebenmal so großen Bank One aber verschwindend klein. Erst im vergangenen Jahr verlor der Finanzdienstleister Household International seine Unabhängigkeit, der von der britischen Bank HSBC übernommen worden war.

          Große Namen verloren

          Aber auch in anderen Branchen hat Chicago in den vergangenen Jahren große Namen verloren. Vor allem 1998 war ein schwarzes Jahr für die Stadt im Bundesstaat Illinois: So kündigte der britische Ölkonzern BP den Kauf des in Chicago ansässigen Wettbewerbers Amoco für rund 50 Milliarden Dollar an - die größte Akquisition eines amerikanischen Unternehmens durch eine ausländische Gesellschaft, die auch den kurz zuvor bekanntgewordenen Kauf des Autoherstellers Chrysler durch den deutschen Autokonzern Daimler-Benz übertraf.

          Im gleichen Jahr einigten sich der texanische Telekommunikationskonzern SBC Communications mit dem Chicagoer Wettbewerber Ameritech auf eine Übernahme im Umfang von mehr als 60 Milliarden Dollar. Im Jahr 2000 wurde der traditionsreiche Nahrungsmittelhersteller Quaker Oats an den Pepsi-Konzern verkauft.

          United Airlines, McDonalds´, Motorola

          Auf der anderen Seite steht in den vergangenen Jahren nur ein wesentlicher Zugewinn: Der Luft- und Raumfahrtkonzern Boeing hat im Jahr 2001 seine Unternehmenszentrale von der Stadt Seattle an der Westküste nach Chicago verlagert. Dieser Schritt war allerdings mehr ein Prestige- als ein Arbeitsplatzgewinn. Die Boeing-Zentrale hat nur rund 500 Mitarbeiter. Trotzdem befinden sich im Bundesstaat Illinois noch immer 35 aus der Fortune-Liste der 500 größten amerikanischen Unternehmen. Nur in den Bundesstaaten New York, Kalifornien und Texas gibt es mehr. In Chicago haben zum Beispiel der Einzelhändler Sears, Roebuck und die Fluggesellschaft United Airlines ihren Sitz. In Vororten der Stadt sind die Zentralen der Schnellimbißkette McDonald's und des Telekommunikationskonzerns Motorola.

          Viele urbane Attribute

          Chicago - obwohl im ländlichen mittleren Westen der Vereinigten Staaten gelegen - ist eine der wichtigsten Metropolen der Vereinigten Staaten und trägt viele urbane Attribute: multikulturelle Bevölkerung, sozialer Brennpunkt, Jazz-Hauptstadt, Zentrum des Verbrechens - der Gangster Al Capone trieb in den zwanziger und dreißiger Jahren hier sein Unwesen. Die Stadt mit rund 2,8 Millionen Einwohnern trägt den Spitznamen "Second City", obwohl Chicago nach New York und Los Angeles nur die drittgrößte Stadt des Landes ist. Ein weiterer verbreiteter Spitzname ist "Windy City" (windige Stadt) - nicht wegen des rauhen Klimas, sondern wegen der aggressiven Methoden, mit denen Vertreter der Stadt früher an der Ostküste um Investoren warben.

          Ähnliche Probleme wie Chicago kennt auch das rund eine Flugstunde entfernte Detroit im Bundesstaat Michigan, das wie Chicago an den Großen Seen liegt. Die, gemessen an Einwohnern, zehntgrößte Stadt der Vereinigten Staaten hat in den vergangenen Jahren vor allem unter den wachsenden Schwierigkeiten der amerikanischen Autoindustrie zu leiden: Die drei großen Autohersteller General Motors, Ford und Chrysler haben ihren Sitz in der Region, außerdem die beiden Autozulieferer Delphi und Visteon. Das rauhe Umfeld schlägt sich in den Bevölkerungszahlen nieder: Nach den jüngsten Census-Zahlen ist die Bevölkerung von Detroit zwischen den Jahren 2000 und 2002 um fast 3 Prozent geschrumpft - so stark wie in keiner anderen der zehn größten Städte des Landes. Neben Detroit ist Chicago die einzige Stadt, die in diesem Zeitraum ebenfalls Einwohner verloren hat.

          Ende der Wohltaten

          Unterdessen stellt sich Chicago im Zuge der Bankenfusion darauf ein, Bank One in seiner Rolle als Wohltäter zu verlieren. Im vergangenen Jahr hat die Bank rund 40 Millionen Dollar für karitative Zwecke ausgegeben, davon fast 10 Millionen Dollar in Chicago selbst. Nach Informationen der Zeitung "Chicago Tribune" soll J.P.-Morgan-Chef William Harrison zugesagt haben, die Ausgaben für Chicago sogar leicht zu erhöhen, um ein Zeichen der Verbundenheit mit der Region zu setzen. Solche Versprechen hätten allerdings in der Vergangenheit auch andere Gesellschaften gemacht, die Unternehmen in der Region gekauft haben, bemerkt die Zeitung.

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