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Wirtschaftsmächte : Die Neuordnung der Welt

  • -Aktualisiert am

Europa wird in vierzig Jahren 50 Millionen Menschen verlieren Bild: AP

Zwanzig Jahre nach dem Fall des Eisernen Vorhangs erschüttern Wohlstandseinbußen viele Industrieländer. Die Finanzkrise ist eine Zäsur. Sie beschleunigt den Machttransfer hin zu den Schwellenländern. Die Verunsicherung in westlichen Demokratien zeigt sogar Züge von Orientierungslosigkeit.

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          Der wirtschaftliche Boom in den Schwellenländern zusammen mit raschem Bevölkerungswachstum verändern das Bild der Erde. Die Zunahme der Weltbevölkerung auf bald neun Milliarden Menschen kennt zwei Ausnahmen: Europa und Japan. Europa wird in vierzig Jahren 50 Millionen Menschen verlieren und damit so etwas wie ein Transformationslabor für den Abschied vom herkömmlichen Wachstumsprinzip. Es wird nicht mehr darum gehen, mit mehr Menschen mehr Wirtschaftsleistung zu erarbeiten, sondern darum, mit weniger Leuten mindestens die gleiche Leistung zu erwirtschaften, um den Wohlstand zu erhalten. Dieser Umbau wird Europas Volkswirtschaften prägen, mit großem Einfluss auf Strategie und Geschäftsmodelle von Unternehmen.

          Weltweit ist eine tektonische Verschiebung im Machtgefüge in Gang gekommen. Die Finanzkrise beschleunigt den Machttransfer hin zu den Schwellenländern. In den Industrieländern hat die Krise die lange durch eine Schwemme billigen Notenbankgeldes versteckten Strukturschwächen aufgedeckt. In den Vereinigten Staaten, Japan und Europa begrenzen hohe Staatsschulden, überforderte Sozialsysteme und alternde Gesellschaften langfristig das Wachstumspotential. Zwanzig Jahre nach dem Fall des Eisernen Vorhangs zwischen Ost und West, in denen Marktwirtschaft und Globalisierung Milliarden Menschen eine rasante wirtschaftliche Entwicklung gebracht haben, erschüttern Wohlstandseinbußen viele Industrieländer. Entsprechend groß ist in westlichen Demokratien die Verunsicherung, die sogar Züge von Orientierungslosigkeit zeigt.

          Die Finanzkrise ist eine Zäsur. Sie hatte ihren Ursprung in der verantwortungslosen Verschuldung im Westen, der nun am meisten unter den Folgen leidet. Im Unterschied zu den vorherigen Finanzkrisen der Nachkriegszeit kann der Westen nicht mehr in der Rolle des Lehrmeisters auftreten. Ihm stehen jetzt selbstbewusste Länder wie China, Indien, Brasilien, Indonesien oder die Türkei gegenüber, die auf Basis wachsender und strukturell erneuerter Volkswirtschaften ihre Interessen durchzusetzen verstehen. Die neue Weltwirtschaftsordnung zeigt sich in der Reform des Internationalen Währungsfonds. Künftig sind neben den traditionellen G-7-Ländern die vier BRIC-Staaten Brasilien, Russland, Indien und China die elf größten Anteilseigner des IWF.

          Der Staatseinfluss auf die Wirtschaft wächst wieder

          Die Industrieländer haben mit freiem Handel und liberalisierten Finanzmärkten die Voraussetzungen für das kräftige Wachstum der Weltwirtschaft geschaffen. Jetzt werden die Regulierungsschrauben angezogen, der Einfluss des Staates auf die Wirtschaft wächst wieder, selbst dort, wo er schon immer stark war. Auf einmal sind auch wieder protektionistische Kampfbegriffe wie Währungskrieg oder Abwertungswettlauf zu hören. Dies deutet darauf hin, dass die neue multipolare Welt keine einfache werden wird. Im Westen ist die Wiederentdeckung des Staatskapitalismus eine Folge der Krise. In den staatsgelenkten Volkswirtschaften des Ostens gab es ihn auch schon vorher. Staatsfonds aus China, Russland und den Ölförderstaaten haben drei Billionen Dollar in der ganzen Welt investiert und bewegen mehr Geld als alle Hedge-Fonds zusammen. Die staatlichen Portfoliomanager behaupten, das Geld völlig unpolitisch anzulegen. Doch kann man sich darauf verlassen?

          Auf der Welt ist ein ökonomischer Systemwettbewerb entbrannt. Das Erfolgsmodell Volksrepublik China, wo erstmals ein kapitalistisches Wirtschaftssystem mit einer kommunistischen Diktatur kombiniert wird, tritt in Konkurrenz zur finanzkapitalistischen Marktwirtschaft angelsächsischer Prägung und den sozialen Marktwirtschaften in Europa und Japan. Der Ausgang ist offen. Welchem Modell folgen andere Länder? Stellvertretend für andere fechten in Asien die bevölkerungsreichsten Ländern der Erde, das sozialistische China und das demokratische Indien, um die Ordnung der Zukunft.

          Derweil scheint die Supermacht der Vergangenheit wie gelähmt. Ohnmächtig schauen die Vereinigten Staaten zu, wie selbst in Südamerika China eine führende Rolle als Investor und Käufer von Rohstoffen spielt. Auch in Afrika wächst der Einfluss Chinas, zu vielen rohstoffreichen Ländern sind seine Verbindungen besser als zu den Vereinigten Staaten. Im Zentrum stehen die Ölförderländer im Nahen Osten. Wer die dortigen Energiereserven kontrolliert, hat entscheidenden Einfluss auf die Welt. Schon heute liefert Saudi-Arabien einen Großteil seines Öls nach Asien. Ähnliches könnte im Irak passieren, wenn sich das Land mit den zweitgrößten Reserven vom Krieg erholt hat. Iran wollen die Vereinigten Staaten mit Sanktionen in die Knie zwingen, bislang vergebens, solange Länder wie Pakistan oder die Türkei dort regen Handel treiben.

          Gerechnet nach Kaufkraftparitäten, könnte Chinas Volkswirtschaft schon 2012 Amerika überholen. Dann stünde das Reich der Mitte wieder dort, wo es in der vorkolonialen Zeit mit mehr als einem Fünftel des Weltsozialprodukts stand und wo es nach seinem Selbstverständnis hingehört: an der Spitze der Weltwirtschaft.

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